Handtuchspender

Von der Rolle

Von Georg Küffner

Völlig von der Rolle: So trocknete sich der Toilettengast bis vor kurzem noch die Hände ab

Völlig von der Rolle: So trocknete sich der Toilettengast bis vor kurzem noch die Hände ab

08. November 2009 Welch ein Unterschied: Im hoch über Hongkong gelegenen Waschraum des wegen seiner atemberaubenden Aussicht (auch und gerade während des Händewaschens) bekannten Restaurants Felix des Peninsula Hotels bekommen Toilettengänger nach der Handreinigung ein Leinentuch gereicht. Damit das Warmwasser läuft, muss man hier keinen Knopf drücken oder Hebel drehen. Das Wasser strömt vielmehr ständig aus einer futuristischen Bronzeskulptur auf einen leicht schräg stehenden esstischgroßen Marmorblock.

Völlig anders läuft diese Prozedur in der Nasszelle eines ICE-Zuges ab, allein schon, da einen die ständige Ruckelei von den Beinen zu heben droht. Für die Orientierung sorgen hier Piktogramme. Sie verraten, dass das Wasser erst sprudelt, wenn man eine Lichtschranke überlistet hat - was nicht immer gelingt. Noch deutlich größer ist die Barriere, die vor dem Zugriff auf eines der zum Abtrocknen angebotenen (Papier-)Handtücher liegt. Denn die haben die Raumgestalter versteckt. Sie stapeln sich in einem Schacht, dessen Öffnung man ertasten muss.

Mit solch einem Packen Papiertücher ist schlecht Händetrocknen. Diese Erfahrung muss weit verbreitet sein. Denn fast immer liegen in öffentlichen Waschstuben diese zusammengedrehten Bündel herum. Kaum jemand unterzieht sich der Mühe, die Papiere einzeln zu entnehmen und auseinanderzufalten. Wenn man es tut, kommen fast DIN-A3-große Blätter hervor, mit denen sich erstaunlich gut das Wasser von den Fingern wischen lässt.

Horte der Unhygiene mit Risikopotential

Allein dieses Beispiel zeigt, wie der simple Vorgang des Händetrocknens schwieriger ablaufen kann, als man erahnen sollte. Nur so ist zu erklären, dass zeitknappe Reisende in Waschräumen von Flughäfen sich so lange vor der Türe die Beine vertreten, bis der nächste Toilettengänger eintritt und sie - ohne die Klinke anfassen zu müssen - entwischen können. Wer nicht so viel Ruhe hat, fasst die Türe gerne ganz weit oben an, ohne zu wissen, dass sich diese Strategie längst herumgesprochen hat und man also keineswegs sicher sein kann, hier auf sauberen Grund zu packen. Bewährt hat sich dagegen dieses Vorgehen: Nach dem Händetrocknen entlockt man dem Papierspender ein weiteres Blatt, umfasst damit die Klinke, öffnet die Türe und wirft anschließend den Bogen in den nächsten Mülleimer.

Öffentliche Nasszellen sind Horte der Unhygiene. Wer sich nicht gründlich die Wände wäscht, trocknet - oder nach dem Herumfingern an Türgriffen und Schaltern Lebensmittel anfasst, läuft Gefahr, sich Darminfektionen wie Typhus, Cholera, Salmonellen oder eine Darmgrippe zu holen. Auf den Toiletten drohen aber auch Pilzinfektionen. Vieles spricht also dafür, den Hygienestandard hoch zu halten, gerade in Zeiten der Schweinegrippe mit ihrem nur schwer einzuschätzenden Risikopotential.

Katastrophale hygienische Zustände waren auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Auslöser, sich Gedanken zu machen, wie die Technik zu einer Verbesserung der Situation beitragen kann. Damals waren in den Waschräumen von Gaststätten und Handwerksbetrieben noch die über einer Stange hängenden „Umlauf“-Handtücher üblich, die zwar einen Fortschritt im Vergleich zu dem am Haken hängenden Stofftuch darstellten, aber dem Nutzer nicht ermöglichten, stets an ein noch unberührtes Stück Stoff zu greifen.

„Sonst gab es immer diese dreckigen Lumpen

Diesen heute allgegenwärtigen Luxus verdanken wir dem aus dem Ort Lincoln in Nebraska stammenden und später nach Salt Lake City umgezogenen Handtuchproduzenten George A. Steiner. Ihn motivierte die von den amerikanischen Gesundheitsbehörden betriebene Ächtung des einfachen „Roller Towels“ aus rein kommerziellen Motiven, den Urvater heutiger (Stoff-)Handtuchspender zu entwickeln: Seine 1918 patentierte Maschine bestand aus Holz. Sie war klein genug, um an die Wand geschraubt zu werden. Oben rechts saß eine Kurbel, mit der ein auf einer Papphülse aufgerolltes Endloshandtuch so weit abgewickelt werden konnte, bis sich in Greifhöhe ein jungfräulicher Stoffabschnitt befand. Der Clou des Ganzen war jedoch nicht die Kurbel, sondern eine zweite, unten in dem Kasten sitzende und über einen Kettentrieb mit der oberen verbundene Walze. Er sorgte dafür, dass die benutzte Stoffbahn in den Kasten eingezogen wurde, wo sie - das lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen - wohl lediglich abgelegt, aber nicht aufgerollt wurde.

Das Geschäft mit den Handtuchspendern entwickelte sich prächtig. Die Verkaufszahlen des bald nicht mehr im Holzkasten, sondern in einem Blechkleid steckenden Apparats stiegen rasant an. Mitte der fünfziger Jahre war die halbe Million erreicht, und Steiner brüstete sich damit, alle 50 Sekunden einen Handtuchspender auszuliefern. So war es wohl kaum ein Zufall, dass die sich zu dieser Zeit in Chicago aufhaltende deutschstämmige Schweizerin Erika Schnyder im Waschraum ihres Hotels auf ein solches Gerät stieß - und begeistert war. „Sonst gab es immer diese dreckigen Lumpen als Handtücher“, notierte die attraktive Dame in ihren Erinnerungen. Sie war von dem Automatiktrockner so angetan, dass sie bei Steiner um die Vertretung der Handtuchrollen für die Schweiz und Deutschland anfragte.

Die bekam sie und gründete, zurück in der Schweiz, nach den Initialen ihres Mannes benannt (Conrad Wolfgang Schnyder), das Unternehmen CWS, das nach dem Auslaufen des Patentschutzes in den siebziger Jahren eigene, leistungsfähige Maschinen auf den Markt brachte. Diese Apparate findet man noch heute in öffentlichen Waschräumen. Sie nennen sich „CWS electronic“ und sind die ersten Stoffhandtuchspender, die von einem Mikroprozessor gesteuert werden. Er ermöglicht, an ein Stück Handtuch zu kommen, ohne den Apparat anzufassen. Theoretisch zumindest. Denn die mit roter Farbe auf das Gerät gedruckte Piktogramm-Hand mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger verleitet immer wieder dazu, den Finger an der markierten Stelle aufzulegen. Oder, auch das kann man beobachten, vor lauter Ungeduld und Skepsis gegenüber der Elektronik reißen die Nutzer das Handtuch mit kräftigen Zügen aus dem Gerät. So weit, bis ihnen die Stoffbahn zu Füßen liegt und der Apparat laut zu ächzen und zu stöhnen beginnt.

Die Z-Faltung konkurriert mit der C-Faltung

Handtuchspender müssen harten Betriebsbedingungen widerstehen können. Unsachgemäßes Hantieren darf ihnen nichts ausmachen, wobei es den Entwicklungsingenieuren schon ein Herzensanliegen ist, die Apparate möglichst idiotensicher zu konstruieren. Sie also so zu bauen, dass man wenig falsch machen kann. Ideal wäre demnach, dass sich immer dann ein Stück Handtuch aus dem Gerät windet, wenn man ihm nahe kommt. Dazu müssen die Apparate immer „intelligenter werden - und werden es auch. So sind die neuesten CWS-Geräte (ParadiseLine) gleich mit drei Sensoren gespickt: Zwei davon arbeiten mit Infrarotstrahlen und erkennen, ob sich eine Hand von unten dem Gerät nähert oder ein Stück des heraushängenden Tuchs zu greifen versucht. Der dritte Sensor arbeitet kapazitiv. Er erkennt Störungen des nach vorne gerichteten elektrischen Wechselfelds. CWS spricht von der Sensor-“Wolke“.

Mit diesem Drei-Sensor-Gerät hat CWS ganz sicher den Mercedes unter den Handtuchspendern im Programm, bietet aber, wie Dutzende Mitbewerber, auch Papiertuchautomaten an. Auch die kann man mit Sensorsteuerung haben, wobei das Gros der „Fühler“ so unsensibel eingestellt ist, dass die Idee, lediglich die Hand mit etwas Abstand vor den Sensor zu halten, nicht funktioniert. Meist muss man gegen den Sensor klopfen, damit der Apparat zu spucken beginnt, wobei die Länge des ausgeworfenen Papiertuchs von dem Betreiber nach seinen Wünschen eingestellt werden kann.

Diesen Vorzug der Individualisierung bieten die mit gefalteten Papiertüchern arbeitenden Geräte nicht. Dennoch warten auch sie mit interessanten Unterschieden auf, die sich wesentlich durch die Wahl der eingesetzten Papierbögen ergeben. Denn hier konkurriert die C-Faltung mit der Z-Faltung, was belanglos klingt. Doch wenn man weiß, dass Z-gefaltete Ware stets ein Stück aus den Apparaten heraushängt und damit der nächste Bogen leicht gegriffen werden kann, ist es erstaunlich, dass etwa die Deutsche Bahn ihre Papiertuchspender mit C-Ware füllt. Diese Tücher liegen plan auf dem Boden der Geräte und müssen umständlich mit den Fingerspitzen erfasst werden: Ist der Spender randvoll und steckt der Stapel unter Spannung, reißen die Blätter, und man hält lediglich Papierfetzen in der Hand. Anders beim fast leeren C-Automaten. Aus ihm holt man unweigerlich die ungeliebten Bündel.

Den Trocknungskomfort verbessern Flachbildschirme nicht

Nicht unerwähnt bleiben sollten „Papierhandtuchspender für Papierhandtuchrollen zur Innenabwicklung“, wie die vor allem in Amerika sehr beliebten Geräte heißen. Man erkennt sie an der heraushängenden Papierwurst. An ihr zieht man, bis man ausreichend Material in den Händen zu halten meint. Eine Einschätzung, die sehr unterschiedlich ausfällt, denn nur so ist zu erklären, dass immer wieder Waschraumnutzer mehrere Meter lange Würste aus den Geräten ziehen, bevor sie sich entschließen, das Band abzutrennen.

Dass sich elektrische Handtrockner nich so leicht durchsetzen, ist kein Wunder. So dauert das Trocknen mit den auch gerne „Bakterienherumwirbler“ genannten Geräten länger, als die meisten Toilettengänger Zeit zur Verfügung haben. Deutlich schneller und anders arbeitet der von dem englischen Hersteller beutelloser Staubsauger Dyson vor drei Jahren auf den Markt gebrachte Airblade. Hier wird das Wasser nicht mit Hilfe von Warmluft verdunstet, vielmehr schabt sie die extrem schnell strömende Luft von den Händen. Das Ganze dauert zehn Sekunden, wenn man den Herstellerangaben traut - muss aber vergleichsweise teuer erkauft werden und ist zudem sehr laut.

Weitere Innovationen rund um die Technik des Händetrocknens sind also willkommen. Es ist zwar sicher unterhaltsam, wenn man künftig (wie von CWS geplant) in die Frontseiten der Handtuchspender Flachbildschirme integriert, die das Abspielen von Werbefilmchen ermöglichen. Den Trocknungskomfort verbessert das nicht, auch nicht den Hygienestandard in öffentlichen Waschräumen. Der ließe sich deutlich durch Automatiktüren steigern, wie man sie aus Kranken- und Altenheimen kennt. Sie brächten so viel Zusatzkomfort, dass man ab und an darüber hinwegsehen könnte, die nassen Hände an Hose, Rock oder Hemd abzutrocknen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Müller/www.hygienevertrieb.de

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