24. Dezember 2006 Er nennt sich einen Anfänger und auch die makellosen Ikonen eher anfängerhafte Malerei. Perfektionisten sind eben schrecklich genaue Menschen. Und ein Perfektionist ist der Kapuziner Franz Beer bestimmt. Bevor der heute Vierundfünfzigjährige 1985 in den Orden eintrat und zum Priester geweiht wurde, hatte er an der TU Berlin Maschinenbau studiert, Fachrichtung Feinwerktechnik/Biomedizinische Technik.
Und etwas von der nüchternen Genauigkeit eines Ingenieurs umweht ihn auch, wenn er zeigt, wie seine ganz am Kanon der ostkirchlichen Kultbilder orientierten und kunsthandwerklich mit jahrhundertealten Techniken gemalten Ikonen entstehen. Für genialisch-demonstrative Kreativität ist bei dieser stillen, konzentrierten Tätigkeit kein Platz. Neben der Ikone spielt der Künstler, der sie geschaffen hat, keine Rolle.
Ausrüstung selbst gebaut
Im Kapuzinerkloster in Bad Mergentheim hat Bruder Franz unweit der Pforte seine Malstube. Den Arbeitstisch bedeckt der Börsenteil dieser Zeitung, aber nur als immer wieder schnell erneuerte Unterlage. Viel Arbeitsgerät ist nicht zu sehen: einige gute und sehr gute Pinsel, Kolinsky Rotmarder, eine Näpfchenpalette, eine Einwegspritze, Pigment, die Ikone, die gerade in Arbeit ist, auf der senkrechten Staffelei eine farbige Vorlage. Über diesem ordentlichen, peinlich sauberen Arbeitsplatz schwebt am Ausleger eines Stativs der große Reflektor einer Tageslichtlampe, die mit einer Farbtemperatur von 5400 Grad Kelvin für genug Licht sorgt.
Schatten, die auf die Arbeitsfläche fallen könnten, nimmt eine zweite Leuchte weg, die von hinter der Arbeitsfläche nach vorn strahlt. Etliches von der Ausrüstung ist selbst gebaut, zum Beispiel die Pinselkästchen mit den Federleisten: Ich habe einfach keine vernünftigen gefunden - eben doch ein Perfektionist.
Leim aus Knochen oder Hasenhaut
Am Anfang der Herstellung einer Ikone steht ein Holzbrett, eine Platte eher weichen Holzes wie von der Linde, nicht so hart wie Eiche oder Buche. Harzfrei, astfrei und aus der Mitte des Stammes geschnitten soll das Holz sein, damit es sich im Verlauf der langwierigen Bearbeitung nicht wirft, nicht verbiegt oder gar reißt. Um dieser Maßhaltigkeit willen greift Bruder Franz zu einem modernen Material: Multiplexplatten, die aus mehreren übereinandergeleimten Holzschichten bestehen. Nachdem die Holzoberfläche mit einem Messer in vielen gekratzten Diagonallinien aufgerauht worden ist, wird ein dünnes Leinen auf die Holzplatte geleimt. Das Gewebe soll anschließend einem Kreidegrund die nötige Haftung geben.
Allein diesen allerersten vorbereitenden Arbeitsschritten hat Abraham Karl Selig, der in zahlreichen kirchlichen Bildungshäusern Kurse im Ikonenmalen gibt, etliche Seiten seines Handbuchs Die Kunst des Ikonenmalens gewidmet. Denn es gibt bald ein halbes Dutzend Kreiden mit unterschiedlichen Eigenschaften wie zum Beispiel dem zarten Gelbton der Porzellanerde China Clay. Und auch Leim ist nicht Leim, sondern eben Warmleim aus Knochen oder Hasenhaut oder Kaseinleim, der aus Magerquark hergestellt wird. Und die vielfältigen Rezepte, nach denen mit Speisegelatine oder Salmiakgeist hantiert werden muß, haben nur eins gemeinsam: Zeit muß man mitbringen, denn mal muß das Angerührte nur ein schwaches Stündchen quellen, mal eine ganze Nacht. Mit einer Kreideschicht als Untergrund der Malerei ist es nicht getan. Sechs bis acht trägt Bruder Franz nacheinander auf und schleift sie glatt. Doch nicht zu glatt soll die Oberfläche werden, damit die Farben gut haften, nur Riefen sollen keine zu sehen sein.
Originalität ist nicht gefragt
Während sich die Vorbereitung des Malgrunds hinzieht, wird eine Vorlage der zu malenden Ikone zunächst in Umrissen auf Transparentpapier gezeichnet. Diese erste Vorzeichnung muß dann durch Kopieren auf ein zu der Holztafel passendes Format gebracht werden, um anschließend die Zeichnung zu übertragen: die Umrißlinien der Figuren, Schattenlinien, Augenbrauen, Nasenlinie, den Mund mit der Mittellinie des Lippenspalts und der Unterlippe, Pupille und Iris bei den größeren Köpfen. Dazu wird die Rückseite des Transparentpapiers mit Englischrot-Pulver bestäubt und durch kräftig aufdrückendes Nachziehen der Linien die Vorzeichnung auf die grundierte Holzplatte übertragen.
Die feinen Linien der Vorzeichnung des mit einem Zirkelschlag gerundeten Heiligenscheins werden danach ganz sachte in den Kreidegrund gedrückt: so tief, daß sie als Linien während des Malens auch dann sichtbar bleiben, wenn sie mit Farbe bedeckt werden. Aber doch nicht so tief, daß sie etwa als Unebenheiten in der fertigen Ikone noch zu erkennen wären. Künstlerische Originalität der Gestaltung ist bei diesem Kopieren überhaupt nicht gefragt. Ziel ist vielmehr, die festgelegte Darstellungsform so genau wie möglich einzuhalten. Es gibt nicht nur einen Kanon klassischer Motive, Synoden der Ostkirchen haben darüber befunden, wie etwa die Haar- und Barttracht von Johannes dem Täufer auszusehen habe.
Nelkenöl gegen Ungeziefer
Bevor nun vergoldet wird und danach der eigentliche Malvorgang anhebt, erhalten die Flächen, die nicht vergoldet werden, eine nichtdeckende Grundschicht mit Siena natur. Diese Farbe ist genauso wie das Englischrot, mit dem die Umrißlinien in dunklem Rotbraun vorgemalt werden, und wie alle später verwendeten Farben eine Ei-Emulsion. Nicht ganz im Verhältnis 1:1 werden Eigelb und Wasser miteinander und mit dem Farbpigment gemischt. Diese Eitempera, bei der das Eigelb als Bindemittel wirkt, wird für jeden Arbeitsgang in der benötigten Menge gemischt. Weil die organische Substanz verderben könnte, wird sie mit ein wenig Alkohol haltbar gemacht.
Einige Tropfen Nelkenöl sollen Ungeziefer fernhalten. Denn die Eitempera trocknet zwar beim Malen recht rasch oberflächlich ab, benötigt aber, um endgültig haltbar zu werden, einen Prozeß des Durchtrocknens, der zwölf Monate dauern soll. Andererseits läßt sich ein einmal gemischter Farbton kaum jemals wieder mit Pigmentpulver und Eigelb exakt so nachmischen, daß der zweite Ansatz nicht sichtbar würde. Deshalb muß man beim ersten Zubereiten die Menge kalkulieren, die man von einer Farbe benötigen wird. Luftdicht abgeschlossen, mit etwas Spiritus gegen den Schimmel und im Kühlschrank läßt sich die Eitempera einige Wochen lagern.
Gold ist nicht gleich Gold
Die Flächen des Hintergrunds, die nicht mit Siena natur für den späteren Farbauftrag vorbereitet wurden, werden jetzt vergoldet. Auch dabei gibt es verschieden aufwendige Verfahren. Bruder Franz arbeitet mit der Ölvergoldung. Dabei wird zunächst die Fläche des Kreidegrunds noch einmal besonders fein vorgeschliffen und dann mit Schellack versiegelt, damit sie das Mixtionöl nicht aufsaugt. Das Öl hat eine rasche, genau definierte Trocknungszeit. Wenn der Ikonenmaler über die hauchdünn eingeölte Fläche sachte mit dem Finger streift und ein leichtes Quietschen ertönt, ist der Zeitpunkt gekommen, das Blattgold aufzulegen.
Die 8 × 8 Zentimeter großen Blättchen müssen mit ruhiger Hand ganz exakt nebeneinandergesetzt werden - so, daß eigentlich keine Ansatzkanten zu sehen sind, aber doch auch wieder so, daß man erkennt, daß diese Vergoldung echte Handarbeit und keine gedruckte Fälschung ist. Gold ist dabei keineswegs Gold: In der mit großen Flügelschrauben bewehrten Blattgoldpresse hat Bruder Franz rötliches und gelblich schimmerndes, grünlich und silbrig kühl glänzendes. Wiederum ist äußerste Sauberkeit wichtig: Kein Krümel, kein Stäubchen oder Haar darf das Gold entstellen, das den Himmel der Seligen vergegenwärtigen will.
Raffinierte Schichten und Schraffuren
Wenn nun endlich das eigentliche Malen beginnt, fängt der Kapuziner mit den großen Flächen der Gewänder an und grundsätzlich mit dem dunkelsten Ton einer Farbe. Ikonen werden vom Dunklen zum Hellen hin geschrieben, wie man den Malvorgang gern nennt, um anzudeuten, daß diese religiöse Kunst bis in die beiläufig erscheinenden Details hinein mit Bedeutung aufgeladen ist. Ikonen sind an sich völlig flächig, sie haben weder eine Raumperspektive, noch kennen sie so etwas wie einen pastosen, plastischen Farbauftrag. Daß sie sich dennoch dem Betrachter mit einer geheimnisvollen Tiefe zeigen, die besonders eindrucksvoll wirkt, wenn die Ikonen natürlich, etwa mit Kerzen, beleuchtet werden, hängt mit der Malweise zusammen.
Durch wiederholtes Lasieren mit immer heller werdenden Abtönungen wird bei der russischen Maltechnik ein Aufleuchten der dunklen Grundfarbe und eine besondere Plastizität erzielt. Die griechische Technik versucht dies in einer Art von Stricheln, bei dem feinste Schraffuren neben- und übereinander gesetzt werden. Br. Franz in Bad Mergentheim arbeitet mit der Lasurtechnik. Die einzelnen Schichten, die sowohl den Hintergrund durchscheinen lassen, wie sie ihn gleichzeitig deckend verändern, trocknen in Minutenfrist. Sechs bis sieben Schichten können es werden, die mit dem Fehhaar- oder Rotmarderpinsel nacheinander aufgetragen werden. Keineswegs mit hauchdünnen Pinseln: Für den gleichmäßigen Farbauftrag in einem Durchzug ohne Absetzen eignen sich die nicht gar so dünnen Pinsel viel besser.
Wenn schließlich in den Spitzlichtern eine Farbe sich nach mehreren Zwischenschritten fast zu einem Weiß entwickelt hat und wenn als letztes die Beschriftung aufgebracht ist, muß die Ikone wieder ruhen. Zum Durchtrocknen wird sie in der Klosterbibliothek gelagert. Ein letztes Ölbad und abermals eine Phase des Trocknens stellen sie dann endgültig fertig.
Mehr von den Ikonen, die Bruder Franz Beer geschaffen hat, Motive und Preise kann man im Internet in einer Bildergalerie unter der Adresse www.Kapuziner.de/ikonen finden.
Text: F.A.Z., 19.12.2006, Nr. 295 / Seite T1
Bildmaterial: Pardey