Elton John

Englands Rose wird 60

Von Edo Reents

Happy Birthday, Reginald Kenneth Dwight alias Elton John

Happy Birthday, Reginald Kenneth Dwight alias Elton John

25. März 2007 Elton John hatte günstige Startbedingungen, aber er hat auch das Beste daraus gemacht. Das Jahr, das ihn kommen sah - 1970 -, war das Jahr der Abschiede: Einzelne starben, Bands lösten sich auf, der Gitarrenheld, ja, die gitarrendominierte Musik überhaupt schien fürs Erste ausgedient zu haben, es war Platz war für Neues. Elton John verkörperte dieses Neue auf eine zwar an Rock-'n'-Roll-Archetypen geschulte, aber exemplarisch fortschrittliche Weise.

Er hatte die Königliche Musikakademie absolviert, dazu Lehrjahre in dem Projekt „Bluesology“ und, wie sein Freund Rod Stewart, mit Long John Baldry gespielt. Zum Talent kamen Mut und Phantasie. So wurde Elton John der größte Rockinterpret, der je am Klavier gesessen hat - überdreht, verletzlich und fleißiger, man könnte auch sagen: hungriger als alle.

Die Erleichterung eines Geplagten

Ließ sich das Debüt „Empty Sky“ (1969) noch als Gospelmissverständnis abtun, so kam im Jahr darauf der Doppelschlag: Die in einem Zug aufgenommenen Platten „Elton John“ und „Tumbleweed Connection“ waren der Start eines im Solobereich beispiellosen Erfolgs als „das Entzücken der Elite und der Held der Teenies“ („Melody Maker“). Niemand spielte mit dieser überbordenden Lust, die sich nicht nur einer überragenden Musikalität verdankte, sondern wohl auch der Erleichterung eines von Minderwertigkeitskomplexen Geplagten darüber, für seine Frustrationen ein Ventil gefunden zu haben.

Fünf Elton-John-Platten verstopften innerhalb eines Jahres die Hitparaden. Das ist, wie seine Rekord-Plattenverträge, die ihn im Gegensatz zu manch anderem Hochdotierten künstlerisch nie lähmten, nur die quantitative Seite, die immerhin bestätigen mag, dass Massenakzeptanz auf Dauer ohne Qualität unmöglich ist. Dem Komponisten flossen die Melodien nur so aus der Feder, als Rhythmiker transportierte er aber auch viel Rockfeeling, das er mit Brachialakkorden überborden ließ. Von orthodoxen Songstrukturen entfernte er sich bisweilen so weit, dass seine Musik einen quasi-symphonischen Charakter bekam, ohne sich in Tüfteleien zu verlieren.

Rollenspiel statt Authentizität

Er spielte alles: introspektive Liebes- und Freundschaftslieder („Your Song“, „Daniel“), wehmütige Ländler („Country Comfort“), übergeschnappte Kracher („Take Me to the Pilot“, „Crocodile Rock“) und harten, gut dosierten Boogierock. Viele seiner großen alten Lieder sind zeitlos eingefroren, so dass man sich heute kaum noch vorstellen kann, was dieser absolut geschmackssichere Eklektizismus damals bedeutete.

Authentizität war für den üppig Kostümierten nie eine Kategorie. Er verstand sein Musikantentum immer als Rollenspiel, das er mit einem sogar David Bowie übertreffenden Facettenreichtum in Selbstparodie, bisweilen auch mit ätzendem Sarkasmus betrieb: Er war der futuristische „Rocket Man“, der gesetzlose Westerner („Ballad of a Well-Known Gun“), der boshafte Redneck („Texan Love Song“), der naturfromme Indianer („Indian Sunset“), der schwarze Sklave („Slave“) und mied damit jede Fixierung.

Für Elton John war mehr immer mehr

Dass er dabei eine gute Figur machte, war nicht nur eine Frage seiner Bühnengarderobe: Elton John ist einer der wenigen Rockmusiker, bei denen Live-Reputation und Plattenerfolge im Gleichgewicht stehen. Seine am gospellastigen Rockgesang geschulte, sich zwischen nasaler Gepresstheit und feierlicher Getragenheit sicher bewegende Stimme machte dabei wett, was den Texten seines langjährigen Partners Bernie Taupin an Schlüssigkeit oft abging. Die dank Paul Buckmasters selten subtilen, immer effektvollen Streicherarrangements melodramatische Instrumentierung stand für das zeittypische Prinzip des Mehr-ist-mehr, dem Elton John treu blieb.

Die mit paranoiden Untertönen versehene Platte „Madman Across The Water“ (1971) schloss die gleichsam mythologische Phase ab, die nach einer notwendigen Drosselung der Produktion direkt ins reine Entertainment mündete. Auch hier wusste Elton John dem sexuell uneindeutigen Glamrock jener Zeit etwas sehr Eigenständiges, diesem aber keineswegs Fremdes entgegenzustellen. Seine Maßlosigkeit war Ausdruck eines Jahrzehnts, in dem die Rockmusik ihre prächtigste Blüte erlebte. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne spezifische persönliche Eigenschaften und Antriebe.

Mit „Candle in the Wind“ in die Ewigkeit

Wie viele große Rockmusiker, so ist auch er ein Suchtcharakter, dessen enorme Produktivität nur die Kehrseite persönlicher Krisen und (von der Presse meistens nur erfundener) Skandale ist. Mit ständig erneuertem, den Radio-Mainstream bisweilen allzu stark bedienendem Repertoire blieb er das Idol für Jahrzehnte - unmöglich, auch nur die wichtigsten Erfolge aufzuzählen. Sein persönlich wohl schmerzlichster war der Auftritt bei Prinzessin Dianas Beerdigung, der es ihm mit dem umgeschriebenen, ursprünglich Marilyn Monroe gewidmeten Song „Goodbye England's Rose“ („Candle in the Wind“) ermöglichte, Bing Crosby in der ewigen Single-Bestenliste zu überholen.

Nach vielen Jahren der von der Kritik doch eher argwöhnisch beäugten, äußerst gefälligen, aber nie ganz flachen Kommerzialisierung und einer durch allerlei persönliche Schrullen zusätzlich abgesicherten Klatschspaltenpräsenz zeigt Elton John nun fast wieder altes Format: Seine inzwischen auf Trilogiestärke angewachsene Wiederbelebung der mythengesättigten Frühzeit lässt noch auf viele Elton-John-Platten hoffen. Das ist keine schlechte Aussicht an diesem Sonntag, an dem Reginald Kenneth Dwight, wie Elton John eigentlich heißt, sechzig Jahre alt wird.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/GAL, Cinetext/Morgan, ddp, dpa, Marcus Kaufhold/Cinetext, REUTERS

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Ihm flossen die Melodien nur so aus der FederLive-Reputation und Plattenerfolge halten sich das GleichgewichtElton John - ein SuchtcharakterEr verkörperte das Neue, nach dem die Musikszene sich sehnteDer größte Rockinterpret, der je am Klavier gesessen hatEr darf sich feiern lassen1979: Der Rock-'n'-Roll-ArchetypAuthentizität war nie seine KategorieÜber Geschmack lässt sich nicht streiten: Elton John Anfang der 1980er JahreÜppig kostümiert war er immer, so auch im Jahr 1990Juli 2005: John macht mit beim Live 8-Konzert im Hyde Park, London...und bei “Southpark“1986: Irokesen-EltonEine Verbeugung zum Sechzigsten Ein glückliches Paar: Elton John und David FurnishCaptain Hook? Nein, er ist es wirklichSo sah man 1973 eben aus - wenn man Elton John hießPink, sehr pinkSein schmerzlichster Auftritt: 1997 singt Elton John bei Prinzessin Dianas BeerdigungCowboylook und Wimperntusche: Die Siebziger machen es möglich1984 war hellblau wohl hipAuf der Bühne macht er eindeutig die bessere Figur1987: Ein irres Outfit jagt das nächsteAuch die Brillen sind durchaus bemerkenswertDer “Rocket Man“ bekam seinen Auftritt bei den Simpsons...Elton John 2003 mit überdimensionalem SchlabberlätzchenNiemand spielt mit solch überbordender Lust