Miloš Forman im Gespräch

Sind Sie ein Feigling, Mr. Forman?

Von Marco Schmidt

22. März 2008 Nichts deutet auf eine Regie-Legende hin: Miloš Forman ist so unauffällig gekleidet wie ein Postbeamter. Gemütlich nimmt er Platz auf der Terrasse eines Hotels in Marrakesch, wo er beim internationalen Filmfestival als Jurypräsident fungiert. Obwohl die Zeit drängt, bleibt Miloš Forman stets freundlich, heiter und gelassen.

Ihre Eltern starben während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Buchenwald. Sie haben als tschechischer Junge miterlebt, wie Ihr Vater und Ihre Mutter von der Gestapo verhaftet wurden. Können Sie sich daran noch erinnern?

Sehr gut sogar. Ich war acht Jahre alt und ging in die Schule, in der auch mein Vater unterrichtete. Eines Tages kam der Direktor in meine Klasse und bat mich, ihm zu folgen. Draußen stand mein Vater, umringt von Männern in langen Ledermänteln, und meinte zu mir: „Sagst du bitte der Mama, dass alles in Ordnung ist und ich bald wiederkomme?“ Und der Schuldirektor sagte: „Miloš, du musst heute nicht mehr zurück in den Unterricht. Geh heim und gib deiner Mutter diesen Brief.“ Und ich war glücklich!

Weil Sie nach Hause gehen durften?

Ja! Ich lief begeistert durch die Stadt, kam freudestrahlend heim, alberte mit meiner Mutter und gab ihr den Brief des Direktors. Sie öffnete ihn, wurde bleich und brach plötzlich in Tränen aus. Und ich verstand überhaupt nicht, warum. Auch Wochen und Monate später nicht. Denn niemand erzählte mir etwas vom Horror der Nazis – man sagte mir bloß, meine Eltern seien in einem Lager und kämen sicher irgendwann zurück. Nun, die einzigen Lager, die ich kannte, waren Pfadfinderlager!

Wann haben Sie begriffen, was passiert ist?

Lange nach dem Krieg, als ich die Briefe in die Hände bekam, die meine Eltern im Konzentrationslager geschrieben hatten, dämmerte mir die Abscheulichkeit der Ereignisse. Richtig begriffen habe ich das alles bis heute nicht. Ich werde nie verstehen, wie Menschen sich gegenseitig so grauenvolle Dinge antun können. Und wenn ich in alten Wochenschau-Aufnahmen sehe, wie Hitler die Massen anbrüllt, denke ich jedes Mal: Wie kommt es, dass die Leute seinerzeit nicht schallend gelacht haben? Der Kerl war doch nichts anderes als ein giftiger Clown!

Sie sind dann bei Verwandten in Böhmen aufgewachsen und kamen nach Kriegsende in ein Waiseninternat. Einer Ihrer Schulkameraden war Václav Havel, der spätere Schriftsteller, Dissident und Staatspräsident. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Václav ist vier Jahre jünger als ich, doch als Schüler verschaffte er sich schon bald den Respekt von uns Älteren. Er war sehr intelligent und wirkte nur auf den ersten Blick extrem schüchtern und weich: Sobald man anfing, ihn zu provozieren, stieß man auf eine harte Mauer – es stellte sich heraus, dass er ein zäher Gegner war und sich nicht herumschubsen ließ. Wir sind seit unserer Schulzeit befreundet und haben einige Jahre später sogar an einem gemeinsamen Filmprojekt über Franz Kafka gearbeitet. Das Thema war den kommunistischen Machthabern allerdings ein Dorn im Auge, so dass der Film nie zu Stande kam.

Wer hat Ihren Berufswunsch geweckt?

Als ich zwölf war, schloss sich mein doppelt so alter Bruder einer umherreisenden Operettentruppe an, und eines Tages, als die Truppe in meiner Heimatstadt gastierte, nahm er mich mit hinter die Bühne. Weil ich noch ein Kind war, störte es niemanden, dass ich den jungen Sängerinnen beim Umziehen zusah. Für mich war es das Paradies: prachtvolle Frauenkörper, berauschende Düfte – von diesem Tag an wollte ich unbedingt auch ins Showgeschäft! Später habe ich die Drehbuch-Klasse der Prager Filmakademie absolviert und während des Studiums zwei Drehbücher geschrieben, die von anderen verfilmt wurden. Mit den Resultaten war ich so unzufrieden, dass ich beschloss, fortan selbst Regie zu führen.

Mit Ihren satirischen Kleinbürger-Komödien brachten Sie frischen Wind ins tschechische Kino. Wie war Ihr Alltag als Künstler in einer Diktatur?

Nun, das Leben in jedem totalitären System ist vor allem sehr, sehr langweilig. Denn die ständige Angst führt dazu, dass man sich ruhig verhält und den Mund nicht mehr aufmacht, weil man bloß noch überleben will. Ich selbst hatte Glück: Erstens entstanden meine Filme zu einer Zeit, als die Zensur etwas gelockert wurde, und zweitens galten Komödien als harmlos und unwichtig – der Humor schützte mich gewissermaßen vor Verfolgung.

Doch als sowjetische Panzer den Prager Frühling niederwalzten, wurde Ihr Film „Der Feuerwehrball“ verboten, und Sie sahen sich zur Emigration gezwungen. Ihre Autobiografie ist voll von erschütternden Passagen – trotzdem findet man darin weder Hass noch Bitterkeit, sondern eine Menge Humor. Das Gleiche gilt für Ihre Filme. Woher kommt das? Ist das Ihre Art, schlimme Erlebnisse zu verarbeiten?

Ich schätze, das liegt einfach in der Natur eines Tschechen. Wir sind ein kleines Land, umgeben von mächtigen Nachbarn, die seit zweitausend Jahren versuchen, uns zu beherrschen – da wird der Humor zu einer wichtigen Waffe im Überlebenskampf. Denken Sie nur an Schwejk, unseren Nationalhelden: Humor spielte schon immer eine große Rolle in der tschechischen Kultur.

Ihr Kollege Sydney Pollack sagte einmal, Komödie bedeute harte Arbeit, und während seiner Dreharbeiten zu „Tootsie“ hätte niemand je gelacht oder Witze gerissen. Aber einige Schauspieler berichten, dass bei Ihnen am Set stets eine sehr humorvolle Atmosphäre herrscht. Wie schaffen Sie das?

Nun, zuallererst, indem ich mich und meine Arbeit nicht zu ernst nehme. Ich finde es schrecklich, wenn Regisseure denken, sie würden etwas wahnsinnig Wichtiges kreieren. Hey, Leute, es ist nur ein Film! Macht euch locker! Für mich ist es entscheidend, dass die Crew entspannt ist und die Schauspieler ihr Lampenfieber verlieren. Mag sein, dass es bei manchen Kollegen funktioniert, wenn sie sich am Set wie Diktatoren aufführen. Für mich käme das nie in Frage, dafür bin ich zu scheu.

Ihr größter Erfolg ist bis heute „Amadeus“. Wie kamen Sie zu dem Stoff?

Wie die Jungfrau zum Kind. Ich bin nicht besonders musikalisch, und die meisten Opern öden mich sogar an. 1980 war ich für drei Tage in London, und mein Agent fragte mich, ob ich mir ein neues Stück von Peter Shaffer ansehen wollte. Ich sagte ja, und auf der Fahrt zum Theater erzählte er mir, es ginge um Mozart und Salieri. Da wäre ich am liebsten aus dem Wagen gesprungen, denn in meiner alten Heimat hatte ich einige Filme über Komponisten gesehen – die langweiligsten Filme aller Zeiten! Unter den Stalinisten wurden viele solcher Musikerporträts gedreht, weil Komponisten grundsätzlich brav Noten schreiben und keine subversiven Gedanken äußern. Ich rechnete fest damit, im Theater einzuschlafen. Stattdessen fesselte mich „Amadeus“ von Anfang bis Ende, und gleich nach der Vorstellung schlug ich Peter Shaffer vor, sein Stück zu verfilmen.

Und wie haben Sie die zuvor völlig unbekannten Darsteller für Ihren Film gefunden?

Wie immer: durch ein aufwändiges Casting. Ich finde, die richtige Besetzung ist schon die halbe Miete für einen Film. Für „Amadeus“ habe ich mir mehr als tausend Schauspieler angesehen. Viele Stars bewarben sich – ich wollte die Hauptrollen jedoch unbedingt mit neuen Gesichtern besetzen, denn das fand ich essentiell für die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Stellen Sie sich vor: Der Chef eines Hollywoodstudios bot an, unseren Film zu finanzieren, wenn wir Walter Matthau die Titelfigur spielen ließen. Auf den Einwand, dass Matthau wegen seines hohen Alters nicht in Frage käme, weil Mozart schon mit 35 gestorben sei, meinte dieser Studioboss: „Aber hier in Amerika weiß das doch sowieso niemand!“

Sie dürften der einzige Regisseur sein, der nicht nur zwei Mal einen Oscar bekam, sondern auch zwei Mal Vater von Zwillingen wurde. Einen Ihrer Söhne haben Sie James getauft – angeblich nach Jim Carrey, dem Hauptdarsteller Ihres Filmes „Der Mondmann“. Hat Carrey Sie so sehr beeindruckt?

O ja. Er war brillant. Wie Sie wissen, verkörperte er in meinem Film nicht nur den amerikanischen Komiker Andy Kaufman, sondern auch dessen Bühnenfiguren – etwa sein anarchistisches Alter Ego Tony Clifton oder Elvis Presley, den Kaufman gern parodierte. Und am Set blieb Jim jeden Tag konsequent in einer dieser Rollen. Als Tony Clifton brachte er beispielsweise stinkenden Limburger Käse mit und beleidigte die gesamte Crew. Das trieb mich anfangs zur Weißglut, doch bald fand ich Gefallen an diesem aufregenden Spiel, denn das Ergebnis war phänomenal. Nur den echten Jim Carrey habe ich bei unseren Dreharbeiten nie kennen gelernt. Nicht ein einziges Mal!

Katastrophenfilmer Roland Emmerich gestand einst: „Ich persönlich würde bei einer Katastrophe davonrennen und vermutlich noch andere Leute wegschubsen, um meine Haut zu retten – ich wäre kein Held, sondern ein Feigling. Deshalb bringe ich so gern Helden auf die Leinwand.“ Sie selbst präsentieren in Ihren Filmen vorzugsweise Nonkonformisten, die mutig gegen Institutionen kämpfen. Sind Sie etwa im wirklichen Leben auch feige?

Ja, ich bin ein riesengroßer Feigling! Insofern kann ich Herrn Emmerich nur zustimmen. Ich beneide Helden – ich wäre gern wie sie. Aber mir fehlt die Courage. Nie habe es gewagt zu rebellieren, stets habe mich irgendwie durchlaviert und versucht, mich mit allen gut zu stellen. Meine Arbeit war mir wichtig – und die wollte ich nicht mit meinem Mundwerk gefährden. Darum bewundere ich Rebellen, und darum mache ich Filme über sie.

Fast alle Ihre Filme sind sehr erotisch. Dennoch hat die von Ihnen präsentierte Nacktheit nichts Ausbeuterisches. . .

Ja, weil ich prinzipiell nichts auf der Leinwand zeige, was ich selbst nicht gerne sehe. Ich zucke zum Beispiel immer zusammen, wenn in einem Film die Nadel einer Spritze in die Haut eindringt. Genauso wenig mag ich allzu explizite oder lüsterne Sexszenen. Warum sollte ich so etwas also drehen? Im Hinblick auf Sex hatte ich auch nie Probleme mit der Zensur. Nur einmal wurde ich in den Vereinigten Staaten wüst beschimpft, weil ich mit „Larry Flint – Die nackte Wahrheit“ angeblich die Pornografie verherrlicht hätte. Doch das ist genauso absurd wie der Vorwurf, „Romeo und Julia“ würde den Selbstmord glorifizieren. Sicher, Larry Flint ist Herausgeber eines Pornomagazins – aber primär geht es in dem Film um Meinungsfreiheit.

Wie sieht es denn heutzutage, nach dem 11. September 2001, mit der Meinungsfreiheit in Ihrer Wahlheimat Amerika aus?

Ach, wissen Sie, die Meinungsfreiheit ist immer in Gefahr. Keine Regierung auf der Welt schätzt Meinungsfreiheit. Keine Regierung hört gern unerfreuliche Dinge. Meiner Ansicht nach ist die Meinungsfreiheit das höchste Gut einer modernen Gesellschaft. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn es Hitler und Stalin nicht geschafft hätten, die Presse mundtot zu machen. Wenn die Menschen erfahren hätten, was wirklich passierte, als Hitler und Stalin an die Macht kamen, dann hätte es keinen Holocaust und keinen Gulag gegeben. Die Gesellschaft muss ständig auf der Hut sein, damit so etwas nicht wieder geschieht. Sobald irgendwelche Fanatiker nach Zensur schreien, muss man ihnen sofort Paroli bieten.

Fühlen Sie sich heute eher als Amerikaner oder als Europäer? Träumen Sie noch auf Tschechisch?

Ich denke, ich bin ein amerikanischer Filmemacher mit einem tschechischen Herzen. Das merke ich vor allem daran, dass ich nach wie vor tschechische Poesie sehr schätze, während ich Lyrik auf Englisch noch immer nicht ganz verstehe. In welcher Sprache ich träume, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber eigentlich mag ich mich sowieso nicht analysieren. Denn je mehr ich über mich herausfinde, desto deprimierter werde ich. (lacht.)

Zur Person

Miloš Forman wird am 18. Februar 1932 in der böhmischen Kleinstadt Cáslav in der Nähe von Prag geboren. Seine Eltern werden im Zweiten Weltkrieg von den Nazis inhaftiert; sie sterben im Konzentrationslager.

Nach dem Abschluss der Prager Filmakademie avanciert Forman zu einem der wichtigsten Vertreter des jungen tschechischen Films. Als die Sowjets in seinem Land einmarschieren und sein Film „Der Feuerwehrball“ verboten wird, emigriert er 1969 in die Vereinigten Staaten.

Zu Weltruhm gelangt er mit dem Psychiatrie-Drama „Einer flog über das Kuckucksnest“ und der Mozart-Biografie „Amadeus“. Für die beiden Filme bekommt er 1976 und 1985 den Oscar als bester Regisseur. „Larry Flint - Die nackte Wahrheit“, Formans Plädoyer für Pressefreiheit, wird bei der Berlinale 1997 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Zu seinen weiteren Filmen zählen die Musicalverfilmung „Hair“, das Jahrhundertwende-Panorama „Ragtime“, das Inquisitionsdrama „Goyas Geister“ sowie „Valmont“, Formans Adaption des Briefromans „Gefährliche Liebschaften“.

Seit 1975 ist er amerikanischer Staatsbürger. Er lebt mit seiner dritten Ehefrau und zwei Söhnen in Connecticut.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Omega, Cinetext/Sammlung Richter, F.A.Z.-Burkhard Neie, Tobis/Cinetext

Jack Nicholson in “Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) Jim Carrey als “Der Mondmann“ (1999) “Der Feuerwehrball“ (1967) Forman (l.) am Set von “Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) mit den Prod... „Hair” (1979) mit Treat Williams Courtney Love in “Larry Flint - Die nackte Wahrheit“ (1996) Natalie Portman in “Goyas Geister“ (2006) „Die Liebe einer Blondine” (1965) mit Vladimir Pucholt und Hana Brejchová Lynn Carlin und Audra Lindley in “Taking Off“ (1971) Tom Hulce (vorn) in “Amadeus“ (1984) Elizabeth McGovern in “Ragtime“ (1981) Forman im Januar 2007 in Rom