Sonnenfinsternis

Die Eklipsen-Jäger

29. März 2006 Vom Tempel des Apollon im südtürkischen Side sind nur noch ein paar Ruinen übrig, aber am Mittwoch wurden die antiken Steine zum Ort einer einzigartigen Party. Tausende Hobby-Astronomen aus aller Welt versammelten sich hier, um die vierte totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts mitzuerleben.

Mittendrin: Thomas Reichart aus Stuttgart. Der junge Mann, der am Institut für Technische Biochemie der Uni Stuttgart seinen Doktor macht, hatte Meßgeräte mitgebracht - und auch seine Mutter, die die Messergebisse ihres Sohnes notieren mußte. Die Reicharts waren Mitglieder einer 500-köpfigen Gruppe aus Baden-Württemberg, die in Side gleich ein ganzes Hotel in Beschlag genommen hatte.

„Wunderbar, unglaublich!“

Die Sonnenfinsternis war im Süden der Türkei sehr gut zu beobachten, weil selbst Ende März die Chancen für einen wolkenlosen Himmel in dieser Gegend sehr gut sind. Die türkische Riviera hielt, was sie versprach, und bot am Mittwoch eine perfekte Bühne für das Himmelsschauspiel, das kurz nach Mittag begann. Mehr als zwei Stunden lang war die Sonne teilweise verdeckt, und für einige Minuten wurde die Sonnenscheibe ganz vom Mond blockiert. Wegen dieser Minuten waren Reichart und die mehreren tausend anderen Sonnenanbeter aus aller Welt in die Türkei gekommen. „Wunderbar, unglaublich“, sagte der Stuttgarter hinterher. Irgend jemand war im Getümmel vor dem Apollon-Tempel zwar gegen seine Meßgeräte gestoßen, aber immerhin stellte er fest, daß die Temperatur während der totalen Eklipse um zwei Grad fiel und daß der Wind beträchtlich zunahm.

In zwei Jahren will er auch bei der nächsten Eklipse in China dabeisein. Dort wird er wahrscheinlich einige der anderen Sterngucker wiedertreffen, die sich in Side eingefunden hatten. Ein türkischer Reiseveranstalter hatte in den vergangenen Wochen „Eklipse-Touren“ angeboten und konnte sich über eine schwache Nachfrage nicht beklagen. „Das war meine erste Sonnenfinsternis, aber ich glaube, jetzt werde ich auch zu einem richtigen Eklipsen-Jäger“, sagte der Amerikaner Scott Stevenson.

Vier Minuten Dunkelheit

Das Interesse an der Sonnenfinsternis kennt keine Grenzen. An einem Strand in Side, fernab von der Volksfestatmosphäre am Apollon-Tempel, hatte eine Gruppe aus Polen ihre Kameras und Fernrohre aufgebaut. Die Hobby-Forscher waren von Warschau aus per Bus über die Ukraine in die Türkei gekommen. Gut 2000 Kilometer Busreise für vier Minuten Dunkelheit. Nicht alle in der Türkei können es verstehen, daß man einer Sonnenfinsternis hinterher reist - so mancher Türke trat sogar die Flucht an.

Während Reichart und seine Kollegen die Sonnenfinsternis bestaunten, gaben sich die Behörden in Zentralanatolien alle Mühe, die Bevölkerung zu beruhigen. In den Tagen nach der Sonnenfinsternis werde es dort ein schweres Erdbeben geben, hatte ein Forscher vorausgesagt. Viele Menschen in der Türkei brauchen solche Prophezeiungen nicht, um in Panik zu geraten, denn sie sind ohnehin überzeugt davon, daß eine Eklipse ein Unheilsbote ist. Hatte sich nicht unmittelbar nach der letzten totalen Sonnenfinsternis in der Türkei 1999 im Nordwesten des Landes ein verheerendes Erdbeben ereignet, das 20.000 Menschen das Leben kostete?

„Es ist alles Allahs Wille“

Deshalb wollten mehrere hundert Menschen in den Dörfern um die Stadt Niksar in Zentralanatolien am Mittwoch nicht mehr in ihren Häusern bleiben. Einige zogen in Zelte um, andere gingen zu Verwandten oder in ihre Sommerhäuschen in den nahen Bergen.

Bei einer Informationsveranstaltung am Tag vor der Eklipse hatten sich Bürgermeisteramt und Wissenschaftler noch einmal bemüht, die Menschen davon zu überzeugen, daß es keinen nachprüfbaren Zusammenhang zwischen den Ereignissen hoch am Himmel und tief in der Erde gibt. Es half nichts. „Es ist alles Allahs Wille, aber wir haben unsere Vorbereitungen getroffen“, sagte Ortsvorsteher Mustafa Hasta aus dem Dorf Yolkonak bei Niksar. Die Leute aus seinem Dorf würden so lange in Zelten leben, bis sie sicher sein könnten, daß es kein Beben geben werde, sagte Hasta. Nach seinen Worten kann das lange dauern: Geplant sind zwei Monate.

Verdeckter Blick in Deutschland

In Deutschland hat hingegen eine dichte Wolkendecke den meisten Beobachtern des Spektakels einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Für einen Großteil der Menschen fiel die Teilfinsternis aus“, sagte Meteorologe Thomas Ruppert vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Lediglich im Osten Deutschlands hätten Chancen bestanden, zu beobachten, wie die Sonne teilweise vom Mond verdeckt wurde. Die besten Möglichkeiten, das Naturschauspiel zu sehen, hatten nach Angaben des DWD die Menschen im Berliner Raum, an der Vorpommerschen Küste sowie in Teilen Thüringens, Sachsens und Bayerns. „Ansonsten war es überall in Deutschland stark bewölkt“, sagte Ruppert.



Text: FAZ.NET mit Material von AFP, AP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

 
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