04. Januar 2007 ,Dummes Zeug'!, sagte der von Zollern und ritt zerfallen mit sich und der Welt seinem Schloss zu. Mit diesen Worten endet nach einem unerfreulichen Besuch der Balinger Wirtschaft zum Lamm die Sage vom Hirschgulden in Wilhelm Hauffs Märchenalmanach auf das Jahr 1826. In der Stadt Balingen, die in ebendieser Sage an die Württemberger fällt, steht ein festes Haus, das Zollernschloss, das nach Verfall und Abbruch stilgerecht wieder aufgebaut worden ist. Vom Beginn des 15. bis Mitte des 18. Jahrhunderts war es die Residenz des württembergischen Obervogts. Und während zwei Häuser weiter die Zehntscheune für die Naturalsteuern von damals heute das Heimatmuseum der Großen Kreisstadt beherbergt, befindet sich im Zollernschloss das Museum für Waage und Gewicht.
Balingen, zwischen Tübingen und Villingen-Schwenningen gelegen, ist die deutsche Stadt des Waagenbaus. Und das hat mit dem Pietisten, dem Pfarrer und feinmechanischen Konstrukteur und Erfinder Philipp Matthäus Hahn (1739 bis 1790) zu tun. Dessen Bruder David baute als erster im Balinger Stadtteil Ostdorf die von Philipp Matthäus um 1760 erfundene Wand-Neigungswaage. Das war auf der Zollernalb der Ursprung für die Waagenindustrie, die auf der ganzen Welt Ansehen genießt bis heute - wo Waagen eigentlich Computer sind, die einerseits mit dem Kunden oder der Fleischereifachverkäuferin und andererseits mit dem Netzwerk der Warenlogistik kommunizieren. Blickt man aus dem Museum hinaus über die Stadt, fällt der Blick auf den Markennamen Bizerba, stehend für und entstanden aus Bizer Balingen. Auch er begegnet uns noch einige Male in diesem Museum, aber fangen wir erst einmal mit dem Ende der Steinzeit an.
Auf den Bruchteil eines Milligramms genau
Seit dieser Zeit begleitet den Menschen die Waage in der Form, die zum Urbild für das Wiegen geworden ist: der mittig gestützte oder aufgehängte, gleichschenklige Balken, der diesem Waagentyp den Namen gab. Rechts und links hängen gleich lang und gleich schwer die Aufnahmen für Gewichte und Wiegegut. Körbe, Töpfe oder flache Teller, manchmal besonders ausgeführt wie bei der Salzwaage: da ist der Teller für das Gewicht aus Metall, während das Salz in ein Glasgefäß gegeben wird, damit es die Waage nicht angreift. Die ältesten gefundenen Waagbalken sind aus Stein, stammen aus Ägypten und werden auf die Zeit um 5000 vor Christus geschätzt.
Etwa 4000 Jahre alt sind erste bildliche Darstellungen, ebenfalls aus Ägypten. Ganz rasch nebenbei: Nicht nur beim Wiegen auf dem Markt, wo ein Kilogramm-Gewicht und ein Kohl auf die Waage kommen, werden - physikerhaft gesprochen - Masse und Gewicht und ihre Einheiten Kilogramm und Newton wie überhaupt im wirklichen Leben dauernd falsch miteinander vermengt und verwechselt. Aber das wird hier nicht zu korrigieren versucht. Die Form der Balkenwaage hat sich bis ins 20. Jahrhundert erhalten, allerdings sehr viel filigraner ausgeführt, genauestens einstellbar und mit allerfeinsten Lagern - als gegen Luftzug im Glasschränkchen geschützte Labor- und Analysewaage, genau auf den Bruchteil eines Milligramms. Etliche Exemplare sind im Obergeschoss des Museums zusammen mit der Geschichte der Ladenwaage und dem Arbeitsplatz eines Waagen-Bauers der Region zu sehen: Der montierte solche Präzisionswaagen aus Teilen, die auf den Bauernhöfen der Umgebung in Heimarbeit vorgefertigt wurden.
Stadtwaagen, Apothekerwaagen und Münzwaagen
Das älteste Museumsstück in Balingen ist eine schon raffiniertere Form des wägenden Balkens: eine römische Schnellwaage aus Bronze, wie man sie gleichfalls bis in unsere Tage, etwa auf mediterranen Märkten, im Gebrauch sehen kann. Bei ihr ist ein Schenkel des Balkens verkürzt, und an den kommt die zu wiegende Last. An dem längeren Hebelarm ist ein vergleichsweise geringes Wägegewicht verschiebbar befestigt. Die Waage wird ins Gleichgewicht gebracht, indem man dieses Laufgewicht verschiebt. Dann lässt sich an einer Skala ablesen, was die Last wiegt, nämlich das Produkt aus dem Wägegewicht und der Länge des Hebelarms. Der Vorteil dieser Waage liegt auf der Hand: Man benötigt nur das eine Gewicht, das zudem an der Waage bleiben kann.
Mehrere lose Gewichte einzeln und in Kombination miteinander zu verwenden, wie es bei den großen, nach dem Prinzip der symmetrischen Balkenwaage arbeitenden Stadtwaagen durchs ganze Mittelalter und noch bis zum 18. Jahrhundert geschah, hielt sich am längsten dort, wo die Gewichte am geringsten waren: bei Apothekerwaagen und bei Münzwaagen. Für den Alltag auf Bauernhof und Markt oder im Haushalt versuchten einige, allerdings nicht besonders zahlreiche Erfindungen, die Handhabung zu vereinfachen.
Drei Skalen auf einem Viertelkreis
Das war auch die Absicht von Philipp Matthäus Hahn mit seiner gewichtslosen Wand-Neigungswaage. Man nennt sie so, weil die grundsätzlich an der Wand befestigte Waage einfach dadurch benutzt wird, dass man das zu wiegende Gut an den kranartig vorragenden Hebelarm hängt. Das kann an verschiedenen Positionen geschehen, wodurch unterschiedliche Gewichtsbereiche definiert werden. Das Wägegewicht, das freilich auch Hahns Erfindung benötigt, hängt als fester Bestandteil der Waage am kurzen, wandseitigen Schenkel des Waagbalkens. Der wird bewegt und führt mit dieser Bewegung einen Zeiger über eine Skala. Auf der lässt sich das Gewicht ablesen, und zwar in Abhängigkeit von dem zuvor durch den Aufhängepunkt bestimmten Gewichtsbereich.
Hahn ordnete übereinander drei Skalen auf einem Viertelkreis an und hatte darüber noch Platz, um mit sauberer Handschrift die Gebrauchsanleitung in leicht fasslicher Form hinzuschreiben. Wegen dieses Viertelkreises, über den der Zeiger des Gewichtsarms bewegt wird, nennt man diese Art von Waagen auch Pendel-Quadrant-Waagen. Bis heute im Gebrauch ist das Prinzip bei vielen Briefwaagen, allerdings mit so ineinander verschränkten Waagbalken, dass das Gerät auf dem Tisch steht, man einen zu wiegenden Brief oben auf einen Teller legt und auf der frontal senkrecht stehenden Skala das Gewicht ablesen kann.
Äpfel und Birnen selbst unterscheiden
Die Sammlung im Zollernschloss, deren Grundstock dem Waagen-Fabrikanten Wilhelm Kraut zu verdanken ist, greift weit aus: Vom winzigen Kern des Johannisbrotbaums, auf den die Bezeichnung Karat zurückgeht, reicht sie bis zu der riesigen Balinger Heuwaage, unter die man beladene Wagen komplett fuhr, um sie dann an Ketten hochzuheben und mit der Laufgewichttechnik zu wiegen. Und von der antiken Schnellwaage, deren Arbeitsweise jeder durch bloßes Anschauen sofort versteht, erstreckt sich die Sammlung bis zur Digitaltechnik aus dem Hause Bizerba mit Dehnungsstreifenmessung und Mainboards, die für den Laien nicht viel anders ausschauen als die Platine eines Transistorradios.
Die neuesten Geschäftswaagen mit dem Namen Bizerba sind die wiegenden und druckenden Endstationen der Computernetze, wie man sie aus dem Supermarkt am Gemüsestand oder an der Scanner-Kasse kennt. Die jüngste Generation verlangt nicht einmal mehr einen Tastendruck, sondern kann dank optischer Bildverarbeitung Äpfel und Birnen selbst unterscheiden. Und wenn es gilt, Tomaten mit und ohne Stiel vom Strauch zu unterscheiden, dann fragt so eine Waage eben beim Kunden mit knapper Menüauswahl zurück.
Preisanzeigende und zählende Waage
Auch die älteste Bizerba-Waage, die als hölzerner Prototyp schon die Form hatte, die man als umschaltbare Mehrbereichswaage bis zuletzt in Tante-Emma-Läden sehen konnte, basiert auf dem Prinzip der Neigungswaage von Philipp Matthäus Hahn. Und dementsprechend wird die Umschaltung zwischen den Gewichtsbereichen durch eine Verkürzung oder Verlängerung des Waagbalkens bewirkt - und zwar durch eine Taste, die an der richtigen Stelle auf den Hebelarm drückt. Hahn steht mit seiner Erfindung am Anfang einer ganzen Reihe von Innovationen des Wiegens: 1779 erfindet der Franzose Gilles Personne de Roberval die einfach von oben her benutzbare Tafelwaage. Von 1822 datiert die Dezimalbrückenwaage von Alois Quintenz, bei der sich über eine Parallelogrammmechanik große Lasten mit einem Zehntel ihres Gewichts auswiegen lassen. Ob preisanzeigende Waage, die schon 1895 kam, oder zählende - man findet sie alle im Zollernschloss und bekommt sie auf Wunsch fachkundig und kurzweilig erklärt.
Museum für Waage und Gewicht. Zollernschloss Balingen, Schlossstraße 6, geöffnet montags, mittwochs und freitags sowie jeden ersten Samstag im Monat von 14 bis 16 Uhr, Führungen nach Vereinbarung, Eintritt frei.
Informationen und Anmeldung: Stadtverwaltung Balingen, Schul-, Kultur- und Sportamt, Telefon 0 74 33/17 02 61, Internet www.balingen.de, E-Mail stadtarchiv@balingen.de
Text: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite T1
Bildmaterial: Pardey