Formel 1 in Melbourne

Die traumhafte Fahrt des Lewis Hamilton

Von Anno Hecker, Melbourne

16. März 2008 Bis sieben hat der Mann mit der schwarz-weiß karierten Flagge am Sonntag in Melbourne gezählt. Dann war Schluss. Es kam einfach keiner mehr an seinem Hochstand in Höhe der Ziellinie vorbeigeschossen. Rausgeflogen, liegengeblieben, ausgerollt: So beendeten 15 von 22 gestarteten Formel-1-Piloten den Saisonstart in Australien. Zuletzt schafften 1996 so wenige Rennwagen eines kompletten Starterfeldes die volle Distanz. Damals gewann Michael Schumacher sein erstes Rennen für Ferrari im strömenden Regen. Diesmal beendete die Scuderia, als WM-Favorit eingeschätzt, die Fahrt in sengender Hitze des australischen Spätsommers mit einem Pünktchen.

Sie hinterließ dabei den ersten Eindruck, schwer abgehängt und verdrängt worden zu sein aus dem Rampenlicht der Formel 1: Nämlich vom Erzrivalen McLaren-Mercedes mit Lewis Hamilton als Sieger vor Nick Heidfeld im BMW-Sauber und dem Überraschungsgast auf dem Podium, Nico Rosberg, deutscher Pilot des Privatteams Williams mit Toyota-Motor im Heck. Für die starke deutsche Besetzung auf dem Podium fand BMW-Sportchef Mario Theissen das Motto des Tages: „Man muss im richtigen Augenblick zur Stelle sein.“

„Dann war ich mittendrin in der Kollision. Feierabend“

Von Anfang an am richtigen Ort sah sich nur einer: Hamilton. Er dominierte vom Start aus der Pole-Position das gesamte Rennen bis zu seinem fünften Sieg, und zwar nach Belieben. „Das Team sagte mir, dass ich eine halbe Sekunde Vorsprung hatte pro Runde. Dabei habe ich es belassen“, erzählte der Brite und schwärmte von seinem neuen Dienstfahrzeug: „Ein Traum, leichter zu fahren als im vergangenen Jahr.“ Wenn das mal keine Botschaft war an die versammelte Konkurrenz.

Dieser McLaren-Mercedes MP4-23 ist nicht nur über eine Runde blitzschnell, wie Hamilton am Samstag mit seiner Bestzeit bewies. Der Bolide lief auch in der Gluthitze (51 Grad Celsius) über gut 300 Kilometer, ohne die Hinterreifen überdurchschnittlich zu belasten. Vorneweg fahrend entkam Hamilton dem Trubel in der Bolidenversammlung vor der ersten Kurve, die Sebastian Vettel im Toro Rosso zum Verhängnis wurde. „Ich habe einen Schlag rechts ins Heck bekommen. Dann war ich mittendrin in der Kollision. Feierabend.“

Hamilton und Rosberg eng umklammert zur Ehrung

Hamilton blieb von dem Chaos hinter ihm von der ersten Runde an unberührt. Selbst als das Sicherheitsfahrzeugs nach Timo Glocks spektakulärem Steilflug im Toyota über einen Graben nach Fahrfehler in der 45. Runde zum dritten Mal ausrückte und sein Vorsprung damit auf eine Wagenlänge vor Heidfeld schrumpfte, behielt der Brite seine Nerven. Zur Freifahrt bis ins Ziel gehörte auch ein bisschen Glück. „Es war schon ein Lotteriespiel“, sagte BMW-Mann Theissen. „Allerdings mussten die Jungs auch einen kühlen Kopf bewahren, um ihre Autos in diesem Trubel nach Hause zu bringen.“

Tanzeinlage vor der Siegerehrung: Mit hochroten Köpfen hüpften Hamilton (23 Jahre) und Rosberg (22) eng umklammert zur Feier ihres Tages auf der Stelle, während der Senior in diesem Trio, der 30 Jahre alte Heidfeld, hocherfreut aus seiner verschwitzten, mit Champagner getränkten Rennwäsche in die Zukunft schaute: „Nach den Problemen, die wir beim ersten Test feststellten, hätte ich nicht gedacht, dass wir hier so stark sein würden. Wir haben große Fortschritte gemacht.“ Sein Chef Theissen sprach vor der Datenanalyse von einer Annäherung an McLaren-Mercedes. Als sei das Saisonziel auf Anhieb zur Hälfte erfüllt: den ganz Großen im Nacken sitzen und den ersten Sieg als deutscher Konstrukteur aus eigener Kraft einfahren.

Rasanter wie cooler Kubica einfach hinausbefördert

Allein das glänzende Resultat suggeriert einen Teilerfolg. Im Zeittraining ist die Renngemeinschaft aus Bayern mit der Schweizer Dependance zweifellos McLaren dicht auf den Fersen. Der rasante wie coole Pole Robert Kubica, am Sonntag erst zurückgeworfen in einer Safety-Car-Phase, dann ruck, zuck hinausbefördert vom Unfallfahrer Kazuki Nakajama im Williams, verpasste die Pole-Position wegen eines Fahrfehlers nur um einen Wimpernschlag.

Die Rundenzeitenanalyse des Grand Prix aber deutete eher auf den alten Abstand hin: „Vielleicht sind wir noch nicht so stark im Longrun (über viele Runden)“, räumte Theissen ein. Um etwa 0,5 Sekunden lag BMW-Sauber 2007 im Schnitt hinter Ferrari oder McLaren-Mercedes. Am Sonntag hatte Hamilton keine Mühe, erst Kubica und dann später Heidfeld mehr als eine halbe Sekunde pro Runde abzunehmen.

Beinahe abgehoben vor lauter Erwartungsfreude

Schon die unterschiedlichen Höchstgeschwindigkeiten deuteten auf einen Nachteil für die BMW-Piloten. An Position elf und fünfzehn werden Heidfeld und Kubica nach der Melbourne-Auswertung geführt, um sieben und acht Kilometer pro Stunde langsamer als der Schnellste, Kovalainen (308,3). Da die Motoren wegen der Drehzahlbegrenzung (19 000) und des Entwicklungsstopps nicht mehr den großen Unterschied machen, dürfte an der aerodynamischen Effizienz zu feilen sein.

„Wir haben noch viel Arbeit“, sagte Kubica. Aber offenbar auch große Lust, noch einen Gang höher zu schalten. „Ich habe noch nie so eine extrem steile Entwicklungskurve gesehen“, erklärte Heidfeld, „die geht immer noch bergauf.“ Bei dieser Schilderung wäre der Mönchengladbacher beinahe abgehoben vor lauter Erwartungsfreude. Heidfeld ließ keinen Zweifel: BMW ist auf dem Sprung.

„Mit solchen Siegen lernt man zu vergessen“

Wie frisch beflügelt wirkte auch Ron Dennis. Zwei, sogar drei Stufen auf einmal nahm der Teamchef von McLaren hinauf zum Podium für die Sieger, packte sich seinen Hamilton, lachte und strahlte über das ganze Gesicht. „Mit solchen Siegen lernt man zu vergessen“, sagte er später mit Blick auf die schweren sportlichen wie sportpolitischen Niederlagen 2007. Nur einmal im Rennen wurde er an diese schmerzhafte Zeit erinnert. Als Kovalainen gegen seinen Vorgänger im McLaren, Fernando Alonso, um Platz vier kämpfte.

Dennis riss die Arme hoch, jubelte aus ganzem Herzen, als der Finne den zweimaligen Weltmeister im langsameren Renault (gut eine Sekunde pro Runde) überholte. Doch Alonso revanchierte sich zu Beginn der letzten Runde im Handumdrehen. Da zeigte sich, wie McLaren-Mercedes am Sonntag zu besiegen war. Kovalainen hatte beim Abreißen seiner Visierfolie aus Versehen auf den Knopf für das Boxengassen-Tempo (80) gedrückt. Alonso nutzte den Augenblick. Er war zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle.

Grand Prix von Australien in Melbourne:

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes 1:34:50,616 Std.
2. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW- Sauber + 5,478 Sek.
3. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 8,163

4. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 17,181
5. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes + 18,014
6. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 1 Runde
7. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 3 Runden
8. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 5 Runden

Ausfälle:

Jenson Button (Großbritannien) Honda (1. Runde/Defekt)
Anthony Davidson (Großbritannien) Super Aguri (1. Runde/Kollision)
Giancarlo Fisichella (Italien) Force India (1. Runde/Kollision)
Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso (1. Runde/Kollision)
Mark Webber (Australien) Red Bull (1. Runde/Kollision)
Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (9. Runde/Hydraulik)
Jarno Trulli (Italien) Toyota (20. Runde/Defekt)
David Coulthard (Großbritannien) Red Bull (26. Runde/Kollision)
Felipe Massa (Brasilien) Ferrari (30. Runde/Defekt)
Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault (31. Runde/Defekt)
Takuma Sato (Japan) Super Aguri (33. Runde/Defekt)
Timo Glock (Wersau) Toyota (44. Runde/Unfall)
Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber (48. Runde/Kollision)

Disqualifiziert:

Rubens Barrichello (Brasilien) Honda Boxengasse bei Rot verlassen

Nächstes Rennen:

GP Malaysia am 23. März in Sepang



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
Start-Ziel-Sieg: Lewis Hamilton Überschäumende Freude beim Sieger Mit kühlem Kopf zum Auftakterfolg: Hamilton im McLaren-Mercedes Ein kräftiger Schluck auf den Sieg: Lewis Hamilton Endlich wieder etwas zu lachen: Ron Dennis von McLaren-Mercedes Heidfeld setzt sich selber eine erfrischende Krone auf Nico Rosberg versorgt sein Team mit Getränken ... und raus bist Du! Kimi Räikkönens Ferrari Unliebsamer Abgang: Räikkönen als Fußgänger in der Box Massa (l.) schiebt Coulthard im Red Bull von der Strecke Blechschaden im Chaos-Rennen: Sebastian Vettel zwischen Button (l.) und Nakajima Unstabile Seitenlage: Giancarlo Fisichella David Coulthards Wagen taugt nicht mehr wirklich für einen Grand Prix Am seidenen Faden Hamilton verteidigt seine Position in der ersten Kurve Beinfreiheit wurde in Melbourne großgeschrieben Volle Ränge in Melbourne Siegerbild mit Deutschen: Heidfeld (l.) und Rosberg, dazwischen Sieger Hamilton Im Glanze des Erfolgs: Lewis Hamilton sicherte sich die ersten zehn Punkte “Ich bin überglücklich für alle, die so hart gearbeitet haben”, sagte Hamilton Beruhigender Vorsprung für Lewis Hamilton in einem hitzigen Rennen Dem Sieger auf den Fersen: Nick Heidfeld wurde Zweiter Zwei Deutsche auf dem Podium: Nick Heidfeld (l.) und Nico Rosberg Enttäuschung: Der Weltmeister blieb zum Auftakt ohne Punkte Die Ferrari-Fans warteten vergeblich auf einen Erfolg ihrer Lieblinge Das Safety Car war mehrfach im Einsatz - hier gefolgt von Hamilton und Kubica Nicht alle fuhren in Melbourne in die gleiche Richtung Unfreiwilliger Überflieger: Sebastian Vettel kollidiert Danach wurde der Italiener zum Fußgänger Bei mir geht's auch nicht weiter: Takuma Sato Die Helfer in Melbourne hatten mehr Arbeit als ihnen lieb war Abkühlung war im heißen Melbourne bitter notwendig: Robert Kubica Aufstellen zur Flaggenparade im Albert Park Als “Boxenluder“ unterwegs: Kelly Osborne, Tochter des Hardrockers Ozzy Osborne