Von Dirk Schümer, Venedig
04. März 2008 Am 20. Februar hatte Paolo Maldini die magische Grenze überschritten. Das Hinspiel in der Champions League bei Arsenal London war sein 1001. Einsatz als Fußballprofi. Als Maldini mit 16 seine erste Partie für den AC Mailand in der Serie A absolvierte, waren viele Jungstars des heutigen Fußballs noch gar nicht geboren. Auch Jugoslawien, gegen das Maldini 1988 sein Länderspieldebüt gab, ist schon lange untergegangen. Aber der elegante Verteidiger, der bis heute Maradona als seinen stärksten Gegenspieler bezeichnet, ist auch mit 39 Jahren immer noch eine feste Bank in der Verteidigung des AC Mailand.
Als Gnadenbrot eines Altgedienten sollte man die wider Erwarten bis zum Sommer verlängerte Zusammenarbeit keinesfalls verstehen. Maldini stand beim Gewinn der Champions League im vorigen Mai in Athen ebenso auf dem Platz wie beim Sieg der Klub-Weltmeisterschaft im Januar in Japan. Sein Trainer Carlo Ancelotti - ergraut und mit Bäuchlein wirkt er durchaus nicht als ehemaliger Mitspieler Maldinis - gibt seinem Veteran meist den Vorzug, weil der es immer noch spielend mit jedem schnellen Stürmer des Weltfußballs aufnehmen kann.
Bei uns hat sich immer alles um Fußball gedreht
Im torlosen Hinspiel gegen Arsenal London glänzte Maldini nicht nur mit dem gewohnt genialen Stellungsspiel und sauberem Tackling, sondern er kam auch als gelernter Offensivverteidiger immer wieder zu Flankenläufen und Vorstößen gegen die vermeintlich schnellsten Angreifer der Premier League. Gegen die Übersicht von Milans bejahrtem Defensivstrategen konnte es die systematisch verjüngte Truppe von Arsène Wenger nicht aufnehmen.
Woher er die Kraft und die Motivation im fünfundzwanzigsten Profijahr nimmt, kann Maldini selber am besten erklären: Man muss Fußball leben, lautet seine Devise und sein Rat an jüngere Kollegen - also an alle. Er selbst hat seine ganze Existenz obsessiv auf Calcio eingestellt, seit ihn sein Vater Cesare, der mit Milan Europapokalsieger wurde und später Italiens Nationaltrainer war, ganz früh unter die Fittiche nahm. Bei uns, sagt Sohn Paolo heute, hat sich immer alles um Fußball gedreht. Alle Störungen durch Medien und Gesellschaftsleben hat der zielstrebige Star stets beiseitegeschoben; Existenzen wie Beckham oder Ronaldo, die mit ihrem Privatleben die Klatschspalten füllen, straft Maldini mit Verachtung.
Kein Nachtleben für den Gesundheitsfanatiker
Als er 1990 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land den internationalen Durchbruch erlebte, erglänzte auch sein Stern als Liebling der Frauen. Der hochgewachsene, gebräunte Beau mit den steilen Backenknochen und dem unergründlichen Tunnelblick aus tiefblauen Augen trat zwar zum Spaß ein paarmal als Model für Armani auf, doch aus seinem Sexappeal schlug er nicht übermäßig Kapital. Mit seiner Gattin Adriana, einem einstigen Fotomodell aus Venezuela, lebt er unweit des Trainingszentrums von Milanello.
In seinem Lebenslauf gibt der Fußballer an, seine Frau 1988 in einer Diskothek kennengelernt zu haben. Der Abend muss eine Ausnahme gewesen sein, denn weder vorher noch nachher ist der Gesundheitsfanatiker Maldini jemals durch ausschweifendes Nachtleben aufgefallen. Das Paar hat zwei kleine Söhne. Der älteste, Christian, gilt mit neun Jahren bereits wieder als großes Talent - er spielt selbstverständlich beim Nachwuchs des AC Mailand.
Wo andere den mann treffen, trifft Maldini den Ball
Es ist also die absolute Konzentration auf den Fußball, die Maldini im Alter der Midlifecrisis sportliche Jugendkraft verleiht: Trainieren, spielen, schlafen. Als Hobbys gibt Maldini Rock- und Rap-Musik an (er gilt als großer Fan der britischen Gruppe Oasis), außerdem sammelt er Schuhe und sagt in Interviews brav Dinge, von denen er etwas versteht: Er spricht nur über Fußball. Dass er von klein auf durch sein gutes Auge und sein sauberes Tackling Furore machte, half ihm, von schweren Verletzungen verschont zu bleiben: Wo andere den Mann treffen, hat der notorisch faire Maldini meist den Ball gespielt.
In über 600 Ligaspielen für den AC Mailand bekam er nur vier Rote Karten.Trotzdem - bei einem anderen Verein hätte er wohl keinen solchen ertragreichen Karriereherbst erlebt. Maldini verweist auf das individuell angepasste Training und die computerisierte Medizinabteilung, durch deren sorgfältige Betreuung auch Altersgenossen wie Cafù, Costacurta oder Inzaghi bei Milan ihren zweiten oder dritten Frühling erleben konnten.
Eine Trainerkarriere ist kategorisch ausgeschlossen
Allerdings zwickt den Veteran immer öfter das mehrfach operierte linke Knie. Und die notorischen Durchhänger des überalterten Ensembles in der Serie A kann auch Maldini nicht verhindern. Sein letztes sportliches Ziel ist deshalb die neunte Teilnahme an einem Finale in Europas Königsklasse. Und dass er in diesem Frühjahr kurz vor dem vierzigsten Geburtstag seine Karriere tatsächlich beenden wird, dafür will Maldini sogar sein beachtliches Vermögen verwetten.
Verwunderlich ist höchstens, dass er, der sein Leben total dem Fußball verschrieben hat, eine Laufbahn als Trainer kategorisch ausschließt. Aber Paolo Maldini, der nach eigenem Bekunden Angst vor dem Aufhören hat, hält sich eine sportliche Hintertür offen. Team-Manager zu werden wie sein Freund und einstiger Mannschaftskamerad Oliver Bierhoff - das wäre die ideale Art, auch jenseits der vierzig weiter Fußball zu leben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite 20
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