Von Birgit Ochs
09. März 2008 Alle reden von Dubai, von Abu Dhabi und von den reichen saudischen Investoren. Von den künstlichen Inseln, den riesigen glitzernden Einkaufszentren, den gigantischen Wohntürmen. Die neuen Zentren, die in rasantem Tempo und gewaltigen Dimensionen im Wüstensand der Vereinigten Arabischen Emirate entstehen, erregen rund um den Erdball Aufmerksamkeit.
Wenn sich am Dienstag der kommenden Woche die internationale Immobilienbranche zur Messe Mipim in Cannes an der Cote d'Azur ihr alljährliches Stelldichein gibt, werden die dort präsentierten Großprojekte in den Emiraten wieder eine Klasse für sich sein. Die Scheichs des 21. Jahrhunderts brauchen keinen Zauber mehr, um ihr Reich aus 1001 Nacht erstehen zu lassen. Die Petrodollar haben die Wunderlampen überflüssig gemacht. Den Bau der Traumwelt aus Glas und Stahl erledigen Bauarbeiter aus Indien und den Philippinen. Und mit der Planung ihrer Vorzeigeprojekte beauftragen die Ölmultis Stars der internationalen Architekturszene.
Die Weite des unbebauten Raums reizt viele Architekten
Denn wenn sich Städte wie Bilbao, Köln und der Grenzort Weil am Rhein mit einem Bau der Gehrys, Pianos und Hadids schmücken, warum sollten die sich neu erfindenden Zentren auf der Arabischen Halbinsel hinten anstehen? Die Architekten greifen bei den angebotenen Aufträgen nur zu gerne zu, nicht zuletzt auch, weil sich ihnen in der Weite des bisher unbebauten Raums eine Spielwiese eröffnet, die sie anderswo schwerlich finden.
Das ist keineswegs neu. In der Vergangenheit haben zahlreiche westliche Planer den Städtebau im arabischen Raum mit vorangetrieben, sagt Mateo Kries, Kurator der Ausstellung Leben unter dem Halbmond. Die Wohnkultur der arabischen Welt, die auf ihrer vierten Station im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen ist.
Wohnensemble im Stile Le Corbusiers
So nutzten unter anderen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Corbusier-Schüler Jean Hentsch und André Studer die vergleichsweise große Planungsfreiheit, die sich ihnen in Marokko bot. 1955 entstand in Marrakesch ein großes Wohnensemble, in dem sie die Anforderungen an den modernen Massenwohnungsbau mit der architektonischen Tradition des Landes zu verbinden suchten. Die Schweizer Architekten entwarfen einen extrem verschachtelten Betonkomplex, dessen versetzte Balkone den traditionellen Innenhof ersetzen sollten, was aber nicht wirklich gelang.
Die Ausstellung zeigt die Bauten der Cobusier-Schüler als eines von vielen Beispielen, die traditionelle Bauweise mit modernen Anforderungen zu verknüpfen suchen. Insgesamt haben die Macher den Bogen weit gespannt, schließlich ist der arabische Raum groß: Von Mauretanien über den Maghreb, Ägypten, den Nahen Osten bis hin nach Jemen im Süden der Arabischen Halbinsel erstreckt sich das Gebiet. Wüste, Berge oder das Meer prägen den Baustil.
Einflüsse aus Schwarzafrika
Mal sind die Gebäude und ihre Innenraumgestaltung schwarzafrikanisch beeinflusst, mal zeigen sie sich im mediterranen Stil. Von einer einheitlichen Region kann man nicht sprechen, ebenso wenig von einer Wohnkultur, darauf weist Kries ausdrücklich hin. Da sind die Zelte der Nomaden, die Urform des Wohnens, die auch dort, wo Bewohner in festen Behausungen leben, immer noch nachwirkt. Da sind die modernen Wohnkomplexe Beiruts, die Lehmhochhäuser im Jemen und die Türme Dubais. Deren Schatten reichen weit.
Nicht nur viele Großprojekte in der westlichen Welt nehmen sich im Vergleich mit den gigantischen Vorhaben in den Emiraten klein aus. Auch gerät die Stadtentwicklung in anderen Teilen der arabischen Welt aus dem Blick. Die Nöte und Perspektiven wie auch die Vielfalt der traditionellen Baukunst und der Wohnkulturen drohen zu verblassen.
Die Kasbahs sind Schauarchitektur geworden
In den arabischen Ländern laufen die gleichen Urbanisierungsprozesse ab wie anderswo. Die Bevölkerung zieht es vom Land in die Stadt, und sie braucht neue Unterkünfte. Wie Ringe legen sich die Vorstädte um den Kern, der zunehmend verfällt. Die traditionellen Häuser haben oft ausgedient. Die Kasbahs etwa, die Wohnburgen in Südmarokko, beherbergen heute meist Museen.
Das ist eine reine Schauarchitektur, sagt Kurator Kries. Lange hatten er und sein Team gesucht, um eines jener einst typischen Kuppeldörfer im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze zu finden. Die dortigen Bewohner träumen von einer zeitgemäßen Wohnform: von fließendem Wasser, Strom und Rückzugsmöglichkeiten auch innerhalb der Familie. Die Ausstellung zeigt dies - ohne zu verklären.
Die alte arabische Wohnkultur ist erstaunlich modern
Andererseits präsentiert sich das reiche Erbe der arabischen Wohnkulturen oftmals verblüffend modern, sei es in den reduzierten Grundformen vieler Objekte, in der multifunktionalen Nutzung von Räumen und Dingen. Schließlich gilt Flexibilität als Grundforderung an zeitgenössische Wohnformen. Auch Systeme zur Klimatisierung wie der Windkanal der Hofhäuser, der eine stetige Luftzirkulation in den mehrgeschossigen Bauten ermöglicht, besticht, kommt er doch gänzlich ohne eine stromfressende Klimaanlage aus.
Zudem stößt die in vielen Ländern verbreitete Tradition des Lehmbaus mittlerweile auch in anderen Teilen der Welt auf Interesse. Vor nicht allzu langer Zeit als Baustoff für Ökos geschmäht, beschäftigen sich immer mehr Planer mit seinem Einsatz auch in regenreicheren Regionen wie Deutschland. Lehm ist ein Baustoff, der atmet, Licht gut aufnimmt und die Wärme langsam wieder abgibt. Hierzulande wird er vor allem des guten Raumklimas wegen geschätzt, das er erzeugt.
In den Wohnräumen dominieren Stoffe
Den Innenräumen widmet die Ausstellung im Design Museum besondere Aufmerksamkeit. In den traditionellen Häusern sind sie eine Welt für sich. Das Innere des Wohnhauses ist der private Raum, der abgeschlossener ist als im Westen. Der Gast wird hierhin aus dem ihm zugewiesenen Empfangszimmer kaum vordringen. Das Interieur der Häuser ist weit weniger von Möbelstücken geprägt, es dominieren Stoffe: ob als Teppich, Matratze oder Sitzkissen. Als Einzelstücke sind sie auch im Westen in Mode - oft ergänzt durch eine silberne Teekanne, Kacheln oder Mosaiktischchen.
Die neuen Bauten in den Emiraten zeigt Leben unter dem Halbmond nur am Rande. Doch das Museum will die Ausstellung bis zum Sommer um diesen Teil ergänzen. An dem Thema kommt man nicht vorbei, sagt Kries. Auf der Messe in Cannes werden die Scheichs dann schon ihre jüngsten Pläne verkündet haben.
Die Ausstellung Leben unter dem Halbmond. Die Wohnkulturen der arabischen Welt ist noch bis zum 31. August im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen. Der Katalog kostet 59,90 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9.3.2008
Bildmaterial: Collection Musée de l'Homme, Deidi van Schaewen, laif/Guenay Ulutuncok, laif/Sasse, Marc Lacroix, Maréchaux, Thierry Mauger, Vitra Design Museum, Vitra Design Museum / Andreas Sütterlin
