16. Juni 2007 Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, sagt der französische Filmregisseur Jean Luc Godard, und das trifft auch auf die Entwicklung des technischen Fortschritts zu. Nachdem die großen Messen zu Beginn des Jahres wie die CES in Las Vegas, die 3GSM in Barcelona und die Cebit in Hannover Neuheiten aller Art präsentiert haben, ist nun die Zeit der Konsolidierung angesagt. Alte Rituale wiederholen sich: Innovationen werden einer staunenden Öffentlichkeit direkt aus den Labors und Forschungseinrichtungen präsentiert.
Dann gelangen die ersten Produkte auf den Markt, und die Mäkelei über Kinderkrankheiten setzt ein. Misserfolge neuer Techniken werden hämisch kommentiert - und irgendwann kommt Version 2.0. Für viele Unternehmen ist der Fortschritt unberechenbar und hinterhältig. Was sich auf dem Markt durchsetzt oder nicht, kann niemand vorhersagen. Manchmal scheinen es die Launen der Verbraucher zu sein. Bei anderer Gelegenheit sind es die bösen Journalisten, die schöne Produkte zu Tode schreiben. So entstehen wunderbare kognitive Dissonanzen: Die Produzenten sind am Gewinn interessiert, egal, wie er entsteht, die Journalisten an der Nachricht und die Konsumenten am Nutzen (dem implizit wie explizit versprochenen, aber auch dem Statusgewinn).
Werfen wir einen Blick zurück auf die Cebit vor fünf Jahren. Das vernetzte Haus war eines der großen Themen. Microsoft verkündete eine neue Ära nach dem Personal Computer und sprach von Consumer Electronics Plus. Philips beschwor intelligentes Wohnen ohne Kabel mit denkenden Kühlschränken, selbständigen Waschmaschinen und smarten Wasserkochern: Wir stehen vor einer neuen Epoche, sagte Philips-Chef Gerard Kleisterlee aufgeregt. Von allen diesen schönen Träumen sind wir noch weit entfernt.
Ein Erfolg des eher Unwahrscheinlichen
Die Geschichte der Technik ist voller Überraschungen und Widersprüche. Man müsste schon sehr naiv sein, um mit Voltaire anzunehmen, dass das Bessere der Feind des Guten ist, dass sich also die jeweils vorteilhaftesten Anwendungen automatisch durchsetzen. Neun von zehn Rechnern laufen mit einem Betriebssystem, das notorisch überdimensioniert, kompliziert und fehlerträchtig ist. Und seit 20 Jahren verkündet sein Hersteller, dass mit der nächsten Version alles besser, schneller und sicherer wird. In fast allen Büros arbeitet ein E-Mail-Programm dieses amerikanischen Unternehmens, das schon bei schlichtesten Anforderungen für den Business-Einsatz versagt, etwa bei der Suche nach alten Nachrichten. Kurzum: Leistungsfähigkeit und Güte sind nicht die Parameter, die den Erfolg oder Misserfolg technischer Produkte und Verfahren bestimmen.
Geht es um die Etablierung eines technischen Produkts auf dem Markt, sollte man vielleicht die Perspektive wechseln und nicht von der Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass sich Gutes durchsetzt, sondern von der Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs des Neuen. Man denke nur an Großprojekte wie die friedliche Nutzung der Atomenergie oder die aktuelle Kontroverse um das europäische Satellitenortungssystem Galileo. Komplizierte Faktorenbündel sind hier maßgeblich: angefangen bei der staatlichen Förderung bis hin zur politischen Durchsetzung gegen große Teile der Bevölkerung. Dass beispielsweise seit Anfang der 1990er Jahre in allen westlichen Staaten ein übergreifendes, kompatibles Mobilfunksystem innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde, ist eine geradezu unglaubliche Erfolgsgeschichte der Technik.
Man kann sich heute über Kleinigkeiten wie die hohen Roaming-Gebühren aufregen. Aber das alles schmälert die Leistung der Netzbetreiber nicht, ohne staatliche Subvention ein nahezu flächendeckendes System aufgebaut zu haben, das es erlaubt, unter der gewohnten Rufnummer im nördlichsten Teil Finnlands ebenso wie in Süditalien mit bester Akustik telefonisch erreichbar zu sein. Maßgeblich für diesen Kraftakt war, dass die einzelnen Staaten den Betrieb der Mobilfunknetze privaten Konsortien überließen und bestimmte Auflagen für einen zügigen Netzausbau galten.
Großsysteme sind also ein Dickicht
Schon kleinste Fehlentscheidungen der Politik hätten verheerende Folgen gehabt. Siehe das Negativbeispiel der Versorgung Deutschlands mit dem schnellen DSL-Anschluss. Bis heute müssen ganze Landstriche ohne diese unentbehrliche Infrastruktur auskommen. Wo man nach der Wiedervereinigung teuerste Glasfaser verlegte, funktioniert DSL nicht. Eine Rache der Technik: Der Fortschritt lief geradewegs in die Sackgasse. Und wo vorhanden, kostet heute im Einzugsgebiet des Nahezu-Monopolisten Telekom die simple Aufschaltung von DSL mehr als die Nutzung selbst. Wenn diese Strukturen bei der Wasserversorgung gelten würden, zahlte man 17 Euro im Monat für die Rohre und bekäme das Wasser umsonst. Eine abstruse Situation, regulatorischen Irrwegen der Politik geschuldet. Großsysteme sind also ein Dickicht, und die technischen Imperative tragen vermutlich am wenigsten zur Entscheidung bei, was erfolgreich ist - und was nicht.
Werfen wir weiterhin einen Blick auf die ewigen Ankündigungen: Verheißungen und Versprechungen, die seit Jahr und Tag auf der Agenda der Industrie stehen. Dazu gehört nicht nur das vernetzte Haus, sondern auch das elektronische Buch, Cybersex, die Software im Netz, das Handy als elektronisches Portemonnaie, die Seniorentechnik, die virtuelle Telefon-Rufnummer oder alles rund um E-Learning via PC, Handy oder Internet. Das sind ewige Modethemen. Das E-Learning taucht geradezu reflexhaft als running gag auf, sobald irgendein technisches Produkt zum Alltagsgegenstand geworden ist. Mit ihm will man dann die Lehre ergänzen oder gar abschaffen. Vor 20 Jahren war von einer Revolution des Lernens am PC die Rede, und nun hört man das Ganze beim E-Learning mit dem Mobiltelefon: Führungskräfte lernen mit dem Handy wirbt ein Management-Institut. Die technischen Voraussetzungen sind zwar vorhanden, aber die Realität sperrt sich: Niemand will am Bildschirm lesen oder auf die vertraute Geldbörse zugunsten eines intransparenten Bezahlsystems verzichten.
Universalität, Standardisierung, Begeisterungsfähigkeit
Neue Technik hat es leichter, wenn sie hochgradig innovativ ist und zugleich mit den Faktoren Universalität, Standardisierung und Begeisterungsfähigkeit aufwarten kann. Die SMS auf dem Handy war ein Abfallprodukt des GSM-Mobilfunkstandards. Keiner der damals Beteiligten schenkte ihr Aufmerksamkeit. Anfangs waren SMS sogar kostenlos, etwa im Netz von E-Plus. Aber dann wurde der hohe Nutzwert entdeckt: Jedes Handy empfängt SMS problemlos, auch netzübergreifend und im Ausland, ohne irgendwelche komplizierten Einstellungen. Man kann sie diskret verfassen und lesen, und wenn der Empfänger sein Gerät ausgeschaltet hat, wird sie zuverlässig zugestellt, sobald es wieder im Netz hängt. Als später die Netzbetreiber die teure Multimedia-SMS (MMS) mit Bild und Ton anboten, wurde daraus ein Flop: Hier fehlt die Standardisierung. Jedes einzelne Gerät muss umständlich konfiguriert werden, es gibt viele Handys, die sie gar nicht empfangen - und der Spaß ist richtig teuer.
Ein weiteres Beispiel sind die neuen digitalen Datenträger: Die Audio-CD war universell und standardisiert, das Medium robuster als die analoge Schallplatte, und ihre bessere Klangqualität sofort für jedermann zu hören. Als die Industrie später eine zweite Revolution mit hochauflösenden Musikformaten ankündigte, wurde daraus ebenfalls ein Flop: Die Vorzüge der SACD sind kaum wahrnehmbar, man braucht einen neuen Player und vor allem eine extrem teure Anlage. Inzwischen hatte sich zudem die Audio-CD als Standard etabliert - für die Musikwiedergabe zu Hause und im Auto, für das Kopieren und die Weiterbearbeitung am PC -, so dass niemand für ein Quentchen besseren Klangs gewillt war, seine ganze Musiksammlung umzustellen. Davon einmal abgesehen, dass es bis heute nur wenige Titel gibt. Universalität, Standardisierung und Begeisterungsfähigkeit: das machte auch den Siegeszug der DVD aus, die dem analogen Videorekorder in jeder Hinsicht - Qualität von Bild und Ton, Stabilität der Medien und einfache Bedienung - haushoch überlegen ist. Für die Nachfolger der DVD gilt das übrigens nur begrenzt.
Technik ist zu einem kulturellen Phänomen geworden
Das Beispiel der gescheiterten hochauflösenden Audio-Medien zeigt, dass sich der Markt bisweilen in eine ganz andere Richtung bewegt, als die Protagonisten der Industrie (aber auch die Technikjournalisten) vorhersagen: Irgendwann ist dem Kunden der angepriesene höhere Detailreichtum der Musik egal. Man ist zufrieden mit dem Erreichten und legt keinen Wert auf weitere Verbesserungen, vor allem, wenn damit ein Systemwechsel verbunden ist. Stattdessen rücken neue Anforderungen in den Blick: Musik unterwegs hören mit dem Walkman oder Handy, sie via Internet mit anderen zu tauschen und auf dem PC archivieren. Das alles erlaubt MP3. Zwar verschlechtert MP3 mit seiner Datenreduzierung den Klang. Es erwies sich aber als besonders kompaktes und kopierschutzfreies Format, als neuer Standard für einen durchgängig kompatiblen Austausch von Musik über alle Gerätegrenzen hinweg. MP3 ist mittlerweile 25 Jahre alt. Anfangs wurde die Entwicklung aus dem Fraunhofer-Institut in Erlangen in der Unterhaltungsindustrie ignoriert. Niemand interessierte sich dafür. Erst als Tauschbörsen wie Napster MP3 populär machten, war sein Siegeszug nicht mehr zu stoppen. So ist MP3 ein Beleg dafür, dass es eben nicht immer auf das Besser, Schneller, Höher und Weiter ankommt, sondern auf den sozialen Umgang mit Technik und Inhalten.
Überhaupt wird die soziale Interaktion von Industrie und Entwicklern stets unterschätzt. Es werden nur die technischen Imperative gesehen, aber nicht die Nutzer, die damit umgehen sollen. Dies gilt umso mehr, je größer die beteiligten Unternehmen sind. Während von Weltunternehmen wie Microsoft, IBM oder Hewlett Packard keine Innovationen mehr zu erwarten sind, kommen beispielsweise fast alle Ideen des Web 2.0 von unten: Blogs, die Wikipedia, RSS oder Podcasts seien hier genannt. Auch die Symbol- und Zeichensprache der Technik ist zu erwähnen: Den iPod-Musikspieler von Apple wird man nur als kulturelles Phänomen begreifen können, ebenso die modische Begeisterung für den Hybrid-Antrieb im Auto. Es kommt hier eben nicht darauf an, dass etwas besonders vernünftig, technisch ausgereift oder klug ist, sondern auf seinen Symbolgehalt: Ich fahre umweltschonend mit einem Elektromotor. Die Wege der Technik sind also nicht vorgezeichnet, und an jeder Gabelung entscheiden Märkte, Politik und Emotionen aufs Neue. So bleibt die kuriose Erkenntnis, dass die technische Entwicklung jedenfalls nicht aus einer Logik der technikimmanenten Verbesserung resultiert.
Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite T1
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