Bekleidung

Das Hemd, das der Haut so nahe kommt, kann ihrer kosmetischen Pflege dienen

Von Monika Etspüler

21. August 2005 Die Ansprüche an Kleidungsstücke sind enorm gewachsen. Es geht nicht mehr ausschließlich um modischen Chic. Kleidung soll heute funktional sein. Zwar läßt sich der Wunsch nach der Trekkinghose, die den Schmutz abweist, oder dem Wintermantel, der nicht nur warm, sondern auch leicht ist, mit konventionellen Materialien problemlos erfüllen. Doch auf der Wunschliste stehen mittlerweile weitergehende Gebrauchseigenschaften. So sollen Textilien auch unangenehme Gerüche vertreiben, kosmetische Wirkung entfalten und Medikamente abgeben, um medizinische Aufgaben zu erfüllen.

Das läßt sich mit verschiedenen Veredlungsverfahren bewerkstelligen. Die wirksame Substanz kann bereits bei der Faserherstellung eingearbeitet werden. Nach und nach wandert sie dann aus dem Innern an die Oberfläche, wo sie mit der Haut in Kontakt kommt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Wirkstoff direkt auf die Textiloberfläche zu applizieren. Doch leicht flüchtige Substanzen lassen sich so kaum längere Zeit fixieren. Außerdem können sie relativ schnell ausgewaschen werden. Um das zu verhindern, werden die Substanzen häufig in Mikrokapseln aus Wachs oder Stärke eingepackt. Reibung und die Wärme der Haut setzen die Wirkstoffe dann frei. Auch bei diesem Verfahren ist die Einwirkung nur von begrenzter Dauer, denn sind die zehn bis 100 Mikrometer großen Kapseln erst einmal leer, hat das Textilstück seine Zusatzfunktion eingebüßt. Die wohl vielversprechendste Technik ist die Veredlung mit sogenannten Cyclodextrinen. Diese ringförmigen Zuckermoleküle können beliebig oft mit Wirkstoffen be- und entladen werden. Ihr molekularer Hohlraum dient den knapp einen Nanometer (ein millionstel Millimeter) winzigen Wirkpartikeln als Depot.

Die Apotheke im Hemd

Unabhängig von den einzelnen Veredlungsverfahren - ihre Einsatzmöglichkeit scheint nahezu unbegrenzt zu sein. Biofunktionstextilien enthalten Wirkstoffe zur Pflege, zur Linderung chronischer Hautkrankheiten oder zur Gesundheitsvorbeugung. So soll mit Aloe Vera ausgerüstete Bettwäsche für den Feuchtigkeitsnachschub in der Haut sorgen. Ginkgo wird wegen seiner durchblutungsfördernden Wirkung bevorzugt im Strumpfbereich eingesetzt. Eine durchdringende Wirkung haben auch T-Shirts mit Vitamin C und E. Daß die Substanzen tatsächlich von der Haut aufgenommen werden, konnten Wissenschaftler am Internationalen Textilforschungszentrum Hohenstein im schwäbischen Bönnigheim nachweisen. Freilich sagt das nichts über die biologische Wirksamkeit aus.

Bettwäsche für Allergiker

Was eindeutig gezeigt werden konnte, ist die antibakterielle Wirkung von Silber in Textilien. Indem die Silberionen die Zellwände der Einzeller durchbrechen, kommt es zu einer erkennbaren Verminderung der Bakterienzahl. Dieses Wissen nutzte Tex-A-Med im bayrischen Gefrees und brachte mit Silber ausgerüstete Bettwäsche und Unterwäsche auf den Markt. Zielgruppe sind vor allem Neurodermitiker, die aufgrund ihrer Krankheit besonders stark unter bakteriellen Hautinfektionen leiden. Die Silberionen werden entweder auf das Gewebe appliziert oder eingewebt. Bedingt durch den hohen Silbergehalt, der bei rund 20 Prozent liegt, erscheint das Material in einem einheitlichen Grau. Inzwischen sind die gut untersuchten Silberapplikationen im Bereich der antimikrobiellen Textilausrüstung allgemein akzeptiert. Dagegen wird um Bakterizide wie Triclosan bis heute ein heftiger Glaubenskrieg geführt. Das Internationale Textilforschungszentrum Hohenstein untersucht derzeit in einem Trageversuch die Interaktion zwischen bakterizid ausgerüsteten Textilien und der Hautflora. Doch die Frage, ob die chemischen Stoffe tatsächlich die ihnen zugedachte Rolle als Geruchsstopper ausfüllen, ist damit noch nicht geklärt. Denn um tatsächlich Wirkung zu zeigen, müßten die antimikrobiell ausgerüsteten Fasern die Vermehrung der Bakterien hemmen. Erst wenn die Abbauprodukte von Schweiß und Hautpartikeln nicht mehr entstehen, wird auch die Geruchsbildung unterbunden. Mit Cyclodextrinen kann das gleiche Ergebnis erzielt werden, wenn auch auf anderer Grundlage. Es zeigte sich, daß die kleinen Zuckermoleküle die Entstehung von Körpergeruch zwar nicht verhindern, ihn jedoch beseitigen, indem sie die Geruchsstoffe aufnehmen. Die Bakterien auf der Haut werden also nicht angegriffen, sondern allenfalls auf Diät gesetzt.

Für besseren Geruch

Untersuchungen am Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West in Krefeld haben ergeben, daß Gerüche verschwinden, wenn Textilien mit einer wäßrigen Cyclodextrinlösung eingesprüht werden. Bei Strümpfen beispielsweise erfolgt die Einlagerung fast ausschließlich aus dem Schweiß. Mäntel dagegen, die kaum mit der Haut in Berührung kommen, nehmen vor allem Gerüche aus der Gasphase auf. Vorwiegend unpolare, leicht flüchtige Substanzen werden in das unpolare Innere der Cyclodextrine eingelagert. Ob es sich dabei um Körper- und Kneipengerüche oder um Düfte von Parfums oder Ölen handelt, spielt keine Rolle.

Als erstes Textilunternehmen brachte die Brinkmann Gruppe aus Herford unter der Marke Bugatti einen mit Cyclodextrinen veredelten Anzug auf den Markt. Er nimmt unangenehme Gerüche wie Zigarettenqualm oder Fettgeruch auf. Entsprechend ausgestattete Hemden, die den Schweißgeruch unterbinden, vertreibt "eterna" aus Passau. Um die Geruchspartikel wieder aus dem Textil herauszulösen, genügt es, sie zu waschen. Durch das Wasser werden die eingelagerten Stoffe verdrängt. Der Zusatz von Waschmittel beschleunigt diesen Vorgang.

Teddy mit Duft

Genauso wie die zyklischen Zucker in der Lage sind, Substanzen aufzunehmen, können sie auch Aromen oder medizinische Wirkstoffe freisetzen. Diese Eigenschaft nutzt beispielsweise BärenWelt, wo man den Mohairstoff der Teddybären mit Cyclodextrinen veredeln läßt und mit verschiedenen Parfums besprüht. Kommt das Fell dann in Berührung mit der Feuchtigkeit der Haut, wird der eingelagerte Duft wieder abgegeben.

Während sich auf dem Markt solche Funktionstextilien langsam etablieren, beschäftigen sich Wissenschaftler am Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West bereits mit der Frage, wie Cyclodextrine in Zukunft auch für flüssige und feste Substanzen eingesetzt werden können. Da diese Stoffe nicht oder in nur sehr geringem Umfang verdunsten, haften sie beim Beladen nicht nur in den Cyclodextrinen, sondern auf dem gesamten Textil; das heißt, es entstehen Flecken. Eine Lösung könnte so aussehen, daß der Wirkstoff beim Waschen dem letzten Spülgang zugegeben wird. Obwohl sich dadurch das Spektrum der Einsatzmöglichkeit entscheidend erweitern wird, die oft diskutierte, weil schonende Medikamentenabgabe von Textilien über die Haut ins menschliche Gewebe wird es nicht geben. Denn es ist unmöglich, auf diesem Weg eine exakte Dosierung des Wirkstoffes zu erzielen.

Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite T6

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