Visionen von der Zukunft

Von Atomflugzeugen und Sprachtrompeten

Von Nils Schiffhauer

Atomflugzeug...

Atomflugzeug...

11. September 2008 Was wird nur drin sein? Der kleine Matthias konnte kaum erwarten, dass Mutti die Packung mit den Birkel-Nudeln aufriss und der Siebenjährige sich das Zukunftsbild herausfingern konnte. Hoffentlich nicht wieder dieser blöder Radarherd mit seinem Rezept-Lochkartensystem, der den Nudelauflauf vollautomatisch kochte? Nein, denn das Riesensammelbild „Schwebebahn über der Sahara“ fiel ihm in die Hände, und er buchstabierte sich zusammen, dass die ihn im Liegesessel mit Fernseher vor Augen über 14 Hauptbahnhöfe von Oran nach Timbuktu bringen wird. Der kleine Matthias war da noch nicht der große und in Deutschlands Millionenstädten weltbekannte Zukunftsforscher, der sich fast 50jährig dankbar an seine nudelige Initialzündung erinnerte, die ihn in einen erdnahen Orbit schoss, von dem aus er seitdem alles, was er erstmals sieht, als neu für die gesamte Menschheit schildert.

Die hatte sich schon manche tausend Jahre zuvor in ein Morgen geträumt, wenn ihr das Heute schwer erträglich schien, damit diese Mühsal sich doch nur als jener Reisbrei erweisen möge, der - wie im Bechsteinschen Märchen - uns vom Schlaraffenland trennt. 1600 Jahre zuvor erweiterte der griechische Dichter Lukian mit seiner Lügengeschichte einer achttägigen „Segelfahrt zum Mond“ die Perspektiven von Zukunftsblicken, die bis dahin und weiterhin weitgehend von Orakeln aller Religionen bestimmt sein sollten; Augustinus' Gottesstaat“ ist 413 n. Chr. eines dieser Reiche. Thomas Morus versetzte derartige Luftschlösser 1516 in seinem „Utopia“ an den rechten Ort, lässt sich diese ans Griechische angelehnte Wortschöpfung doch mit „Nirgendwo“ übersetzen. Samuel Butlers Hauptwerk „Erewhon“ als Anagramm von „Nowhere“ ist da 1872 nur eine unter vielen buchgewordenen Gesellschaftsinseln, wie sie Philosophen und Schriftsteller von Campanella über Swift und Schnabels Felsenburg bis Ernst Bloch und Arno Schmidt gerne ansteuerten. Dessen „Schwarze Spiegel“ reflektieren 1951 eine zarte Liebe nicht zwischen den ersten, sondern den letzten Menschen, die die wissenschaftliche Fiktion einer Neutronenbombe übrig ließ. Produziert wurde die Waffe erst 30 Jahre später, doch Science-Fiction-Autoren waren mindestens ebenso große Zerstörer, wie sie phantasievoll ihre Schlaraffenländer aufbauten.

„Wundersame Instrumente“

Hierbei half bald die Technik, die sich der Franziskanermönch Roger Bacon Mitte des 13. Jahrhunderts als „wundersame Instrumente“ dachte. Darunter das Flugzeug in der Art des Vogels, ein U-Boot, Fernglas und Mikroskop; und vor allem winzige, aber höchst effiziente Motoren malte er sich aus. Die Überwindung von Raum und Zeit bei gleichzeitig fast unendlichen Kraftreserven sollte seitdem das immer wieder neu ausgemalte Szenario zumindest technischer Utopien bestimmen. Als die industrielle Revolution gezeigt hatte, dass Technik - anders als der Mensch - sich nicht nur evolutionär entwickeln musste, sondern der Fortschritt sprunghaft kam, hatten Autoren ein neues Sujet: die Zukunft halbwegs schlüssig vorzustellen. Der Laplacesche Dämon baute ab 1814 heftig daran mit. Dieser Homunkulus des französischen Mathematikers Pierre Laplace kennt alle Ausgangsbedingungen und Kräfte der Welt bis auf Atomebene und errechnet daraus unfehlbar die Zukunft. Heisenbergs Unschärferelation erledigte 1927 diese Fiktion.

Der Mensch behalf sich mit dem, was er sehen konnte, und verlängerte das Offensichtliche zu Trends. Nachdem 1783 den Montgolfiers der erste Freiflug im Ballon gelang, war dessen Beschleunigung und Lenkung durch gezähmte Adler für Phantasten das kleinere Problem. Etwa für Julius von Voß, der sich mit „Ini“ 1810 ins 21. Jahrhundert dachte: Jetsetter Guido reist seiner titelgebenden Herzensdame in Windeseile mit einer Art Zeppelin um die Welt nach, zu der er Kontakt durch Nacht und Nebel mittels „Sprachtrompeten“ hält, und das Fernsehen ist ein auf dem Theater aufgestellter Spiegel. Deutschlands erster und wie verschollener Zukunftsroman, demnächst wiederzulesen dank der Transkription des rührigen Ulrich Blode im Utopia-Verlag. Wie überhaupt die Zukunftsliteratur der Vergangenheit bis auf den einzig dastehenden Jules Verne oft nur noch antiquarisch oder in Liebhaberausgaben greifbar ist. Schade für den „Blick in die Zukunft“ des Jahres 2066, den der niederländische Medizinprofessor Pieter Harting 1866 unter dem Pseudonym Dr. Dioscorides wagte. Der fährt im Lehnstuhltraum innerhalb von zwei Tagen mit dem Zug nach Peking und sieht Auto, Gummireifen, die Farbfotografie und sogar den Gehirnspiegel erfunden, eine Art funktionaler Magnetresonanztomograph. Sein Flugzeug folgt dem Vorbild eines Segelschiffs, in dem ein magnetisch gelenkter Metallstab die Funktion von Ruder und Schwert übernimmt, um dank Erdmagnetismus nicht nur bei Rückenwind zu fliegen, sondern auch gegen den Wind kreuzen zu können.

„Die Welt in 100 Jahren“

Züge und die ersten Autos überrollten manche Fiktion in ungeahntem Tempo. Der gebildete Leser sucht daher anlässlich des Jahrhundertwechsels Halt bei den Wissenschaften. Es entsteht eine Richtung, für deren edelste Teile Ossip K. Flechtheimer 1943 den bis heute haltbaren Begriff „Futurologie“ prägt. Am lautesten tönte als Verheißung wie Drohung der Schlachtruf „Ihr werdet es erleben!“, mit dem Hermann Kahn und Norbert Wiener 1967 staats- und wirtschaftsfromme Wünsche als „Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahre 2000“ in eine dank Ost-West-Konflikt simpelst strukturierte Welt entließen. 100 Jahre zuvor ersetzte schon mal Wissenschaft die Phantasie. „Die Welt in 100 Jahren“ versammelt Ausblicke ausgewiesener Experten auf das Jahr 2000. Die sehen die reicheren Familien Afrikas in Lufthäusern wohnen, verankert in - das ist Kolonialhenker Karl Peters präzise - 1000 bis 2000 Meter Höhe. Flugzeuge beherrschen Tag und Nacht den Himmel Europas, das ziemlich genauso aussieht, wie Erich Kettelhut 1927 die Bühnenbilder für „Metropolis“ gestaltete. In diesem Fritz-Lang-Film versöhnen sich Kapital und Arbeit, im Zukunftsbuch besiegelt Bertha von Suttner den Bund. Und Sozialdemokrat Eduard Bernstein, nicht zu vergessen, wenngleich er bezweifelt, dass Maschinen anderen als deren Besitzer die Arbeit abnähmen. Das las man bei Marx schon hellsichtiger, gerade weil der jeden anderen als den gesellschaftspolitischen Fortschritt für rückschrittlich gehalten hätte.

Am Handy etwa hätte ihn nicht die Technik, sondern ihre Verwendung interessiert. 1900 galt es als eines der „Wunder, denen wir entgegengehen“; sogar im U-Boot sollte dieses pillenschachtelkleine Taschentelefon funktionieren. Nur ein Problem harrte demnach noch im Jahre 2000 seiner Lösung - wie nämlich bei der dank regenschirmähnlicher Antennen hohen Reichweiten der Einzelgeräte ohne Störungen anderer Apparate gezielt der gewünschte Teilnehmer zu erreichen wäre.

„Vaterland des Humbugs“

Zwar begleiteten Relais die optische und akustische Kommunikation seit dem Altertum, aber die sich herausbildende Realität und Praxis eines Netzes ist jener alle Prognosen umwälzende Schritt, wie ihn sich vor 40 Jahren das kybernetisch denkende Duo Kahn/Wiener als - wir würden sagen - Internet nur als staatliche Veranstaltung vorstellen konnte. Bertolt Brechts ab 1927 entwickelte Radiotheorie, die aus dem Distributions- einen Kommunikationsapparat machen wollte, sah damit 40 Jahre vorher schärfer ein Web 2.0 voraus. Schon unserem Seher Dioscorides erschien 1810 Nordamerika als „Vaterland des Humbugs“. Doch von dort aus flogen die ersten Männer zum Mond; die ganze Familie verfolgte das 1969 am Fernseher in einem Raum, den jedoch nicht eine atomgetriebene Heizung wärmte, wie sich der Earl of Birkenhead, immerhin High Steward der Oxford University, 1930 die Zukunft in 100 Jahren imaginierte.

850 Jahre technische Prognosen lassen eine präzise Vorhersage treffen: wie bei den alten Griechen Teiresias, ist der Blinde ein tüchtiger Seher. Ausblicke in zukünftige Welten bieten weniger die technischen Utopien als vielmehr die kritischen Träumer. Doch deren Welten füllen keine bunten Birkel-Zukunftsbilder. Und keine Säle wie der, der sich in seiner Kindheit statt mit Karl May oder Rolf Kauka (Fix und Foxi) aus dem norddeutschen Alltag in eine Karriere als Zukunftsforscher beamte.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hodder and Stoughton, Nils Schiffhauer

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