Weltzeit

Wann ist eigentlich Mittag?

Von Gerd Gregor Feth

Blaue Stunde: Taschenuhr von Lange mit zwei Zeigerpaaren

Blaue Stunde: Taschenuhr von Lange mit zwei Zeigerpaaren

15. August 2005 Die Kirchturmuhr ordnete früher den Tag der Menschen - die geographische Ortszeit: Um zwölf Uhr war die Mitte des Tages, die Sonne stand am höchsten über dem Horizont. Ein senkrecht in die Erde gesteckter Stock wirft keinen Schatten. Wer am Ort bleibt, kann sich gut danach richten. Auch wer mit der Kutsche reist, kommt damit klar, muß freilich an jedem Ort, an dem er sich aufhält, seine Uhr richten. Um 1700 baute der Dresdner Hofmechanikus Andreas Gärtner eine Standuhr mit einem großen Zifferblatt für die Dresdner Ortszeit und 360 kleineren Anzeigen, auf denen alle anderen Zeiten der Erde abgelesen werden konnten. Erst mit der Fernbahn im 19. Jahrhundert war es für Weitreisende nötig, zwei Zeiten auf der Uhr zu haben. Lange in Glashütte fertigte seine erste Taschenuhr mit einem zweiten, separat einstellbaren Zeigerpaar 1882; die goldenen Zeiger informierten über die Ortszeit, die gebläuten über die "Bahn-Zeit". Seit Anfang des 19. Jahrhunderts bestimmten die Staaten Europas jeweils eine gesetzliche Zeit - sie richtet sich meistens nach der Ortszeit der Hauptstadt. Erst seit dem 1.April 1893 gilt in Deutschland die achteinhalb Jahre zuvor in Washington beschlossene mitteleuropäische Zeit. Seit 1972 ist GMT durch Universal Time Coordinated (UTC) ersetzt worden, nicht die Erdrotation, sondern Atomuhren bestimmen ihr Maß. Die wenigen Sekunden Unterschied bleiben in der mechanischen Uhrmacherei ohne Bedeutung. Die 1980 in Europa eingeführte Sommerzeit aber macht das eigentlich einfache Weltzeitsystem um einiges komplizierter. Jedenfalls ist im europäischen Sommer nicht einmal mehr in Polen um zwölf Uhr Mittag.

Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite T1

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