Von Gerd Gregor Feth
27. März 2005 Schon im Herbst vorigen Jahres ahnte Fabian Krone, Chef der feinen deutschen Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne in Glashütte, daß diesmal vielleicht sogar Lange in Genf geehrt werden könnte. Denn er und Walter Lange bekamen zur Verleihung des "Grand Prix d'Horlogerie" erstmals Karten für die vorderste Reihe im Grande Theatre. Diesen Oscar der Uhrmacherei, der in jedem November im Mekka der feinen Zeitmesser verliehen wird, haben bisher nur Eidgenossen bekommen. Erstmals gewannen die Sachsen mit der Lange Double Split, einem besonderen Schleppzeiger-Chronographen, den "Prix special" der Jury.
Damit haben die Genfer Preisrichter die Glashütter Uhrmacher geehrt, die in ihrem engen Tal in der Nähe Dresdens seit 1990 Erstaunliches schaffen: uhrmacherischen Luxus. Ob in Europa, Amerika oder Asien - wohlhabende Liebhaber und Sammler feiner Uhren tragen Erzeugnisse aus Glashütte. Sie sind wahrscheinlich der einzige Lichtpunkt in den neuen Ländern, der in allen Erdteilen gesehen wird. Mittlerweile nennen sich drei von den fünf ansässigen Uhrmacherbetrieben "Manufakturen" - der Glashütter Uhrenbetrieb (GUB), A. Lange & Söhne und neuerdings auch Nomos. Mit diesem Ehrentitel schmückt sich unter Hunderten von Schweizer Uhrenmarken nur ein gutes Dutzend.
Dieses Versprechen, nur eigene Werkskonstruktionen einzuschalen, auch tatsächlich einzulösen, fiel anfangs dem GUB am leichtesten, weil das mechanische Know-how die Zeiten der DDR gut überdauert hatte, wenn es auch an der nötigen Ästhetik fehlte. "Ein Uhrwerk durfte damals nichts kosten", entschuldigt Christian Schmiedchen, heute Chefkonstrukteur beim GUB, die gröbere Machart. Aber auf die Renaissance der Mechanik im Westen reagierte der GUB noch zu DDR-Zeiten und begann 1988 mit der Konzeption eines einfachen und robusten Automatikwerks (Kaliber 10-30). Aus dem Prototyp, der erst 1992 fertig war, haben die GUB-Entwickler nach der Privatisierung 1994 eine weitverzweigte Familie von sehr feinen Uhrwerken mit 19 unterschiedlichen Basiskalibern geschaffen.
Manufaktur mit eigener Schraubenproduktion
Die in der DDR übliche autarke Materialversorgung kam zupaß, um bis heute eine eigene Werkschöpfung von bis zu 96 Prozent zu erreichen. Wider jegliche wirtschaftliche Vernunft dreht sich der GUB bis zum heutigen Tag seine Schrauben selbst. Die großen Defizite bei den edlen Komplikationen (Zusatzwerke) waren freilich ohne Schweizer Hilfe nicht auszugleichen. 1995 stellte GUB unter dem Namen "J. Assmann 1" ein fliegend gelagertes Tourbillon vor, das vom Zürcher Uhrmacher Paul Gerber ins vorhandene Uhrwerk integriert werden mußte. Module für Chronographen (Stoppwerke) und den ewigen Kalender bezog man bei Dubois Depraz.
Aber die Glashütter lernten schnell, bauen längst eigene Tourbillons und wollen "sukzessive auf solche Lieferungen verzichten", wie GUB-Chef Frank Müller erklärt. Seit 2000 gehört das Unternehmen zum Swatch-Konzern, darf aber weiterhin selbständig seine eigenen Werke fertigen. Müller muß sich jetzt vor allem ums Design kümmern, denn die Kollektion, die er von seinem Vorgänger übernommen hat, sieht oft etwas altfränkisch aus, manche Uhren sind sogar eine freche Kopie einer Lange. Um eigene Identität zu demonstrieren, wird der GUB auf der Baseler Uhrenmesse, die nächste Woche beginnt, eine gefälligere Sportuhr (Foto) zeigen.
Liebe zum Teil bei Lange & Söhne
Auch A. Lange & Söhne - am Ort unmittelbarer Nachbar vom GUB - kam nicht ohne Hilfe der eidgenössischen Verwandtschaft aus. Daß eine deutsche Luxusuhr ein eigenständiges Design haben muß, wußte Günter Blümlein, der 2001 verstorbene Promotor der 1990 wieder gegründeten Traditionsmanufaktur. Er feilte mit großer Akribie an Gehäuse, Zifferblatt, Bandanstößen und Werkgestaltung - im Team mit einem Designer der Markenschwester IWC, dem ehemaligen IWC-Chefuhrmacher Kurt Klaus und dem uhrmacherischen Traditionalisten Reinhard Meis. Lange-Uhren sollten originell und elegant sein, durften aber keinesfalls die Genfer Linie kopieren. Die Quintessenz geriet zur ersten Uhrenkollektion, die im Oktober 1994 in Dresden vorgestellt wurde. Von den damals vier Modellen - Lange 1, Arkade, Saxonia und das Tourbillon "Pour le Merite" - ist die Lange 1 bereits zum Klassiker gereift: Ihre asymmetrische Aufteilung des Zifferblatts ist originell, mit dem ersten Großdatum schreibt sie Designgeschichte und huldigt einem deutschen Stilempfinden. In diesem Jahr wird mit der Lange 1 Zeitzone (Foto) eine weitere Uhr dieser Reihe speziell für Weltreisende präsentiert. Die klare, deutliche Gestaltung findet sich in allen späteren Lange-Modellen wie 1815, Langematik und Datograph.
Anfangs sitzen die Lange-Uhrmacher in Glashütte noch an einer verlängerten Werkbank: Das Design kommt aus Schaffhausen; Gehäuse, Zifferblätter und Zeiger aus der Westschweiz. Das spektakuläre Großdatum stammt von der Markenschwester Jaeger-LeCoultre in Le Sentier, das Laufwerk vom bewährten Kaliber 822 der rechteckigen Wendeuhr Reverso. Das ist leicht an der etwas zu kleinen Unruh in der großen Uhr zu erkennen. Das aufwendige Tourbillon in der Pour le Merite ist wie später das Modul des ewigen Kalenders von Renaud & Papi in Le Locle. Daß sich Lange trotzdem von Anbeginn "Manufaktur" nennen durfte, liegt daran, daß dieser gern als Prädikat gebrauchte Begriff inhaltlich weitgehend unbestimmt ist. Lange wollte das gleiche Recht beanspruchen wie sein großer Konkurrent Patek Philippe aus Genf, der auch längst nicht alles selbst macht und von Frederic Piguet und Lemania bezieht. Auch wenn sich Lange einige Teile liefern läßt, bleibt die Innerei als Ganzes einzigartig: Viele Elemente werden in Glashütte hergestellt, dort aufwendig dekoriert, und sie tragen die typische Dreiviertelplatine, einen handgravierten Unruhkloben und verschraubte Goldchatons (sichtbare Schrauben sitzen in einem Goldfutter).
Kleine Gesamtkunstwerke
Lange-Konstrukteur Helmut Geyer, ein Glashütter Urgewächs, formt seit 1991 Fremdbezogenes und Selbstgefertigtes zu einer Art Gesamtkunstwerk und zeigt eigene Kreativität wie beispielsweise in der 1997 vorgestellten Langematik mit der einmaligen "Zero Reset"-Funktion. Sie macht es leichter, die Uhr sekundengenau zu stellen, weil der Sekundenzeiger schon durch das Ziehen der Krone automatisch auf die "12" springt. Geyers Kollegin Annegret Fleischer war es vergönnt, das erste komplizierte Lange-Werk ohne fremde Hilfe zu konstruieren. Es ist der 1999 vorgestellte Datograph mit seiner feinen und gut sichtbaren Kulissenschaltung; in den vergangenen Jahren hat sie noch einen Schleppzeiger-Mechanismus draufgesetzt und so den Motor des kürzlich in Genf prämierten Lange Double Split geschaffen. Er kann als einziger Zwischenzeiten in Sekunden und in Minuten stoppen. Dieses Chronographenwerk ist - genaugenommen - bei Lange die erste selbsterdachte Komplikation überhaupt, denn seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kaufte Lange - wie alle anderen aus Glashütte - solch komplizierte Uhrwerke bei Victorin Piguet und LeCoultre. Annegret Fleischer machte mit ihrer hochkomplizierten und ästhetischen Feinmechanik ihren Vorfahren alle Ehre, sie ist die Urenkelin von Paul und Enkelin von Otto Thielemann. Beide gehörten bei Lange in den zwanziger Jahren zu den bekannten Chronometermachern. Fast wie ein Menetekel prangt über ihrem Schreibtisch die penible Zeichnung einer Chronometer-Hemmung mit Wippe, signiert O. Thielemann, 20. 5. 1925.
Seit Nomos den Glashütter Bahnhof gegenüber dem Lange-Stammwerk und dem GUB gekauft, umgebaut und kürzlich eröffnet hat, wird dort das eigene Automatikwerk (Foto) für die neue "Tangomat" hergestellt: "Von diesem Tag an ist Nomos Manufaktur", erklärt der Uhrenhersteller und reklamiert für sich dasselbe Adelsprädikat wie die Nachbarn. Sonst ändert Nomos nur wenig an der Schnörkellosigkeit seiner seit 15 Jahren fast unveränderten, stets puristisch aussehenden vier Uhrenmodelle: Ludwig, Orion, Tangente und Tetra. Für die selbstgemachte Automatik wird er 1480 Euro verlangen müssen, sagt Nomos-Geschäftsführer Uwe Ahrendt. Wegen fünfstelliger Preise bei Lange und GUB wird Nomos-Gründer Roland Schwertner dennoch seinem Credo "Wir können nicht teuer" nicht untreu werden müssen. Kaum jemand wird sich noch erinnern, daß er lange Jahre nicht mehr als 500 Euro verlangte und das Schweizer Kaliber Peseux 7001 unverändert einbaute, eine einfache Mechanik vom zur Swatch-Gruppe gehörenden Massenwerkehersteller Eta. Vom Fremdhersteller bleibt - wie bei Lange - jetzt nur mehr das Regulierorgan. Bereits bis dahin verstand es Nomos mit großem kommunikativen Geschick, jedes selbst veredelte Rädchen und Schräubchen stolz als Manufakturleistung darzustellen und gleichzeitig die Preise sukzessive auf gut 1000 Euro zu verdoppeln. Ein Gerichtsurteil hat 1993 Nomos aufgegeben, mindestens die Hälfte vom Wert eines Uhrwerks in Glashütte zu erbringen, damit die Herkunftsbezeichnung am Zifferblatt erhalten bleiben kann.
Bekanntes Uhrwerk im neuen Gewand
Dieses Urteil wäre R. Mühle & Sohn, dem einzigen Uhrenhersteller am Ort, der zur DDR-Zeit in Glashütte aufgewachsen ist, fast zum Verhängnis geworden: denn er kopierte anfangs die Idee von Nomos, fertige Uhren aus der Schweiz zu kaufen, sie an der Müglitz vielleicht noch einmal zu öffnen und zu regulieren, um sie anschließend mit der von Lange und GUB geadelten Herkunftsbezeichnung "Glashütte" zu Preisen zwischen 500 und 2500 Euro anzubieten. Wohl nur um dem Gerichtsentscheid Genüge zu tun, bestückt er seine Eta-Mechanik - ohne funktionalen Grund - mit selbstgefertigter "Spechthals"-Regulierung und einem eigenen Automatikrotor. Ob er später einmal wie jetzt Nomos "eigene Werke" herstellen wird, will Hans-Jürgen Mühle "nicht ausschließen", wie er sich in einem Gespräch mit dieser Zeitung ausdrückt. Er will zu Gerüchten nichts sagen, wonach angeblich der Werkeveredler Sellita Watch aus La Chaux-de-Fonds/Schweiz mit Mühle zusammen eine Glashütter Uhrenrohwerke-fabrik (Gurofa) - analog der einst 1925 dort gegründeten Urofa - gründen will. Selbst der große Luxusuhrenhändler Wempe ist der Magie Glashüttes erlegen und hat kürzlich die verrottete Sternwarte oberhalb des Ortes gekauft, die er renovieren wird und wo er im Herbst eine Chronometer-Prüfstelle einrichten will; es soll künftig auch eigene mechanische Wempe-Uhren "made in Glashütte" geben.
Dieser ästhetischen, freilich veralteten Zeitmeßtechnik haben sich nicht alle am Ort verschrieben. Unter dem ambitionierten Firmenschild "Bruno Söhnle Uhrenatelier Glashütte i. SA" verbirgt der Pforzheimer einen kleinen Zweigbetrieb, in dem neun Mitarbeiter bereits fertige, aus Fernost importierte Quarzuhren (Preisbereich 150 bis 600 Euro) öffnen, nur um einige Schrauben austauschen und eine Platine mit einem Schliffbild zu versehen. Das reicht offenbar, um chinesischen Quarzwerken, die kaum mehr als einen Euro kosten, die Herkunftsbezeichnung "Glashütte" zu verleihen. Glashütte ehrt eben jede Uhr.
Text: F.A.Z., 22.03.2005, Nr. 68 / Seite T6