Götz George wird siebzig

Der große Widerborst

Von Harald Keller

23. Juli 2008 Vielleicht liegt es an der ungebrochenen Vitalität des Jubilars, wenn das Fernsehen zum siebzigsten Geburtstag des Schauspielers Götz George vorrangig dessen jüngeres Schaffen aufgreift. Unterrepräsentiert bleiben frühere Stationen eines Schauspielers, der von Jugend an Popularität genoss, der mehrfach Figuren nahezu ikonischen Ranges verkörperte und gleichzeitig ehrgeizig an seiner Anerkennung als Charakterdarsteller arbeitete.

Zum Schauspieler wurde George schon als Kind, zum Idol mit den Karl-May-Verfilmungen der frühen Sechziger. 1962 führte ihn „Der Schatz im Silbersee“ erstmals in die ewigen Jagdgründe des Radebeuler Präriepoeten: Wie der Held auf die Zeitgenossen wirkte, zeigt eine Kritik aus den „Düsseldorfer Nachrichten“ von 1963: „Mit spürbarer Freude am Spaß spielt Götz George den jungen Fred Engel, der auszieht, um seinen ermordeten Vater zu rächen und der sich nebenher auch noch ein bisschen mit Fräulein Patterson beschäftigen muss. Sonderapplaus belohnt seinen flotten Sprung aufs Pferd.“

Dynamischer Teufelskerl und wüster Tausendsassa

Seine zirzensischen Kabinettstückchen wurden zum Markenzeichen, doch war es Götz George vergönnt, nicht festgelegt zu werden auf den Part des dynamischen Teufelskerls. Er drehte mit Unterhaltungsregisseuren der Nachkriegsjahre, deren Vita teils bis zum Durchhaltefilm des Nationalsozialismus zurückreicht, fand aber ebenso Beschäftigung bei den Opponenten dieser Art von Kino. Einer von ihnen war Theodor Kotulla, der George mit der Hauptrolle von „Aus einem deutschen Leben“ (1977) betraute. Auch die nachwachsenden Genrefilmer wie Carl Schenkel, Dominik Graf, Nico Hofmann hatten wieder Verwendung für den einsatzfreudigen Mimen. Im Kino wie im Fernsehen.

Bereits in den Fünfzigern war Götz George in einem Fernsehspiel zu sehen gewesen. 1969 übernahm er erstmals eine Serienrolle und spielte im regionalen Vorabendprogrammen der ARD in „Ein Jahr ohne Sonntag“ einen geplagten Familienvater. Wie ein Gegenentwurf zu diesem Konfliktstoff erscheint im Weiteren „Diamantendetektiv Dick Donald“. Die mit handfesten Raufereien, Verfolgungsjagden und frivolen Liebäugeleien aufwartende Serie anno 1971 insbesondere das puerile Publikum, das sich gern mit dem alliterierend benamsten Titelhelden identifizierte. Dem wüsten Tausendsassa zur Seite stand die Assistentin Daisy Johnson, gespielt von Georges damaliger Ehefrau Loni von Friedl.

Der schäbige Kleinkriminelle mit den aufgeblähten Muskeln

Dieser „James Bond der Edelsteinszene“ trieb dreizehn Folgen lang sein Wesen im ZDF. Eine Wiederaufführung hätte die nicht kleine Schar der Fernsehnostalgiker gewiss erfreut und jüngeren Generationen eine schnurrige Entdeckung beschert. Wo das Fernsehen versagt, springt der DVD-Handel ein: Am Freitag wird „Diamantendetektiv Dick Donald“ als Zweierbox veröffentlicht. Das ZDF aber übt sich zu Götz Georges Geburtstag überhaupt in Zurückhaltung und lässt auch „11 Uhr 20“ unentstaubt, einen vom Hausautor Herbert Reinecker im Geiste Francis Durbridges verfassten Dreiteiler, der 1970 die Zuschauernerven zum Beben brachte. Das ZDF hatte weiland nicht geknausert und neben Götz George internationale Stars wie Anthony Steel, Joachim Fuchsberger, Gila von Weitershausen, Nadja Tiller und Esther Ofarim angeheuert und überdies Dienstreisen bis in den vorderen Orient spendiert.

Wenngleich George zu jeder Zeit um Rollenvielfalt bemüht war, dominierte in der Publikumsanschauung doch das Bild des betont physisch agierenden Helden. Bis der „Tatort“ kam. Nicht der legendäre erste Auftritt Horst Schimanskis, sondern eine Geschichte aus dem noch geteilten Berlin mit Paul Esser als Kommissar Kasulke. Da sah man George im Oktober 1972 unter der Regie Günter Gräwerts als Zuhälter Jerry, als speckigen Kleinkriminellen mit geblähten Muskeln und bedrohlicher Statur, der Helfershelfer und Frauen anschnauzt, sich aber in einen winselnden Wicht verwandelt, sobald er sich in der Defensive weiß. Mehr noch: der Film hielt für diese Figur ein verstörend schäbiges Ende bereit.

Der erste, der im Fernsehen „Scheiße“ sagen durfte

Für Kühnheiten und erotische Eskapaden war beim „Tatort“ in diesen Jahren noch der von Wolfgang Menge ausgeheckte Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp) zuständig. Der wurde als WDR-Ermittler vom biederen Bulettenvertilger Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) abgelöst, ehe dann Horst Schimanski 1981 zum ersten Mal vor einem Millionenpublikum „Scheiße“ sagen durfte. Wo bei anderen Ermittlern das Papier raschelte, war Schimanski derb und direkt, kraftvoll und brüsk selbst dort, wo er herzlich wirken wollte. Doch in seiner Umgebung verstand man diesen Tonfall als das, war er war und ist: von Grund auf ehrlich.

Schimanski war bewusst als Gegenbild zu den bisherigen Fernsehermittlern angelegt, und zwar auf Teufel komm raus – Hajo Gies, Miterfinder dieser Figur, erinnerte sich im Gespräch mit Eike Wenzel: „Wir haben gedacht, wir machen drei Folgen und werden dann rausgeworfen.“ Es hätte so kommen können, doch der WDR ließ sich vom umgehend einsetzenden Schlagzeilengewitter der Boulevardpresse nicht beirren. Und Schimanski ist, wenn auch seit 1991 nicht mehr unter dem Etikett „Tatort“, heute immer noch aktiv und von Götz George als Figur so angenommen, dass das jüngste Abenteuer des Ruhrpottrabauken nicht von ungefähr am Anfang der geburtstagsbedingten programmlichen Würdigungen stand.

Freundlich bis widerborstig

Weiter geht es heute mit einer Neuverfilmung des Georges-Simenon-Romans „Die Katze“. Simenon beschrieb den Zerfall einer vom Gleichlauf der Tage zermürbten, im Hass endenden Ehe. Drehbuchautor Daniel Nocke nahm eine kluge Modernisierung des Stoffes vor, indem er zwei reifere, verwitwete Menschen (Hannelore Hoger und Götz George) in einer späten Lebensgemeinschaft zusammenführt. Doch die unterschiedliche Herkunft, die fest gefügten Gewohnheiten und Auffassungen belasten das Zusammenleben. Und machen es zur Hölle.

Freundlich bis widerborstig zeigt sich Götz George im anschließenden Porträt „Nicht reden, machen“. Gedreht hat es seine Lebensgefährtin Marika Ullrich, und wohl niemand anderes hätte den medienscheuen Schauspieler in seiner sardischen Einsiedelei oder am Grab der Eltern filmen dürfen. Aber diese Nähe wirkt sich abträglich aus, wenn, wie nicht anders zu erwarten, einmal mehr das Verhältnis zum übermächtigen Vater Heinrich George angesprochen wird.

In einer Aufnahme aus dem Jahr 1963 berichtet Berta Drews in getragenem Tonfall, wie sie mit Sohn Götz ihren Ehemann Heinrich George im Lager Hohenschönhausen besuchte. Es fehlt aber jede Mitteilung, warum Heinrich George nach dem Krieg verhaftet wurde: Der Star-Schauspieler und Publikumsliebling hatte sich, wie Berta Drews selbst auch, in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes gestellt und in Machwerken wie „Jud Süß“ und „Kolberg“ mitgewirkt.

Schon als Verständnishilfe hätte diese Information mitgegeben werden müssen. Wie überhaupt eine korrigierende Hand mit Distanz zum Gegenstand dem Ganzen dienlich gewesen wäre. Zumindest gilt dies für die kurze Filmfassung im Ersten. Wer mehr von George haben möchte, spare sich den heutigen Termin und schalte am Freitag ein: Dann zeigt der WDR die 45-Minuten-Version dieses Films.

Götz George im Fernsehen

Die Katze am 23. Juli, 20.15 Uhr, im Ersten
Nicht reden, machen
am 23. Juli, 21.45 Uhr, im Ersten
Blatt und Blüte
am 23. Juli, 21.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen
Zabou
am 23. Juli, 23.15 Uhr im ZDF
Tatort: Der Fall Schimanski
am 24. Juli, 20.15 Uhr im WDR
Der Novembermann
am 24. Juli, 22.00 Uhr im WDR
Mein Vater
am 24. Juli, 23.30 Uhr im WDR
Schokolade für den Chef
am 26. Juli, 20.15 Uhr im Ersten
Schimanski: Blutsbrüder
am 26. Juli, 21.45 Uhr im WDR
Zahn um Zahn
am 26. Juli, 23.10 Uhr im WDR
Ferien mit Piroschka
am 26. Juli, 0.45 Uhr im WDR.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/ARD/Degeto, Cinetext/Kaatsch, dpa, obs, WDR

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