Plankstädter Turm

Ein dicker Kopf auf schlankem Hals

Von Georg Küffner

29. März 2008 Wasser ist mehr als nur ein Durstlöscher. Das muss man den Besitzern sogenannter Wellnessoasen nicht erklären. In diesen vollverglasten Brausecentern kommt das Wasser ja nicht nur von oben. Auch seitlich spritzt es aus zahllosen Perl-, Massage- und Regendüsen. Was aber nur funktioniert, wenn der Wasserdruck ausreichend groß ist. Dafür sorgen heute in den allermeisten Fällen drehzahlregelbare Pumpen. Mit ihnen kann der Wasserdruck variiert und minutiös auf die Anforderungen des lokalen Wassernetzes eingestellt werden.

Dem war nicht immer so. Als man dazu überging, dezentrale Entnahmestellen durch eine flächendeckende Wasserversorgung zu ersetzen, schlug die Stunde der Wassertürme. Ihnen kam die Aufgabe zu, in nicht von natürlichen Erhebungen verwöhnten Gegenden dem Wasser ein künstliches Gefälle zu schaffen, um so den - wie es in der einschlägigen Fachliteratur heißt - „Bürgerlichen Versorgungsdruck“ zu erzielen. Erreicht wurde er, indem man den Wasserspiegel im Hochbehälter fünf bis sieben Meter höher als die nach den damaligen Bauvorschriften höchsten Zapfstellen legte.

Er hat auf jeden Fall für immer ausgedient

Das war auch entlang des Odenwalds an der Bergstraße nicht anders. Von Ladenburg bis Schwetzingen schossen Ende des neunzehnten Jahrhunderts zahlreiche Wassertürme aus dem Boden - und sind noch heute zu bewundern: Sie wurden umgebaut zu Künstlerwohnungen. Einige Gemeinden haben ihre Türme ins Stadtleben integriert und nutzen deren ebenerdige Eingangsbereiche für Ausstellungen oder als Standesamt. In Plankstadt hat man es so weit nicht kommen lassen. Hier steht der Turm unter Denkmalschutz ungenutzt in der Gegend herum. Eher zaghaft hat man versucht, seine Attraktivität zu heben, indem man im Inneren den Putz auf den unteren Metern von der Wand geschlagen hat. Recht aufwendig war die Sanierung des Dachs 1984, musste dazu doch der 48 Meter hohe Turm komplett eingerüstet werden.

Der Auflagering holt die Kräfte tangential aus dem Kugelbehälter Der Wasserbehälter: Ein Schwimmer verhinderte, dass er überlief Die Treppe: Immer an der Wand entlang

Diese Reparatur diente schon nicht mehr mittelbar der Sicherheit der lokalen Wasserversorgung. Denn drei Jahre zuvor hatte bereits das Aus für den Plankstädter Wasserturm geschlagen. In dem aus städtischen Brunnen geförderten und hoch in den Wasserturmbehälter geförderten Wasser wurden chlorierte Kohlenwasserstoffe gefunden: Sie hatten sich aus einer nahen Deponie ins Grundwasser eingeschlichen. Die Eigenversorgung musste daraufhin eingestellt werden. Die kurz vorher in die Runderneuerung des eigenen Pumpwerks gesteckten Gelder waren verloren.

Seit dieser Zeit holt Plankstadt sein Wasser aus den Hardtwäldern bei Schwetzingen. Bedient sich eines, wie es heißt, „Fremdwasserbezugs“, was einigen Bürgern ein Dorn im Auge ist, wollen sie doch ihr Wasser lieber aus der eigenen Scholle pressen. Ob es dazu kommt, ist derzeit eher fraglich. Doch sollten sich wider Erwarten die Fürsprecher der Eigenversorgung durchsetzen, hätte das keinen Einfluss auf das weitere Schicksal des Wasserturms. Er hat auf jeden Fall für immer ausgedient.

Wie ein umgestülpter Kugelbauch

Reizlos ist die Technik dennoch nicht. Überaus interessant ist, wie man das Gewicht des in luftiger Höhe gespeicherten Wassers in das Erdreich abtrug, ohne gigantische Summen für Mauerwerk und Behälter auszugeben: Die ersten Hochbehälter waren Holzkisten, doch machten sich auch recht schnell Guss- und Schmiedeeisen breit. Es dauerte aber einige Zeit, bis man die Vorzüge des neuen Werkstoffs erkannte. So hielt man sich erst eng an die Form der zuvor gebauten Holzbehälter. Mit quer durch das Innere laufenden Zugankern mussten die Eisenkisten zusammengehalten werden. Dennoch war es nicht einfach, die Wände und den Boden dicht zu bekommen.

Ihre typische Form - mit einem nach oben sich verjüngenden Schaft und dem ringsum auskragenden Behälter - bekamen Wassertürme erst, als man sich den „Hängeboden“ hat einfallen lassen. Wie ein umgestülpter Kugelbauch wölbt er sich nach unten und kann, auf einem Druckring aufsitzend, seine Last punktuell auf das Mauerwerk übertragen. Doch einen gravierenden Nachteil hatte diese Konstruktion. Beim Füllen und Entleeren rutschten die Auflageringe hin und her. Zwar nur wenig. Doch genug, um das Mauerwerk langfristig zu schädigen.

Der große Wurf

Die Ehre, dieses Manko zu beseitigen, kommt dem Aachener Wasserbauprofessor Otto Intze zu. Er erdachte sich einen Wasserbehälter, dessen Boden die Kraftwirkung eines kugelförmigen Hängebodens mit der eines kegelförmig nach oben gebogenen Bodens kombinierte. Auf den Auflagering wirkten nun nur noch Druckkräfte. Der Behälter stand auch bei sich änderndem Wasserspiegel still - das Mauerwerk wurde entlastet. Nachteilig war nur, dass der Behälter deutlich weniger Wasser fasste als die Vorläufermodelle. Intze legte jedoch nach und modifizierte seine Erfindung. Er baute in die Mitte des nach oben weisenden Kugelabschnitts einen Hängeboden ein. Das Fassungsvermögen stieg zwar, dafür wurde die Konstruktion deutlich komplizierter.

Es war daher mehr als folgerichtig, dass weiter an der idealen Behälterform eines Wasserturms gearbeitet wurde. Der große Wurf gelang Professor Georg Barkhausen von der Technischen Hochschule Hannover. Mit seinem im Jahr 1898 patentierten Prinzip des Kugelbodens schaffte er eine tangentiale Kraftabtragung, die ohne einen Knick zwischen Wandung und Boden auskommt. Horizontale Verschiebungen des Auflagerings sind damit ausgeschlossen. Zu Hunderten wurde dieser Behälter gebaut. Auch auf dem Plankstädter Turm sitzt ein solcher Barkhausen-Behälter. Grün angestrichen und so vor zerstörerischem Rostfraß geschützt. Doch dass man ihn wieder füllt, bleibt ausgeschlossen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2008, Nr. 12 / Seite V7
Bildmaterial: F.A.Z., Wonge Bergmann

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche