100 Jahre Plastik

Das Zeitalter der ersehnten Künstlichkeit

Von Nils Schiffhauer

Bakelit: Besser geeignet zum Reinaschen, als zum Einäschern

Bakelit: Besser geeignet zum Reinaschen, als zum Einäschern

12. August 2007 Einmal muss es vorbei sein. Und so fuhr denn zu den Klängen von „La Paloma“ der Sarg in den Feuerofen. Es knisterte und stank. Den Trauergästen tränten die Augen. Dann lag es in der Luft: für Särge ist Bakelit denkbar ungeeignet. Zwar ließ sich dieser erste richtige - weil vollsynthetische - und vor genau 100 Jahren erfundene Kunststoff in jedwede Form pressen. Doch die Bestatter läuteten Ende der 1930er das Sterbeglöckchen für das, was als wohl größtes jemals gefertigtes Formteil aus Phenolharz noch bis zum Januar 2009 die Ausstellung „Plasticity“ im Londoner Science Museum schmückt - den Bakelitsarg.

Der Erfinder dieses Traumstoffes für Designer, der im belgischen Gent 1863 geborene Chemiker Leo Hendrik Baekeland, war ein Glückskind. Mit 21 Jahren „summa cum laude“ promoviert und mit nur 26 Jahren Professor. Doch er wollte richtig Geld verdienen, übersiedelte nach Nordamerika, nahm die Entwicklung empfindlicher Fotopapiere wieder auf und verkaufte sein Velox-Patent an Kodak. Vorgestellt hatte er sich einen Preis von 50.000 Dollar, mindestens jedoch 25.000, „und keinen Cent weniger“. Doch Kodak-Chef George Eastman ging es um mehr, um die freundliche Verdrängung eines Konkurrenten. Die war ihm eine Million Dollar wert. Eine Summe, die sich als Anschubfinanzierung für das erste Jahrhundert des Kunststoffes erweisen sollte. Denn nun hatte Baekeland genug Geld für seine Experiment.

Schellack-Knappheit und gemahlenes Fichtenholz

Von 1902 an beteiligte er sich an der da schon 30 Jahre lang währenden Suche nach einem Werkstoff, dessen Eigenschaften dem Stein der Weisen nahekommen sollten. Beständiger als Holz, leichter als Eisen, haltbarer als Gummi sowie industriell formbar sollte er sein und zudem ein elektrischer Isolator: Strom löste in jenen Jahren den Dampf als Energiequelle ab. Herstellen wollten die Chemiker den Zauberstoff aus Phenol und Aldehyd, die wiederum aus Steinkohlenteer und Holz gewonnen wurden. Doch die bisher probierten Kombinationen von Druck, Temperatur und Zuschlagstoffen brachten nicht mehr als ein Harz zustande, glichen gefrorenem Bierschaum oder ließen sich, von Rissen durchzogen, nicht einmal mit aggressivsten Säuren aus dem Reaktionsgefäß lösen.

Baekeland packte die Sache völlig systematisch an mit dem ersten Ziel, einen Ersatz für Schellack zu entwickeln, das aus Schildläusen gewonnene Naturharz. Aus ihm fertigte man Firnisse, Schallplatten und sogar Knöpfe. Vor allem der Bedarf an Isolierungen für die sich blitzartig entwickelnde Elektroindustrie ließ das Naturprodukt knapp werden. Die Suche nach einem Surrogat führte schließlich zum Erfolg. Unter großem Druck und bei hohen Temperaturen verbanden sich die Ausgangsstoffe zu einem harten und beständigen Kunststoff. Eine Stange aus dem nach seinem Erfinder benannten „Bakelit(e)“ von nur 25 Millimeter Durchmesser soll damals als Beweis der Leistungsfähigkeit des neuartigen Materials ein Auto mit sieben Insassen sicher in der Luft gehalten haben. Doch das Ur-Bakelit war spröde: Erst der Zusatz von feingemahlenem Fichtenholz machte es etwas elastischer.

Vom Ersatz zur Avantgarde

Am 13. Juli 1907 meldete Baekeland sein Bakelit zum Patent an, stellte es aber erst zwei Jahre später der Weltöffentlichkeit vor. Ausgerechnet in der deutschen „Chemiker-Zeitung“. Das Kaiserreich galt als führend nicht nur in der Chemie, Baekeland hatte auch um die Jahrhundertwende ein Lehrjahr in Berlin absolviert. Dort produzierte die eigens gegründete Bakelit GmbH von 1910 an in Lizenz diesen Kunststoff, der ein ganzes Zeitalter prägen sollte.

Härte, Unempfindlichkeit und Formbarkeit machten ihn zu einem idealen Material für Haushalts- und Elektrogeräte. Der Volksempfänger VE301, die „Stimme aus dem Bakelit“ (Arno Schmidt), ist ebenso eine Signatur dieser Zeit wie die stromlinienförmigen Designs von Raymond Loewy. Und mitten im Zweiten Weltkrieg warb ein Kunststoffproduzent aus New York für sein „Design for peace“: „Heute wird Plastik an der Kriegsfront benötigt, morgen an der Heimatfront.“ Die Reklame zierte ein torpedoförmiges Auto auf drei Rädern, ein futuristischer Traum aus Bakelit und Plexiglas, wie es sich gerade in den Pilotenkanzeln der Bomber bewährte. Da hatte der „Deutsche Werkbund“ längst seinen Krieg gegen die „TalmiKunst“ - ja, mit der heute wieder modischen Binnenmajuskel - verloren. Gleich nach Erfindung des Kunststoffes verdammte Hermann Muthesius die daraus hergestellten Gegenstände als „Surrogatkunst“. Doch Walter Gropius schrieb die Nutzung von Plastik im Bauhaus regelrecht vor. Design wandelte Kunststoff vom Ersatz zur Avantgarde - bis heute.

Den Weg mit Nobelpreisträgern gepflastert

Wobei die Ölkrise 1973 mit ihrem Ruf „Jute statt Plastik“ nur zu einem vorübergehenden Imagekratzer führte, den die Industrie durch Entwicklung kompostierbarer und Verwendung recycelter Kunststoffe geschickt überspachtelte. Die italienische Architektin und Designerin Anna Castelli Ferrieri hält Kunststoff gar für „das einzige ökologische Material, das wir haben“. Der Bürostuhl Mirra von Herman Miller etwa ist größtenteils aus aufgearbeiteten Kunststoffen hergestellt und kann seinerseits zu 96 Prozent wieder recycelt werden.

Der Weg dahin war mit Nobelpreisträgern gepflastert. War Bakelit auf beinahe noch alchimistische Weise entwickelt worden, blickten die kommenden Chemiker tiefer. Hermann Staudinger war der Erste unter ihnen, der - im Bakelit-Jahr 1907 Professor in Karlsruhe geworden - mit seiner Theorie der Makromoleküle von Kunststoffen die entscheidende Deutung fand. In seiner Zunft setzte sich das von 1920 an formulierte Konzept „sehr großer Moleküle“ jedoch mit jenem Tempo durch, in dem PVC verrottet. Seine Nobelpreisrede von 1953 verneigt sich nicht zuletzt vor Baekelands Erfindung als einer von „ungewöhnlicher Wichtigkeit“. Staudingers Forschungen gaben den Anstoß, die auch Polymere genannten Makromoleküle mit bestimmten Eigenschaften ganz gezielt zu entwickeln. Zuerst ging es Samt und Seide, Leinen und Baumwolle, Leder und Wolle an den Kragen.

Mit Teflon zum Mars

„Polyamid 6,6“ hieß die Faser, die du Pont 1935 patentieren ließ und die von 1938 an unter dem Handelsnamen Nylon einer Epoche ihren Namen gab. Doch was wiederum steckt hinter dem Namen Nylon selbst? Zu schön ist die Erklärung noch im neuesten Brockhaus, er leite sich von „no-run“ (keine Laufmasche) her, teilte doch schon 1940 der Erfinder den Leserinnen der „Women's Wear Daily“ nüchtern mit: „Die Buchstaben N-y-l-o-n haben absolut keine Bedeutung.“ Nur mit seiner Endsilbe sollte das Polyamid an den Naturstoff Baumwolle (cotton) wie an Kunstseide (rayon) anklingen. Ob Paul Flory, Assistent des schon 1937 verstorbenen Erfinders Wallace Hume Carothers, seinen Nobelpreis 1974 in einem Nyltest-Hemd (“Das Beste aus Nylon“ warb es 1960) entgegennahm, ist nicht überliefert. Den Faden aber nahm die Konkurrenz nur zu gern auf und variierte das Molekül ein wenig. Fertig war das zunächst Perluran getaufte spätere Perlon, erstmals gesponnen 1938 bei den I. G. Farben von Paul Schlack.

Damenstrümpfe jedoch hatten in diesen Jahren keine Saison. Die Kriegsindustrie setzte auf Autarkie und suchte die Unabhängigkeit von Importprodukten wie Gummi und Baumwolle. Leider auch von Dingen wie Tabak und Kaffee, wodurch bei im Kriegsverlauf steigender Mangelwirtschaft das Wort vom „Ersatz“ einen schlechten Klang bekam. Bis auf Nylons eben, die geradezu als Symbol für Sinnlichkeit aus dem Krieg wiederauftauchten. Die Jahre danach zeigten, was alles vorher ersonnen worden war. Endlich kam „Teflon“ auf den Markt, schon 1938 erfunden bei du Pont und bis heute unter diesem Markennamen von dem Unternehmen vertrieben. Später zum Abfallprodukt der Raumfahrt veredelt, obgleich doch der Sputnik erst elf Jahre nach Verkauf der ersten Teflon-Produkte die Welt umkreiste. Immerhin begleitet Teflon die amerikanische Raumfahrt von Anfang an und zerbröselt selbst in der Mars-Atmosphäre nicht.

Jute statt Plastik

Genau das erwies sich auf der Erde als Problem. Spätestens in den 1980er-Jahren türmten sich Berge „unkaputtbaren“ Plastiks auf den Müllkippen. Bald war der gesamte öffentliche Raum mit dann auch noch ewig haltbaren Parkbänken aus wiederaufbereiteten Kunststoffen vollgestellt. Doch die Makromoleküle sind ja flexibel. Wenn Kompostierbarkeit gewünscht wird, bauen Chemiker sogar den Umweltschutz mit ein. Biopol der ICI etwa wird deshalb und wegen des hohen Preises vor allem in Medizin und Pflege verwendet; das 1998 von der BASF eingeführte Ecoflex findet in der Lebensmittelindustrie Verwendung.

Kunststoffe erweiterten damit nicht nur ihre klassischen Verwendungen. Und seitdem Bob Gore 1969 seinem Goretex die Dampfdurchlässigkeit beibrachte, verliert die Einmannsauna eines hurtig gilbenden Nyltest-Hemdes ihren Schrecken. Das weiß sogar die Outdoor-Szene zu schätzen, unter der man sich als Träger eines Anoraks aus langstapeliger Baumwolle wie direkt vom Hohen Meißner hinabsteigend vorkommt. Wer Jute und Plastik hinsichtlich ihrer Umweltbelastung vergleichen möchte, wird unter einem Berg einander widersprechender Gutachten begraben. Die Pro-Kunststoff-Partei hat hier gute Argumente, die gutgläubige Naturburschen in die Ecke zu kurz denkender Romantiker steckt.

Brennende Billiardkugeln

Kunststoffe sind nicht aufzuhalten. 1984 überflügelte ihre Produktion erstmals die von Stahl. Selbst das Silizium wollen die Chemiker durch Kunststoffe ersetzen. Als Ersatz nicht zuletzt für natürliche elektrische Isolatoren wie Schellack und Porzellan erfunden, stehen nun elektrisch leitfähige Polymere kurz davor, mit noch leichter zu fertigenden Plastiktransistoren die Elektronik zu revolutionieren. Schon 1976 startete die Entwicklung; mit der branchenüblichen Verzögerung kam der Nobelpreis ein knappes Vierteljahrhundert später.

Bakelit aber gibt es nach wie vor. Das Handelsunternehmen Manufactum bietet ihm mit Wäschesprengern, Telefonapparaten, Bleistiftspitzern und Installationsmaterial ein Habitat, wenngleich die Waltroper barmen, ihren Rührfix nicht wie das 1931er Original mit Bakelit-, sondern mit einem Deckel aus nicht näher bezeichnetem „Kunststoff“ anbieten zu müssen. Diesen Begriff selbst gibt es nur im Deutschen, geprägt 1911 vom Sprengstoffspezialisten Richard Escales. Schließlich waren einige nicht vollsynthetische Kunststoffe wie das 1869 als Elfenbeinersatz erfundene Celluloid stark verwandt mit Sprengstoffen - auf diesem Material gedrehte Filme sind wegen ihrer Feuergefährlichkeit bis heute Albtraum aller Archivare. Und Billardkugeln aus Celluloid sollen sich beim heftigen Zusammenstoß schon mal entzündet haben, was von Gebissen aus diesem Material gottlob nicht berichtet ist.

Baekeland konnte sein Kunststoff-Jahrhundert noch bis 1944 erleben, bevor er, von Jahr zu Jahr wunderlicher werdend, als Achtzigjähriger starb - beigesetzt in einem ganz normalen Sarg auf dem Prominentenfriedhof Sleepy Hollow/New York.

Text: F.A.Z., 07.08.2007, Nr. 181 / Seite T1
Bildmaterial: AP, CINETEXT, ddp, dpa, DuPont, Heller, Hersteller, Michael Kretzer, REUTERS, wikimedia

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