Berliner Modewoche (3)

Schaut auf diese Mode!

Von Alfons Kaiser und Anke Schipp, Berlin

Eine “Eins mit Sternchen“ für “Lala Berlin“

Eine "Eins mit Sternchen" für "Lala Berlin"

04. Juli 2009 Die Frau, die in Berlin die Wende brachte, ist klein, trägt Kleider in Größe 40plus und lächelt selten. Ihre einzige exzentrische Note ist eine Haartolle im Stil von Madame Pompadour. Suzy Menkes fällt nicht auf, wenn sie bei der Hugo-Boss-Party mit einem Glas Wein in der Menge steht oder mit ihrer Assistentin über den Gendarmenmarkt schlendert. Aber wenn die einflussreiche Kritikerin der „International Herald Tribune“ in der ersten Reihe der Berliner Defilees ihren Platz einnimmt, ohne eine Mine zu verziehen, hält die Modewelt den Atem an. Denn Suzy Menkes ist wichtiger als jeder der vielen Prominenten, die von den PR-Leuten nach Berlin gekarrt werden. Weder Justin Timberlakes kurzer Auftritt bei der Modemesse

„Bread & Butter“ noch das blitzsaubere Lächeln von Sienna Miller bei der Show von „Boss Orange“ in den Treptower Rathenauhallen kann aufwiegen, was Suzy Menkes getan hat: Mit ihrer Anwesenheit bei der Modewoche hat sie Berlin in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt.

„Very nice“ heißt „Eins mit Sternchen“

Lange erging es der Mode-Szene an der Spree wie einem hochbegabten Kind, dessen Potential von den Lehrern nicht recht erkannt wird. Jetzt hat Suzy Menkes Zensuren verteilt: „Very nice“, sagt sie nach der Schau von „LalaBerlin“. Das klingt, gemessen an den üblichen hysterisch überhitzten Statements aus der Modewelt, ein bisschen wie „ganz nett“. Aber wenn man weiß, wie wenig überschwänglich Menkes in ihren Urteilen ist und wie unbarmherzig sie Kollektionen in weniger als zwei Sätzen vernichten kann, heißt „Very nice“ so viel wie „Eins mit Sternchen“.

Ziemlich genau sechs Jahre ist es her, dass Berlin damit begann, sich im deutschen Mode-Föderalismus zu positionieren. Bis dahin wetteiferten drei Städte im Westen Deutschlands um die textile Vorherrschaft: In Düsseldorf wurden auf der Messe „cpd“ die Geschäfte gemacht, in München sitzen die großen Modemagazine, und Hamburg hat immerhin Jil Sander hervorgebracht. Berlin kam als agiler Konkurrent hinzu, verlor aber nach einem fulminanten Start 2003 wieder an Form, als wenige Jahre später die Modemesse „Bread & Butter“ für Street- und Urbanwear nach Barcelona verschwand. 2007 gab es dann wieder einen Schub: Die „Mercedes Benz Fashion Week“ etablierte sich am Bebelplatz und zeigte gemeinsam mit der Modemesse „Premium“ designorientierte Marken. Jetzt ist die „Bread & Butter“ zurückgekehrt. Und noch nie gab es in Europa so viel Mode an einem Ort zu sehen wie in der vergangenen Woche.

Vielleicht ist es schon einer der größten Erfolge in diesen Tagen, dass Aussteller, Einkäufer, Designer und Journalisten von „großartiger Energie“, vom „sensationellen Spirit“, von Optimismus und Spaß reden – und dabei kein Wort über die Krise verlieren. „Da ist Musik drin“, sagt Claus-Dietrich Lahrs, Vorstandsvorsitzender von „Hugo Boss“ über die Modewoche. „Endlich hat Berlin eine Plattform für junge deutsche Talente“, jubelt Christiane Arp von der „Vogue“. „Diese Energie ist wichtig für Deutschland“, freut sich der Frankfurter Designer René Storck.

„Alles perfekt - bis auf die Mode!“

Selbst Wolfgang Joop, Berlins Überdesigner – der einzige Deutsche, der neben Karl Lagerfeld und Jil Sander zu Weltruf gelangte und bislang bei der Modewoche durch Abwesenheit glänzte –, mischte mit und präsentierte seine „Wunderkind“-Kollektion mit einem Cocktailempfang in seiner Boutique am Gendarmenmarkt. „Ich sehe das ein bisschen wie ein Lernprojekt“, sagt der Designer, nachdem er den Regierenden Bürgermeister mit „hallo, Wowi“ und Küsschen begrüßt hat. In Berlin, so Joop, hapere es mit dem Kreativen: „Die Leute sind toll, die Events sind toll, die After-Show-Partys sind toll. Alles perfekt – bis auf die Mode!“

Das soll sich jetzt ändern. Denn die große Überraschung der Woche sind die jungen Berliner Designerinnen. Da ist Frida Weyer, bisher ziemlich rüschig, die eine von Lingerie inspirierte geschmackvolle Couture-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2010 macht. Da ist Zerlina von dem Bussche („Sisi Wasabi“), ebenfalls eine Esmod-Absolventin, die ihr bisher auf Abendmode focussiertes Label stark um Daywear ergänzt. Da ist Leyla Piedayesh („Lala Berlin“), die um ihre Maschen, die sie von Hand in Polen stricken lässt, eine komplette coole Kollektion gebaut hat. Da sind Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl („Kaviar Gauche“), die mit ihrer um Schmuck, Braut- und Abendmode erweiterten Taschenkollektion schon ein kleines Markenuniversum geschaffen haben. Da sind Livia Ximénez-Carrillo und Christine Pluess („Mongrels in Common“), die mit ihrer auf Lachshaut basierenden Kollektion gleich bei ihrem ersten Laufsteg-Auftritt souverän wirken. Und da ist Bernadett Penkov, die ihre Kleider mit kupferfarbenem Metall veredelt und unterm Chiffon Schulterpolster hervorlugen lässt – als ironische Version einer Rüstung. Es müsste schon mit dem Teufel oder dem deutschen Einzelhandel zugehen, wenn all diesen jungen Frauen nicht eine große Zukunft bevorsteht.

Die Aufmerksamkeit haben sie jetzt endlich verdient. Viele Labels wurschtelten noch vor zwei Saisons in ihren Nischen herum. Nun kommen sie aus dem Hinterhof und treten auf die internationale Bühne. Ausgebildet in einer der sieben Modeschulen der Stadt, sind die meisten selbstbewusst – und dennoch kundenorientiert. Sie brauchen jedenfalls keine Nachhilfe mehr von internationalen Labels, die der „Fashion Week“-Veranstalter IMG gerne zur vermeintlichen Bereicherung des Kalenders einlädt. Und sie können sich vom Anspruch her inzwischen messen mit den erwachsenen Labels aus dem Westen der Republik – Anja Gockel (Mainz), Schumacher (Mannheim), Strenesse Blue (Nördlingen) –, die in Berlin souverän ihr Programm herunterspulten. An der insolvenzbedrohten Marke Escada aus München muss sich der hoffnungsfrohe Nachwuchs auch nicht ausrichten: Die beschwor ihre glorreiche Vergangenheit champagnerselig in einer schönen Ausstellung im Bode-Museum. Escada im Museum – irgendwie keine gute Nachricht. Ein bisschen mehr Zukunft kleidet besser.

Bitte recht locker!

Die Modewoche mit ihren Partys, Empfängen und Schauen an ungewöhnlichen Orten ist für alle Beteiligten ein perfektes Marketing. Aber bringt sie auch etwas für den Markt? Natürlich, sagt der Berliner Designer Michael Michalsky: „Die Zahl der Einkäufer, die zu meiner Show gekommen sind, hat sich verfünffacht.“ Bei Boss sind es vor allem die Kunden aus Osteuropa, die im eigens vergrößerten Showroom fleißig Ware ordern und zur Schau nach Treptow gekommen sind, wo die Metzinger Marke mit „Boss Orange“ die „rauhe, unpolierte Seite von Boss präsentiert“, wie es Boss-Chef Lahrs ausdrückt, der Jeans und Turnschuhe trägt, weil man als Manager zur Marke passen muss – und in Berlin heißt das: bitte recht locker!

Die gute Stimmung spürt man am stärksten auf dem alten Flughafen Tempelhof. Wo früher die Passagiere warteten und die Flugzeuge starteten, zeigen nun Labels wie Levi’s, G-Star, Pepe Jeans, Marc O’Polo und Adidas ihre Sportswear für den nächsten Sommer. Mode in Tempelhof – ein Projekt, das bis zuletzt umstritten war. Denn auch die Babelsberger Filmstudios hatten ihr Interesse an dem stillgelegten Flughafen angemeldet. Die Stadt Berlin entschied sich für die Modemesse, die zwar nur zweimal im Jahr stattfindet – aber so viele Menschen in wenigen Tagen an die Spree bringt, wie es sonst zu keinem anderen Zeitpunkt geschieht. Mindestens 80 000 Besucher wurden allein in Tempelhof gezählt. Schätzungsweise 130 000 Einkäufer, Journalisten, Einzelhändler, Designer und Aussteller sind in diesen Tagen in der Stadt unterwegs und halten das gesamte Dienstleistungsgewerbe vom Taxifahrer bis zum Caterer auf Trab.

Auch wer sich nur wenig für Mode interessiert, muss die Messe in Tempelhof für ein herausragendes Ereignis halten. In den Hangars sind die mit Phantasie ausgestatteten Stände aufgebaut, dazu ein Schwimmbad am Rande des Flugfelds, eine Bühne mit DJ, Biertische, von denen man auf das weite Flugfeld blicken kann. Es sieht aus wie eine Party, ist aber Geschäft – so kann man ein von der Oberfläche bestimmtes Thema wie Mode am besten verkaufen.

Es ist bezeichnend für den sensationellen Aufstieg der Modestadt Berlin, dass sämtliche Veranstalter trotz der Rekorde vor allem an eine weitere Expansion denken. Karl-Heinz Müller, Chef der „Bread & Butter“ und mit seiner Rückkehr in die Hauptstadt Initiator des unaufhaltsamen Aufstiegs, will vom 20. bis zum 22. Januar 2010 noch weitere Ecken in Tempelhof nutzen, weil er schon jetzt mehr Gäste anzieht als die Düsseldorfer „Igedo“ in ihren besten Zeiten. Peter Levy, Chef der internationalen Abteilung bei IMG, sagt zur Zukunft der Berliner Schauen: „Ich gehe nicht in Märkte, um möglichst schnell wieder herauszukommen.“ Und die meisten der mehr als 500 jungen Berliner Modemacher hoffen angesichts der internationalen Aufmerksamkeit auf eine größere Strahlkraft ihrer Labels. In ihren Läden in Mitte waren in diesen Tagen jedenfalls doppelt so viele Besucher wie an normalen Tagen.

Männer mit Pomade

Berlin ist damit wohl endgültig Deutschlands Modemetropole. Aber wie wird sich die Stadt international positionieren? „Berlin kann sicher nicht mit Paris und Mailand konkurrieren, eher ist es ein Kontrapunkt zu New York“, sagt Claus-Dietrich Lahrs von Boss. „Berlin ist ein perfekter Nährboden für junge Talente, das ist die Stärke der Stadt“, glaubt die Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, Christiane Arp. Als sie Mitte der neunziger Jahre zur ersten „Fashion Week“ nach Manhattan reiste, gab es dort schließlich auch nur drei Schauen am Tag. „Aber wir sind wegen der Stadt und ihrer Ausstrahlung hingefahren.“ Heute hat sich die New Yorker „Fashion Week“ neben Mailand und Paris als feste Größe etabliert. An der Spree könnte es ähnlich laufen, zumal Berlin besonders im Ausland als hip und trendy gilt; Einkäufer und Journalisten aus aller Welt, auch aus Amerika, nutzen die Gelegenheit zum lange geplanten „Börlin“-Trip. Zwar überstrahlen die vielen Partys und Empfänge manchmal die Mode, aber solche Veranstaltungen sind nun mal das Salz in der Suppe – während es Düsseldorf längst an entsprechender Würze fehlt.

Einer, der sich bestens auf Geschmacksverstärkung versteht, ist Michael Michalsky. Für seine Schau im Friedrichstadtpalast am Freitagabend galten durchaus Pariser Maßstäbe: Die Models bewegen sich vor einer Theaterkulisse, die an eine expressionistische Collage aus den zwanziger Jahren erinnert und den Börsencrash von 1929 zum Thema hat. Auf dem Boden liegen wertlose Aktien, und über den Catwalk laufen Männer mit Pomade im Haar und Frauen in gepunkteten Kostümen. Als der Vorhang fällt, brandet der Applaus von 1600 Besuchern auf, als wäre es eine Premiere in Bayreuth.

Bei der After-Show-Party trifft man zwei besonders glückliche Menschen. Karl-Heinz Müller von der „Bread & Butter“ resümiert schlicht: „Happy, happy, happy.“ Und Klaus Wowereit führt nach der vielen Kritik mit leichter Genugtuung aus: „Es war absolut richtig, sich für die Messe in Tempelhof zu entscheiden. Es ist ein gigantischer Erfolg, von dem in Berlin alle profitiert haben, ob das nun Taxifahrer sind oder Messebauer oder die Werbeindustrie.“ Und ein bisschen stolz ist er auch darauf, dass jene kleine Dame mit der Tolle zu Besuch ins Rathaus kam und sich mit dem schönen Satz von der Spree verabschiedete: „Berlin hat Mode im Blut.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, HUGO BOSS, REUTERS

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