
Die Damen schauspielern, aber die Hunde sind echt: Szenische Einlage auf der Moskauer Millionärsmesse
31. Oktober 2009 Auch Russlands Superreiche müssen zusammenrücken. Die Moskauer Millionärsmesse, die seit den Boomjahren jeden Herbst den Geldadel mit den schönsten Anlageideen beliefert, fand diesmal nicht im weitläufigen Edel-Einkaufszentrum Krokus-City am Stadtrand statt, sondern in der übersichtlichen Manege, im Schatten des Kremls, ohne dessen Kreditspritzen die Finanzelite noch mehr Mitglieder verloren hätte.
Allerdings hinterließen die Experten für das gute Leben auch am vorigen Messeplatz unbezahlte Rechungen. Die sieben Millionen Rubel oder hundertachtundsechzigtausend Euro Miet- und Servicekosten, die seit vorigem November noch ausstehen, wollen die Veranstalter, trotz eines sie dazu verpflichtenden Moskauer Schiedsgerichtsurteils, nicht zahlen - die Leistungen seien schlecht oder gar nicht erbracht worden, rechtfertigt sich das Messebüro.
Amazonen in Satinroben
In der Manege fehlen diesmal die Amphibienfahrzeuge, Südseeinseln und die extravaganten Concièrge-Clubs, die ihren Mitgliedern rund um die Uhr die wildesten Wünsche erfüllen. Dafür sind vergleichsweise karge Ferienwohnungen an der Küste von Montenegro im Angebot, und ein Stand vertritt die erschwingliche südrussische Sektmarke Abrau Djurso. Dennoch provoziert der Kult des gehobenen Konsums Proteste. Aktivisten der "Linken Front" entrollen auf dem Gebäudevorplatz ein Transparent mit der Aufschrift "Euer Luxus ist die Armut von Millionen", bevor sie vor der Wachmannschaft fliehen müssen. Eine Gruppe Nationalbolschewiken, die am späten Abend in die Halle vordringt, verflucht die Messe als "Gelage zu Zeiten der Pest".
Drinnen wird den Gästen, denen als Dress Code Abendgarderobe nahegelegt wurde, Mut gemacht. Für den Eintritt von vierzig Euro bekommt man beim Flanieren immer neue Kelche mit matt perlendem Abrau Djurso. Disc-Jockeys, die der Lautsprecher als die besten von Moskau anpreist, fluten den Saal mit dröhnendem Techno-Beat. Zwischen aufwendig verarbeiteten Steinway-Stutzflügeln, einem chromsilbernen Luxusrennwagen Mercedes McLaren und dem engen Dressurviereck, wo Amazonen in Satinroben rassige andalusische und Achal-Tekkiner-Hengste vorführen, promeniert ein Publikum, das in diesem Herbst vor allem gesehen und verzaubert werden will.
Zwei grell zurechtgemachte Damen aus dem Industriekomitee der nahen Duma verewigen einander mit der Digitalkamera. Seit der Krise besitzt Russland nur noch zweiunddreißig Milliardäre statt hundertzehn, hat die russische Ausgabe des Forbes ermittelt. Obendrein wurden die hundert reichsten Russen um siebzig Prozent leichter, sie besitzen nur noch hundertzweiundvierzig Milliarden Dollar.
Träume müssen sein
Doch Krisenfestigkeit ist eine russische Nationaltugend. Gerade die sogenannten Oligarchen besäßen oft eine besondere, durch chronische Gefahr trainierte Willenskraft und Selbstbeherrschung, hat einer der Eröffnungsgäste, der Besitzer und Chefredakteur der Zeitung "Nesawissimaja gaseta", Konstantin Remtschukow, beobachtet. Er schärfe auch seinen Kindern ein, dass sie in jeder Lebenslage mit dem Äußersten rechnen müssten, bekennt der bullige Remtschukow. Dass viele Schaulustige zur Millionärsmesse gehen wie zu einer Abendparty, findet der lässig elegante Besucher Wladimir ganz normal. Für Russen sei es, erklärt er, im Unterschied etwa zu Deutschen, lebenswichtig, ihre Träume nicht zu verlieren.
Die Träume, die diese Millionärsmesse extrapoliert, sind vergleichsweise konservativ. Zu den Ausstellern gehört das Moskauer European Medical Center, wo die Vermögenden sich zwischen ihren Arztbesuchen im Ausland lieber behandeln lassen als von ihren Landsleuten. Das paradiesische Asia Spa verspricht Verjüngungsmassagen für Sie und Ihn. Die Werbeagentur Grata, wo drei langbeinige Musikerinnen auf elektronischen Gerippegeigen eine Klassik-Pop-Nummer hinlegen, organisiert Firmenevents und -geschenke. Vorbei die Zeit, da man mit blattvergoldeten Zigarren oder Luxuskleidung im Packpapierlook ein Wegwerfverhältnis zum Reichtum zur Schau trug.
Aus Iran, zu dem Russland Sonderbeziehungen pflegt, kommen superkostbare Teppiche. Die Galerie Namdari präsentiert ein ultrafeines Qom-Stück mit geometrischem Linienmuster, das metallisch schimmert, weil 24 Karat Gold in die Seidenfäden verwebt sind. Die größte Neugierde erregt bei der Konkurrenz Persian Art Design ein Wandteppich, auf dem ganz akademisch realistisch eine Frauenversteigerung im alten Orient dargestellt ist. Während vorn die noch nicht vergebenen Mädchen warten, entschleiert in der Bildmitte der Auktionator vor den interessierten Scheichs eine verschämte Schöne.
Schwarz und dunkelbraun, gern mit goldenen Stiefeln
Zu Alexanders des Großen Zeiten hätten sich solche Szenen tatsächlich abgespielt, verteidigt Galerist Afshin Khandzadi das an einen Orientalistentraum erinnernde Kunstwerk, für das er vierzigtausend Dollar haben will. Die Haremskandidatinnen waren übrigens selbst sehr kostbar, erläutert Khandzadis schlitzäugiger Kollege Lju Wladimir und hält der Journalistin eine Praline hin. Vor der Auktion hätten sie mehrere Jahre lang Lesen, Schreiben und mehrere Sprachen lernen müssen.
Im Getto der Millionäre, dem Luxury Village an der Nobelmeile Rubljowka, kredenzt unterdessen Giorgio Armani, der drei neue Läden in Russland aufzumachen verspricht, seine Herbst-Winter-Kollektion. Im von Gucci, Mercury und Ferrari umrahmten Konzertsaal, wo die Elite Charles Aznavour und Placido Domingo ganz unter sich genießt, sind die vielleicht willensstärksten Männer und die langbeinigsten Frauen zu bewundern. Heute wird viel Schwarz und Dunkelbraun getragen, gern mit goldenen Stiefeln und Strassdekor als Kontrastakzent. Veuve-Cliquot-Champagner, unterlegt mit Kaviarhäppchen, fließt in Strömen. Die gertenschlanke Mutter eines kleinen Mädchens in engelweißem Kleid und Silberschühchen ist der Liebling der Fotografen. Die platinblonde Mama sitzt lächelnd im Paillettenminikleid mit Glitzerpumps da und lässt die Lichtreflexe sprühen.
Auch Armani hat sich vom Glanz des Schwarzweißkinos inspirieren lassen. Er hüllt die Frau in schwingende, kniekurze Kleider und Kostüme und kreiert die Höckerschulter der achtziger Jahre neu. Er kombiniert matte Stoffe mit schimmernden, spielt auf der Farbklaviatur von Gewitterwolken und Asphalt und würzt das Ganze mit Silberpailletten und Strassaccessoires. Das Publikum war schon auf dem richtigen Weg. Nach dem Defilée sitzt es freilich erstmal im Luxusdorf fest. Verkehrspolizisten legen die Rubljowka lahm, damit ein hoher Politiker vorbeibrausen kann. Der Konvoi, der endlich durchrast, hat fünf Blaulichtwagen. So viel stehen nur dem Präsidenten zu. Nach dem großen Armani, der zum Abschied für Sekunden ins Scheinwerferlicht trat, ist den Spätheimkehrern noch der Schatten des kleinen Kremlgottes erschienen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa