Allianz-Arena

Leuchtende Rauten markieren das bayerische Lokalderby

Von Gerd Gregor Feth

Der Clou des Stadions: Es leuchtet in verschiedenen Farben

Der Clou des Stadions: Es leuchtet in verschiedenen Farben

25. Januar 2005 Das neue Fußballstadion an der Münchener Peripherie nimmt Formen an. Seitdem das Dach fast vollständig montiert ist, kann jeder selbst beurteilen, was sich der Baseler Architekt Pierre de Meuron unter "einem großen, leuchtenden Körper" vorstellt, der nach seiner endgültigen Fertigstellung im Mai 2005 zum "Pilgerort für Fußballbegeisterte" werden soll. 66 000 sollen dort einen Sitzplatz finden - nur wenige tausend mehr als die 63 000 Zuschauer, die das gut 30 Jahre alte Olympiastadion faßt.

Wie damals zu den Olympischen Spielen 1972, als Günter Behnisch den Münchnern erstmals ein Stadion mit einem weit ausladenden Zeltdach schuf, setzt das Schweizer Architektenduo Herzog & de Meuron für die Fußballweltmeisterschaft 2006 auf eine ebenso außergewöhnliche Hülle: Sie soll die respektablen Ausmaße des neuen Fußballstadions tarnen, das immerhin 259 Meter lang, 227 breit und 50 hoch ist. Weil es auf Ecken und Kanten verzichtet, sieht es aus wie ein eben gelandeter bauchiger Zeppelin.

Die leichte Folie altert nicht

Die äußere Hülle ist nicht aus Glas und Beton, sondern aus federleichter, nur 0,2 Millimeter dünner ETFE-Folie (Ethylen-Tetrafluorethylen). Das ist ein sehr stabiler textiler Fluor-Kunststoff aus der Teflongruppe, der von Covertex aus dem bayerischen Chiemgau, einem von wenigen Spezialisten für Membranbauten, entwickelt wurde. Das Material soll selbst rauher Witterung (Wind, Hagel, Schnee) widerstehen; es ist schwer entflammbar, "nichtbrennend abtropfend", wie Fachleute sagen, und transparent mit einer Lichtdurchlässigkeit von 90 Prozent. Die leichte Folie altert nicht und wird mit der Zeit auch nicht trübe wie einst die Kunststoffscheiben des Olympiadachs; sollte das eine oder andere Kissen im Dachbereich einmal erschlaffen, weil es ein Loch bekommen hat oder einer der vier Kompressoren ausgefallen ist, kann sich in einer Kuhle kein Regenwasser sammeln, denn ein Ventil entwässert selbsttätig.

Diese der Welt wohl größte Membrandachhülle deckt derzeit eine Fläche von 64 000 Quadratmeter - mit ihr will der Schweizer de Meuron "eine Architektur schaffen, die mit Licht arbeitet und Emotionen ausdrücken kann", wie er im Februar 2002 in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) sagte. Dach und Fassade gliedert er einheitlich mit 2784 meist unterschiedlich großen, trapezförmigen Elementen. De Meuron will damit "auf die bayerische Raute anspielen".

Licht und Form verdecken die massive Konstruktion

Diese Formen beherrschen als zentrales Fassadenelement die neue Fußballarena, rücken sie aber optisch etwas in die Nähe einer übergroßen Luftmatratze. Genau betrachtet sind es tatsächlich nur mit Luft gefüllte Kissen. 1056 davon sind vom Beleuchtungsspezialisten Siteco mit Effektlicht - jeweils bis zu acht Leuchtstoffröhren - ausgestattet worden. Damit die Außenhaut wahlweise weiß, blau und rot erstrahlen kann, sind speziell auf die Vereinsfarben hin entwickelte Farbfilter eingebaut. Mit unterschiedlich farbigem Licht - rot-weiß für den FC Bayern München und weiß-blau für den TSV 1860 München - sollen die Fußballvereine in der neuen Arena heimischer werden, als das in dem etwas steril wirkenden Olympiastadion gelingen wollte.

Die Leichtigkeit von Licht und Form verdeckt sehr geschickt die massive Konstruktion darunter, denn vom eigentlichen Dachtragwerk wird von innen wie außen bald nichts mehr zu sehen sein. Die Dachlasten werden von einer Primärdachkonstruktion über 48 Hauptträger nach außen hin zum Stadionrand und dort in die Stützen des Stahlbetonbaus eingeleitet. Diese radial angeordneten Hauptträger sind mit einem Stahlnetz - dem Sekundärdach - überspannt, in das die einzelnen, zwischen 16 und 32 Quadratmeter großen Kissen aus der Membran "schwimmend" eingehängt werden.

Robuster Stahlbeton

Beide Tragwerke aus hochfestem Stahl S355 wiegen zusammen 7100 Tonnen. An einem inneren Auflager kann ein Druck bis zu 5000 Kilo-Newton (kN) - das entspricht etwa 500 Tonnen - und eine Zugkraft am äußeren Auflager von maximal 3300 kN - entsprechend 330 Tonnen - verkraftet werden; Gleitlager gleichen die temperaturbedingten Horizontalbewegungen aus. Die Kragspitze - der innere Rand des Dachs - kann sich unter höchster Schnee- und Windlast problemlos um bis zu 55 Zentimeter durchbiegen.

Anders als das weich und spielerisch anmutende Membrandach besteht das eigentliche Stadion natürlich aus robustem Stahlbeton - jenem altbewährten Werkstoffverbund, bei dem der Beton stets die Druck- und das eingegossene Stahlgeflecht die Zugkräfte aufnimmt. So wie die Dachkonstruktion haben Statiker im Münchner Ingenieurbüro Sailer Stepan und Partner (zusammen mit den Kollegen von Arup aus Berlin/Düsseldorf) auch ein kompliziertes Tragsystem für den ovalen Baukörper berechnet, wozu selbst besonders schnelle Computer insgesamt 64 Stunden lang arbeiten mußten.

Besonders widerstandsfähige Halbschattengewächse

Die Fundamente sind manchmal so groß wie ein Einfamilienhaus und können selbst bis zu 180 Tonnen wiegen; diese gewaltige Größe vermindert eine allzu hohe Flächenpressung auf dem Isarkies, so daß sich der Baugrund unter einer Gesamtlast von 1500 Tonnen nicht mehr setzen kann. Die wird von Stützen und Wandscheiben aufs Fundament übertragen, die zusammen mit den acht Treppenhäusern das Bauwerk aussteifen. Die sieben Decken werden auf sogenannten Unterzügen - eine Art Balken - gelagert, die wegen der ovalen Form des Baus auf 350 schräg stehenden Rundstützen ruhen.

Der Luzerner Bauelementehersteller Varionorm hat diese Stützen aus sogenanntem Schleuderbeton mit höherer Verdichtung gefertigt. So kann ein schlanker Betonpfahl mit einem Durchmesser von nur 65 Zentimeter und einer Länge von sechs Meter auch schräg eine Last von bis zu 10 000 kN (etwa 1000 Tonnen) aufnehmen. Das gedrungene Äußere setzt sich als Prinzip im Inneren fort, wo alles dicht um den Rasen gruppiert ist. Das Spielfeld wird erhellt von 232 unterm Dach in fast 45 Meter Höhe befestigten Scheinwerfern. Mit einer Leistungsaufnahme von zusammen 464 Kilowatt setzen sie das magische Rechteck mit 1500 Lux ins rechte Licht.

Der Rasen - ein Gemisch aus besonders widerstandsfähigen Halbschattengewächsen - wird winters natürlich beheizt. Zur kalten Jahreszeit sollen ihn auch wärmende Sonnenstrahlen erreichen, weshalb zwischen den Spielen im Süden und Westen der Himmel unterm Dach weggezogen wird. Der Wind kann durch die nach allen Seiten offene Hauptzugangsebene streichen, um das Grün möglicht gut zu belüften.

Fanblock mit eigenem Restaurant

Für alle 66 000 Zuschauer sollen die Spieler wie in einer römischen Arena fast zum Greifen nah agieren, damit auch Stimmung aufkommt, wenn die Ränge einmal nicht ganz voll besetzt sein sollten. Dazu müssen sich die Sitzplätze auftürmen, fast so steil wie die der Studenten in einem medizinischen Hörsaal. Die einzelnen Ränge, die jeweils zwischen 20 000 und 24 000 Sitzplätze haben, brauchen daher eine große Steigung: der untere steigt mit 24 Grad, der mittlere mit 30 Grad und der obere direkt unter dem Dach sogar mit 34 Grad. Die glühendsten Anhänger der beiden Klubs haben natürlich ihre "eigenen" Kurven mit jeweils 5000 Klappsitzplätzen.

Das wird aber den Bayern nicht reichen, befürchten die Fans. Von den bisher 9000 Dauerkarteninhabern müßten viele von der Südkurve in die feindliche Nordkurve abwandern. Der Norden gehört den Sechzigern, im Süden herrschen die Bayern. Sie müßten sich nicht einmal mischen, denn die Fanblocks haben eine autarke Versorgung mit eigenen Restaurants. Es gibt neben 200 Plätzen für Behinderte auf der sechsten Ebene auch 2200 besonders teure, sogenannte Business-Seats und drüber 106 Logen mit zusammen 1400 Plätzen, die - je nach Größe - zwischen 90 000 bis 240 000 Euro Jahresmiete kosten.

Die Planer der nach dem Münchner Versicherungskonzern Allianz benannten Fußballarena haben sich auch Gedanken darüber gemacht, wie durch das Bauwerk selbst bereits Aggressionen der Fans abgebaut werden könnten. "Der Bau hat keine Ecken, das beruhigt", wird eine funktionelle Seite der Architektur erklärt. Daß das allgemeine Parkhaus mit seinen 11 000 Plätzen etwas abseits liegt und die U-Bahn-Station Fröttmaning nur über einen 800 Meter langen Fußweg erreicht werden kann, sei keineswegs ein Planungsfehler: "Beim Gehen werden am ehesten Frustrationen abgebaut."

Gesamtkosten summieren sich auf 340 Millionen Euro

Ob es deswegen gleich eines neuen Stadions bedurft hätte? Das ist eine Frage, die in München kaum gestellt wird. Vielleicht, weil das Gebäude einst zum relativ günstigen Fixpreis von 285,9 Millionen Euro erstellt werden sollte? Und vor allem, weil diese Kosten die beiden Vereine tragen und nicht der Steuerzahler. Daß die Gesamtkosten sich nun doch auf 340 Millionen Euro summieren, wird öffentlich nicht diskutiert. Die Allianz-Versicherung wird die beiden Bauherren für das Namensrecht mit fast 110 Millionen entlasten, schätzen Kenner.

Die zweieinhalbjährige Bauzeit - von der österreichischen Alpine Bau realisiert - gilt jetzt schon als rekordverdächtig. Übergabetermin ist der 30. April 2005; sollte er überzogen werden, drohen empfindliche Vertragsstrafen von bis zu 30 000 Euro am Tag. Etwas Luft bleibt trotzdem noch, denn die Eröffnungsspiele sind erst einen Monat später für den 30. und 31. Mai angesetzt: zuerst der TSV 1860 München gegen den 1. FC Nürnberg und schließlich FC Bayern München gegen die deutsche Nationalmannschaft.

"Das neue Stadion soll für beide Vereine Identifikation stiften, wenn die Außenhülle mit den jeweiligen Vereinsfarben illuminiert wird - je nachdem, welche der Mannschaften gerade Heimrecht hat. Bei Länderspielen wird einfach auf neutrales Weiß geschaltet."

Stadion-Geschäftsführer Bernd Rauch

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2005, Nr. 20 / Seite T1
Bildmaterial: AP, F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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