Schuhe

Als ob sich jeder Schritt aus Sand herausarbeiten müßte

Von Hans-Heinrich Pardey

Knautschzone: Free 5.0 von Nike

Knautschzone: Free 5.0 von Nike

01. Juli 2005 Jesus von Nazareth war kein Orthopäde: Aber er wollte seinen Jüngern offensichtlich wohl, als er ihnen gebot, unterwegs keine Schuhe zu tragen (Matthäus 10,10). Unbeschuht durchs Leben zu gehen bewirkt nicht nur als eher spirituelle Erfahrung ein anderes Auftreten, es tut auch dem Körper gut. Es härtet ab gegen Erkältungen und kräftigt die Füße und Beine. Barfuß gehen ist ganz im Sinne der Sportmediziner und der sich mit dem Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen beschäftigenden Spezialisten. Nun hat die Sportschuh-Industrie, die sich allmählich beim Wettrennen um immer neue "Technologien" der Dämpfung und Führung totläuft, das - längst zu einem vielseitigen Lauftraining gehörende - Barfußlaufen als Mode mit Zukunft (wieder-)erkannt - natürlich in Schuhen, die nur so tun, als ob.

Ist dem Millionenheer der Hobbyläufer in den zurückliegenden Jahren viel über das Pronieren - das seitliche Einknicken beim Abrollen - erzählt worden und über dagegen haltende Pronationsstützen aus härterem Material, so lautet nun das aktuelle Schlagwort "Natürliches Laufen": am besten barfuß wie die ostafrikanischen Laufwunder, nicht mit der Ferse steil auf den Boden knallend, sondern mit einem weiter vorn liegenden Punkt der Sohle in flacherem Winkel landend, wie es die Minderheit der sogenannten Vorfußläufer von Natur aus tut. Die Wiederentdeckung des natürlichen Laufens geht einher mit massierter Aufklärungsarbeit, mit Kursen - und passendem Schuhwerk. Die Botschaft, daß barfuß besser sei, ist um so überzeugender, weil sie sich höchst einfach nachvollziehen läßt, etwa, wenn wir am Strand oder im Freibad mal ein paar Meter ohne Schuhe gehen oder laufen. Auf die Schuhe zu verzichten hat über die Füße hinaus etwas Befreiend-Angenehmes. Denn unsere Füße können, wenn sie gesund sind, unendlich viel empfindungsfähiger und beweglicher sein, als es ihnen herkömmliches Schuhwerk erlaubt. Nur ist häufig der Untergrund für unsere verzärtelten Fußsohlen ungeeignet.

Tatzig wie in Hüttenschuhen

Zum Abrollen: Free-Modell von Nike mit starken Segmentierungen der Sohle

Zum Abrollen: Free-Modell von Nike mit starken Segmentierungen der Sohle

Genau an diesem Punkt setzt Nike, der Welt größter Sportartikelhersteller, mit dem Konzept "Free" (F.A.Z. vom 26. April) an. Der Fuß bekommt so gut wie völlige Bewegungsfreiheit, es wird lediglich die Fußsohle geschützt. In einen Free 5.0 (100 Euro) oder den etwas härteren, aber auch stärker "fashionorientierten", das heißt knallig bunt daherkommenden Free 4.0 (von Juli an im Handel, 100 Euro) zu schlüpfen hat durch die enge Schaftöffnung etwas vom Anziehen von Rutschsocken. Und so läuft es sich auch: ein bißchen tatzig, aber sehr bequem, wie in den guten alten Hüttenschuhen. Dank der Sohle, die ausschaut, als habe Phil Bowerman diesmal Marshmallows im Waffeleisen seiner Frau zusammengebacken, bleibt man unbelästigt von Steinchen und anderer Unbill des Weges, aber man hat doch deutlich mehr Gefühl für den Untergrund. Schon vor dem Erwerb wird man gewarnt: Der Free 5.0 sei kein Laufschuh, sondern ein ergänzendes Trainingsmittel, man solle diese Schuhe nicht gleich zu einer 20-Kilometer-Trabrunde tragen. Das könne zu ganz ungewöhnlichem Muskelkater führen. Uns ist das - dank vielen Sandalen-Tragens? - erspart geblieben. Aber man kann wohl zu spüren bekommen, was Nike an großen Zahlen zum Thema Barfußlaufen mitzuteilen hat: daß unser Fuß nämlich 26 Knochen und 27 Gelenke habe sowie 32 Muskeln und Sehnen, ganz zu schweigen von 107 Bändern und grob überschlagen 1700 Nervenenden. Bei Professor Gert-Peter Brüggemann, dem Leiter des Instituts für Biomechanik an der Deutschen Sporthochschule, wurde untersucht, was die Minimalschuhe von Nike trainieren: Zum Beispiel wird der Teil der Wadenmuskulatur, der für die Zehenbewegung verantwortlich ist, erkennbar gekräftigt und die Flexibilität im Mittelfuß erhöht. Testpersonen erreichten eine höhere Kraftentwicklung beim Beugen und Strecken des Fußes, sie erzielten bessere Zeiten auf einem Testparcours, wobei sich die Kontaktzeiten Fuß/Boden verkürzten.

Vorsicht, Muskelkater!

Aus praktischer Erfahrung gesagt: Man merkt beim Laufen, daß man unwillkürlich den Fuß anders aufsetzt. Ohne daß man sich besonders darauf konzentrieren müßte, verändert sich der Laufstil, die Landung des Fußes wird flacher. Schon wenn man im Park vom Weg auf die Wiese abbiegt, werden Füße und Beinmuskulatur spürbar mehr gefordert: Man walzt nicht komfortabel bedämpft und geführt über die Unebenheiten hinweg wie mit einem üblichen Laufschuh, sondern es finden fortwährend kompensierende Bewegungen statt. Denen vor allem ist wohl der Trainingseffekt zuzuschreiben. Auch wer sich keinen Muskelkater in bislang unbekannten Partien seiner Füße und Beine einhandelt, spürt die Mehrarbeit: Wir hatten nach Läufen einfach den Eindruck, mit dem Free 5.0 eine längere Strecke zurückgelegt zu haben, als es tatsächlich der Fall war.

Zwischen Schuh und barfuß

Schräglage: Free 5.0 verzichtet auf Führung

Schräglage: Free 5.0 verzichtet auf Führung

Die Ziffern der Typenbezeichnung positionieren die Free-Modelle zwischen Null wie "Wirklich barfuß laufen" und 10 wie "Laufen mit einem herkömmlichen Laufschuh". Praktisch bedeutet das, daß die Innensohle des bei Größe US 101/2 rund 250 Gramm wiegenden 5.0 unter Vorfuß und Ferse dämpfendes Material hat. Der Free 4.0 verzichtet auf eine Schnürung, ist vorn noch flexibler als der 5.0 und insgesamt flacher. Läufer mit einem hohen Spann müssen darauf achten, ob ihnen der enge Abschluß dieser so luftig gebauten Schuhe zusagt: Der verstärkte Rand des Gewebes, der den Schuh am Fuß hält, liegt im ersten Moment angenehm an, kann aber bei längeren Läufen unangenehm scheuern.

Ein medizinisches Trainingsgerät

Prinzipiell in die gleiche Richtung wie Nike mit dem Free geht ein Schweizer Anbieter einen völlig anderen Weg - stilistisch ebenso wie technisch. Die Schuhe von MBT, was als Kürzel für Masai Barefoot Technology stehen soll, sehen nicht nur anders aus als sonstiges Schuhwerk. "Du gehst definitiv anders - vom ersten Moment an." Diese Äußerung läßt sich nur bestätigen, nachdem wir einige Zeit auf MBT-Sohlen unterwegs waren. Das geht nicht ohne eine Einweisung in das "medizinische Trainingsgerät" ab, für die man mit dem Erwerb des nicht ganz billigen Schuhs (modellabhängig zwischen etwa 180 und 200 Euro) einen Gutschein erhält. Instruktoren gibt es zahlreich. Wir wurden von einer netten Heilpraktikerin eingewiesen, die uns attestierte, doch noch einigermaßen beweglich zu sein. Dann gab sie zum Beispiel folgende Ratschläge, die man auch als Video oder ganz knapp gefaßt im Internet als Animationen (www.mbt-info.com) ansehen kann: nicht zu lange Schritte zu machen, nicht dem Körperschwerpunkt hinterherzurennen, weil man zu stark vorgebeugt geht, den Schwerpunkt vielmehr in die Senkrechte über den Aufsetz- und Abrollpunkt der Füße zu bringen. Die freundliche Dame sprach auch von "Rolltraben" und als Überzeugungstäterin: Sie trug selbst MBT-Schuhe, ersichtlich nicht zum ersten Mal.

Laufen wie auf Sand

Balanceakt: MBT-Schuh mit kraftiger Sohle

Balanceakt: MBT-Schuh mit kraftiger Sohle

Zunächst einmal hat man seine liebe Not, in MBT-Schuhen einfach nur still und gerade zu stehen wie ein Massai, von den Luftsprüngen der ostafrikanischen Semi-Nomaden mal ganz zu schweigen. Die konvex von vorn nach hinten gekrümmte Sohle zwingt einen schon beim bloßen Stehen zu balancieren. Dauernd ist man damit beschäftigt, nicht hintenüberzukippen. Und es sind wiederum diese fortwährenden kompensatorischen Bewegungen, die den Trainingseffekt bewirken. Das betonte Abrollen in einer flüssigen Bewegung soll Rücken-, Hüft-, Bein- und Fußbeschwerden lindern und sich günstig nach Gelenk-, Muskel- und Sehnenverletzungen auswirken. Ganz anders als beim Nike Free werden die positiven Wirkungen einem sandwichartigen und wesentlich komplizierteren Aufbau der Sohle zugeschrieben. Die nicht eben leichten Schuhe (Sandale: 490 Gramm, Sportschuh: 600 Gramm in Größe US101/2) fühlen sich beim Gehen an, als sei man im Sand an einem Strand unterwegs: Die Ferse trifft auf ein weiches Polster, den sogenannten Fersentaster, sinkt ein und muß sich über den Rand des kleinen Kraters hinwegarbeiten. In der Sohle des Schuhs ist im Balancierbereich eine Kante eingearbeitet, die bei jedem Abrollen überwunden werden muß - daß dabei Muskeln trainiert werden, die vorher brachlagen, ist zu spüren.

Große Modellpalette

Von MBT gibt es eine breite Modellpalette, vom Business-Schuh in Schwarz über OP-Schwestern-Schlappen und diverse Sandalen bis zum Winter- und Outdoorschuh. Die Verarbeitung der in Fernost gefertigten Ware erscheint sehr gut und offensichtlich auf Langlebigkeit angelegt. Auch wenn MBT versucht, die Rollsohle zu so etwas wie Lifestyle - ein etwas grelles Modell dieses Namens existiert auch - zu stilisieren, der Eindruck von Fremdartigkeit beim unvorbereiteten Beobachter überwiegt: "Wo hast du denn diese Hardcore-Birkenstocks her?"

Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite T6
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