
Diese Uhr von Oris hat nun gar nichts Extravagantes. Ein braves Stahlgehäuse umschließt ein zweitöniges Zifferblatt (silbern und grau guillochiert), das lange rotgoldene Indexe in die üblichen zwölf Segmente teilt; darauf kreisen Minuten- und Stundenzeiger und informieren über die aktuelle Zeit. Dass den helleren Mittelteil noch mal eine Zwölferskala umrundet und auf sie ein ganz filigraner Zeiger weist, sieht eigentlich nur der Uhrenträger selbst. Eine zweite Zeitzone? Nein. Es ist die Alarmzeit, die sich dort einstellen lässt.
Eigentlich ist es die „Weckzeit”, die der unauffällige Pfeil auf zehn Minuten genau zeigt. Ein einfaches Hilfsmittel für all jene, die sich einfach nicht dem Hotelservice anvertrauen wollen und die vielleicht auch mit ihrem Handy nicht mehr als telefonieren wollen oder können. Für die Freunde mechanischer Uhrmacherei gibt es in dieser Uhr ein Weckwerk, das von einem eigenen Federhaus mit Energie versorgt wird; es muss mit der unteren der beiden Aufzugskronen "nachgeladen" werden. Nur zeigt sie nicht an, wann der Speicher voll ist, denn eine Rutschkupplung schützt unnötigerweise vor einem Überdrehen. Die gezogene Krone stellt die Weckzeit stets nach links ein.
Wennn der Wecker rasselt
Rasselt der Wecker, läuft das Federhaus binnen zehn Sekunden ab. Wer ihn vorher bremsen will, weil der möglicherweise friedlich schlummernde Partner nicht auch noch geweckt werden will, sollte nach dem eigenen Hochfahren geistesgegenwärtig den Weckzeiger nach hinten verstellen. Das sollte funktionieren, denn der Weckton ist alles andere als einfühlsam - er hört sich eher nach einem unbarmherzigen Schnarren als nach einem melodiösen Klingeln an. Das eindringliche Geräusch dürfte jeden gleichsam automatisch aus den schönsten Träumen reißen. "Das Weckerläuten gehört mit Sicherheit zu den meistgehassten Geräuschen", urteilt Fachautor Gisbert L. Brunner in einem Buchkapitel über diese Uhrengattung, die schon im 14. Jahrhundert aufgetaucht sein soll. Seitdem ist der Wecker eine vielleicht nicht immer beliebte, oft aber nützliche Komplikation einer Uhr. Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Uhrwerken mit Alarmfunktion, die ihre Arbeit bei unterschiedlichen Marken verrichten.
In dieser Oris mit dem etwas eigenartigen Kollektionsnamen "Artelier" wird als Kaliber 908 angegeben, es ist aber tatsächlich das seit 1974 bekannte, etwas modifizierte Kaliber AS 5008. Es ist 13 ΒΌ Linien (30 Millimeter) groß und verfügt über eine Datumsscheibe, die mit dem jeweils aktuellen Datum in einem Fenster am Zifferblatt erscheint. Das Gehwerk wird von einem Automatikrotor nachgespannt, die Gangautonomie einer abgelegten Uhr beträgt 45 Stunden. Die Unruhfrequenz ist mit 28 800 Halbschwingungen in der Stunde (4 Hertz) relativ hoch; 31 Lagersteine sorgen für einen reibungsarmen Gang. Eine Sekundenstoppvorrichtung ermöglicht ein genaues Einstellen der Zeit.
Damit der Träger dieser Oris nachts schon mal sehen kann, wie spät es schon ist, tragen Zifferblatt und Zeiger das Leuchtmittel Superluminova C3. Nur wer im dunklen Schlafzimmer noch wissen will, auf welche Weckzeit die Uhr eingestellt ist, muss leider das Licht einschalten. Aber vielleicht soll die Uhr einen gar nicht aus dem Schlaf holen, sondern während des Tages an einen Termin erinnern. Dafür ist die Erinnerung doch etwas zu unhöflich, zu forsch und zu laut geraten. Leider ist das durchaus praktische Prinzip nicht verwirklicht, dass nur eine am Nachttisch abgelegte Weckuhr laut läutet, eine am Handgelenk dagegen nur leise säuselt, um dem Träger eine Erinnerung zu signalisieren. Dazu müsste aber ein Hammer auf den Boden klopfen und nicht auf die Gehäuseflanke; der Safirboden, der sowieso nicht viel vom Uhrwerk zeigt, macht diese Funktion unmöglich. Die Oris Artelier Alarm mit einem Krokoband kostet 4950 Euro.
F.A.Z.
Gerd Gregor Feth