Die Schau „All-Inclusive“ in Frankfurt

Nicht abgeholt, nicht angekommen

Von Freddy Langer

02. Februar 2008 Tourismus kommt ohne Bilder nicht aus. Hier Sehenswürdigkeiten, da Hotels und Swimmingpools, dort ein händchenhaltendes Paar vor einem glühend roten Himmel: Der hochglänzend gedruckte Dreiklang von Sonne, Sand und einander Näherkommen bestimmt nicht nur die eigenen Fotoalben sowie die Veranstalterkataloge, sondern in solchem Maße auch die Plakatdekorationen der Tourismusmessen, dass man sich in den Schauhallen der mithin größten Industrie der Welt zugleich in einer Kunstausstellung wähnen kann.

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn geht den umgekehrten Weg. Mit Arbeiten von dreißig Künstlern zum Thema Urlaub und Reisen wird die Ausstellung „All-Inclusive“ zur Messe für Weltenbummler. Vor Stolpersteinen sei gewarnt. Nicht alles, was glänzt, verspricht Erholung, und wer in Franz Ackermanns Installation zwischen müllhaldetauglichen Bergen von Reiseprospekten und dem Geflimmer etlicher Bildschirme Platz genommen hat, möchte vielleicht lieber ganz schnell nach Hause gehen, statt in exotische Gefilde zu entfliehen. So ist das eben, wenn Künstler sich mit Kapitalismus und Konsum, Globalisierung und Kulturimperialismus beschäftigen.

Moment von Unbehagen

Natürlich ist der Ansatz der von Matthias Ulrich kuratierten Schau kritisch. Wenn wir Urlaubsanlagen sehen wie in dem Bild-Essay von Reiner Riedler, dann rückt stets ein Moment von Unbehagen mit in die Farbfotografie, ob nun ein Himmel gemalt ist oder sich Baufahrzeuge über den Zaun einer Strandbar recken. Und wenn sich, wie bei Michael Elmgreen & Ingar Dragset, auf einem Gepäckband eine einzige Tasche im Kreise dreht, ahnen wir, dass wir gemeint sind: als Verlorene - nicht abgeholt, nicht angekommen.

Ja, müssen wir uns dann ehrlicherweise fragen, was eigentlich versprechen wir uns von der Fremde? Die Ausstellung will darauf keine Antwort geben; im Gegenteil. Sie verweist nur auf jene Komplexität des permanenten Wechsels kultureller und nationaler Identitäten, der sich zwangsläufig ergibt, wenn Milliarden von Menschen reisen, von dem wir aber auch vor dem Ausstellungsbesuch schon ahnten, dass es ihn gibt. Statt neuer Thesen also eine alte Erkenntnis - für die Santiago Sierra mit einem Banner über einem mallorquinischen Strand 2001 (in der Schau als Foto) nur zwei Wörter brauchte: „Inländer raus“.

„All-Inclusive - Die Welt des Tourismus“. Schirn Kunsthalle, Am Römerberg, Frankfurt; bis 4. Mai. Der Katalog kostet 26 Euro. Information im Internet unter www.schirn.de.



Text: F.A.Z., 31.01.2008, Nr. 26 / Seite R10
Bildmaterial: AP, Reiner Riedler / Anzenberger, Schirn Kunsthalle Frankfurt

 
Reiner Riedler: Schipiste, 2005 Yin Xiuzhen: 'Portable Cities', 2003 Tracey Moffatt: Adventure Series, 2004, Nr. 3 Yto Barrada: Bay of Tangier, 2002 Guy Ben-Ner: Berkeley's Island, 1999 Tracey Moffatt: Adventure Series, 2004, Nr.8 “Plugin City“ von NL Architects aus dem Jahr 2007 Santiago Sierra: Banner vor einer Bucht aufgehängt, Cala San Vicente, Mallorc... Won Ju Lim: “California Dreamin“ Lee Mingwei: The Tourist Project, 2002-08. Tour 3, Christine Atelier Morales, “Acapulco-Dreams“, 2005 Richard Hughes: 'Last Drag (Green)', 2005 Jonathan Monk: #129, Malta £ 189 Walter Niedermayr: 'Vendretta Piana VIII', 1997 Thomas Struth: 'Audience 1', Florenz 2004 Reiner Riedler: Unter Palmen, 2005 (Indoor Pool „Tropical Islands” in Branden... Ayse Erkmen: Sicherheitstore, 1996 / 2008 Yto Barrada: Furnished Hotel, Marseille 2001 Tracey Moffatt: Adventure Series, 2004, Nr. 2 NL Architects, Cruise City, City Cruise, 2003 Reiner Riedler: Schilift, 2005