Von Verena Lueken, Cannes
14. Mai 2008 Die Vorstellung von einer Welt, die erst die Blinden so zu sehen lernen, wie sie ist, damit sie besser werde, wie José Saramago sie in seinem Roman Die Stadt der Blinden“ entworfen hat, könnte in einer Umgebung wie Cannes fremder nicht sein.
Ein Mann wartet im Auto an einer Ampel. Aber er sieht nicht mehr, wie sie auf Grün springt, er erblindet von einem Augenblick auf den anderen. Wer mit ihm in Kontakt kommt, erleidet dasselbe Schicksal, schnell wird die Blindheit epidemisch, die Behörden greifen ein, internieren die Infizierten in einer ehemaligen Irrenanstalt, versorgen sie kläglich, erschießen alle, die ihnen zu nahe kommen. Nur eine Frau kann sehen, sie schützt, sie mordet, sie führt, sie verbindet.
Es gibt keine Brücke
Das ist die Geschichte von Blindness“. Und natürlich ist es ein Wagnis, das Filmfestival mit der Verfilmung dieses Buchs durch Fernando Mereilles zu eröffnen: Es gibt keine Brücke – wie sie die Unterhaltung, das Genre oder internationale Superstars schlagen könnten –, über die die Zuschauer risikolos in jene Phantasiereiche des Kinos geführt werden könnten, in der sie sich jetzt eine Weile bewegen werden. Es gibt nur diesen besonderen Stoff, Figuren ohne oberflächliche Attraktivität, Leiden, Vergewaltigung, Willkür und Angst.
Parabeln sind im Kino, in dem alles, was es zu sagen hat, auch gezeigt wird, so eine Sache. Und wie eine Welt, die sich die plötzlich Erblindeten von innen heraus sozusagen wieder zusammensetzen und in der sie sich zu bewegen lernen, auf die Leinwand zu bringen sei, ist der zentrale Punkt. Meirelles und sein Kameramann César Charlone tun einerseits, was im Buch steht – für die Blinden ist die Welt weiß wie Milch. Immer wieder also gleißt die Leinwand, als ziele die Kamera direkt ins Licht. Aber Mereilles und Charlone tun noch eine Menge mehr: Sie lassen die Farben auslaufen. Sie zeigen verschwommene Schemen. Sie schneiden die Bilder an, so dass nur halbe Gesichter, Kopfteile, Beine zu sehen sind.
Der Erzähler bleibt draußen
Und weil das immer noch nicht reicht, um für Saramagos unterschiedliche Stimmen, die ja gerade keine Perspektiven im üblichen Sinn sind, eine Entsprechung zu finden, lassen sie den Erzähler da, wo er auch bei Saramago steht: draußen nämlich, im Voice-over. Und so sehen wir statt einer Schreckensvision, die im Buch unmittelbar spürbar ist, nur das Lehrstück, das Saramago natürlich auch geschrieben hat: über die Kraft der Menschlichkeit, gerade dann wieder zum Vorschein zu kommen, wenn den Menschen alles andere genommen ist. Das passiert jedenfalls in der guten Gruppe von Blinden. In der bösen Gruppe geschieht das Gegenteil.
Für die Schauspieler der Blinden – Mark Ruffalo, Alice Braga, Danny Glover, Yusuke Iseya und Yoshino Kimura – heißt das vor allem, dass sie ungelenk werden müssen, viel mit Händen in der Luft fuchteln, ins Leere greifen, apathisch dasitzen. Und außerdem: dass sie unvorstellbar dreckig werden müssten. Immerhin sind sie wochenlang interniert, ohne Wasser, ohne Toiletten. Aber so dreckig sehen sie dann gar nicht aus, und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, an den Rand des Zeigbaren, an den er hätte gehen müssen, wenn er Saramago wirklich gefolgt wäre, hat sich Feirelles nicht gewagt. Er hat zum Beispiel keine Welt der Geräusche erzeugt, sondern jeden Ansatz dazu mit Musik betröpfelt. Und er hat alles, was geschieht, uns sehr weit vom Leib gehalten. Dabei brauchten wir doch gerade die unausweichliche Körperlichkeit, für die das Kino doch eigentlich zuständig ist, um die Menschen zu verstehen, von denen uns ein verschwommener Blick, wie die Kamera ihn uns immer wieder gibt, nur trennt. Die Blinden sehen ja nicht verschwommen, sie sehen gar nichts, und Julianne Moore als einzig Sehende sieht alles scharf.
Ein Filmfestival zu eröffnen mit einem Film übers Blindsein und Wieder-Sehen-Lernen hat einen gewissen Charme. Etwas Besseres lässt sich am ersten Tag nicht berichten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS
