Energieversorgung

Autark und umweltfreundlich

Von Monika Etspüler

16. Mai 2005 Auf Anhieb ist der Ort Jühnde auf der Landkarte kaum zu finden. 800 Einwohner zählt die Gemeinde in der Nähe von Göttingen; kein "Schlafdorf", sondern ein Ort mit gewachsenen Strukturen. Noch immer gibt es hier neun landwirtschaftliche Betriebe, vier davon mit Tierhaltung.

So gesehen, ist Jühnde ein Dorf wie viele andere in der Region, und doch gibt es ein paar wesentliche Unterschiede. Die Gemeinde hat das ehrgeizige Ziel, ihren Energiebedarf bis zum Winter 2005/06 komplett mit Hilfe regenerativer Energieträger zu decken. 70 Prozent der Haushalte nehmen an dem Projekt bisher teil. Wissenschaftlich begleitet wird es vom Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Universität Göttingen.

Biomasse vor Ort

In erster Linie setzt Jühnde auf Biogas. Die dafür erforderliche Biomasse bezieht der Ort von seinen Äckern und Stallungen. Zusätzlich zu rund 10000 Kubikmetern Gülle werden rund 3000 Tonnen pflanzlicher Trockenmasse verwertet. Dafür werden auf 180 Hektar, etwa 15 Prozent der Gesamtanbaufläche, rund um den Ort Wintergetreide, Sonnenblumen und Mais angebaut und kurz vor der Reife geerntet. Bewußt wurde auf die Nutzung von Solarenergie und Windkraft verzichtet und statt dessen der lagerfähigen und ständig vorhandenen Biomasse der Vorrang eingeräumt. Die technischen Anlagen dazu werden auf einem Hektar Fläche zusammengefaßt: das Lager für die Silage, direkt daneben die Biogasanlage mit Fermenter und Nachgärbecken. In unmittelbarer Nachbarschaft stehen ein Blockheizkraftwerk zur Stromerzeugung sowie ein Holzhackschnitzel-Heizwerk zur Wärmegewinnung.

Über die Biomasse sollen der Strombedarf gedeckt und rund 60 Prozent der übers Jahr benötigten Wärme bereitgestellt werden. In der Übergangszeit und im Winter wird das Holzhackschnitzel-Heizwerk zugeschaltet. Um auch an sehr kalten Tagen ausreichend Wärme zur Verfügung zu haben, ist ein mit Heizöl oder Biodiesel betriebener Kessel vorgesehen, der rund 5 Prozent zum Wärmehaushalt beiträgt. Über ein fünf Kilometer langes, unterirdisches Nahwärmenetz wird die Wärme zu den Häusern transportiert und dort an die hausinternen Kreisläufe für Heizung und Warmwasser übergeben.

Jühnde ist in Deutschland der erste Ort, der seinen Energiebedarf komplett aus regenerativen Energien abdeckt. Mit dem Konzept werden mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt. So will das Dorf einen Beitrag zur Reduktion des Kohlendioxyd-Ausstoßes leisten, indem es durch den Einsatz regenerativer Energien die Luft jährlich um 3300 Tonnen des Treibhausgases entlastet. Restholz aus dem Wald soll sinnvoll zur Wärmegewinnung eingesetzt werden, der umweltverträgliche Anbau der Pflanzen zu einer Verbesserung von Boden und Gewässern beitragen.

Bakterien als Helfer

Erzeugt wird das Biogas im Fermenter und im Nachgärbecken mit Hilfe von anaeroben Bakterien. Vor allem Methan und Kohlendioxyd werden durch die Aktivität der Mikroorganismen erzeugt. Wie- viel Gas entsteht, hängt vom Substrat, von der Verweildauer im Fermenter und von der Betriebstemperatur ab. Nach Abschluß des Gärprozesses bleibt Faulschlamm übrig, der durch Zufuhr von Sauerstoff entschwefelt und in einem Kondensatabscheider getrocknet wird.

Im Blockheizkraftwerk dient das Biogas als Brennstoff für einen umgerüsteten Diesel- oder Benzinmotor, der einen Generator zur Stromerzeugung antreibt. Der Wirkungsgrad beträgt etwa 85 Prozent, wobei der elektrische Wirkungsgrad bei rund 50 Prozent, der thermische bei etwa 35 Prozent liegt. Eingespeist wird der Biostrom ins öffentliche Netz. Rund vier Millionen Kilowattstunden soll das BHKW Jühnde in Zukunft erzeugen; genug, um zwei Dörfer mit Strom versorgen zu können.

Fünf Millionen Euro an Fördergeldern wird die Umgestaltung von Jühnde zum Bioenergie-Dorf kosten; davon fließen allein 1,5 Millionen in das Nahwärmenetz. Doch die alternative Energiegewinnung soll nicht nur die Umwelt schonen, sondern sich mittelfristig auch wirtschaftlich rechnen. Der Weg dahin führt über den Strompreis, denn die Einwohner von Jühnde werden ihren Strom aufgrund staatlicher Subventionen für rund 18 Cent je Kilowattstunde beziehen können. Der handelsübliche Preis im Landkreis liegt dagegen bei 23 Cent.



Text: F.A.Z., 10.05.2005, Nr. 107 / Seite T2

 
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