
Wenn der Nachwuchs noch klein ist, wollen Eltern ihn am liebsten lückenlos überwachen. Sie wollen wissen, wo er ist, was er macht und wie es ihm geht. Irgendwann aber dreht sich das um: Haben die Eltern das Rentenalter erreicht und steht es mit ihrer Gesundheit nicht mehr zum Besten, sind es die Kinder, die stets über das Wohlbefinden von Mutter und Vater informiert sein wollen.
Eine Armada von Sensoren könnte in Zukunft genau diese Aufgabe übernehmen zumindest dann, wenn es nach den Vorstellungen des Chipherstellers Intel geht. Der Konzern hat kürzlich im kalifornischen Santa Clara rund 70 Forschungsprojekte vorgestellt, mit denen er technische Herausforderungen der Zukunft angehen will, und die „digitale Gesundheitsvorsorge” nimmt dabei großen Raum ein.
Pilotprojekte wurden bereits gestartet
„Technik soll es älteren Menschen künftig erlauben, länger allein zu Hause zu bleiben”, sagt Kenneth Lafond. Der Informatiker aus Seattle hat ein System entwickelt, das detailliert registriert, wann Menschen ihre Medikamente nehmen, wann sie etwas essen, wie häufig sie sich bewegen. Die Senioren müssen sich dazu ein Armband umschnallen, das neben einem Bewegungssensor auch einen sogenannten RFID-Empfänger enthält die Funktechnik wird heute bereits in der Logistik eingesetzt, um Gegenstände zu orten. Löffel, Teller, Zahn- und Haarbürste der älteren Menschen bekommen RFID-Sender verpasst. Ein Computer registriert, wenn danach gegriffen wird und überträgt die Informationen übers Internet zum Sohn oder einem Pflegedienst. Zwanzig Seniorenwohnungen sind in Seattle bereits mit dem System ausgestattet worden, in zwei Monaten rechnet Lafond mit ersten Ergebnissen der Rundum-Überwachung.
„Gesundheit ist der größte bislang weitgehend unerschlossene Markt”, sagt Eric Dishman, der bei Intel die Digital Health Group leitet. Entsprechend groß ist das Interesse des Chipherstellers. In mehr als 1000 Haushalten in 20 verschiedenen Ländern seien in den vergangenen Jahren Pilotprojekte gestartet worden. In die Herstellung von Medizinprodukten will Intel zwar selbst nicht einsteigen, dem Konzern liegt es aber am Herzen, daran lässt Dishman keinen Zweifel, mögliche Anwendungen aufzuzeigen und auf diese Weise neue Einsatzgebiete für die hauseigenen Chips zu schaffen.
Warnung vor drohenden Stürzen
So sollen Sensoren künftig den Gang älterer Menschen überwachen und rechtzeitig vor drohenden Stürzen warnen. Karol O’Donovan hat dazu bereits die Bewegungsmuster von 250 Patienten untersucht, die mit Verletzungen in eine Klinik in Dublin eingeliefert wurden. Anhand detaillierter Bewegungsanalysen der Füße hofft er sichere Geher von denjenigen, die akut sturzgefährdet sind, unterscheiden zu können. „Sobald wir die charakteristischen Muster zuverlässig identifiziert haben, sollen erste Versuche in den Wohnungen der Senioren starten”, sagt O’Donovan.
Auch sein Kollege Bill DeLeeuw setzt auf Beschleunigungssensoren allerdings am Handgelenk. Mit ihrer Hilfe will der Forscher das Zittern (und damit den Krankheitsverlauf) von Parkinson-Patienten überwachen. Gleichzeitig hat er aber auch ein schmuckes silbernes Kästchen entwickelt. Darin verbergen sich verschiedene Tests, mit denen die Patienten einmal in der Woche ihre Fingerfertigkeit, ihr Reaktionsvermögen und die Auswirkungen der fortschreitenden Lähmung auf die Stimmbänder überprüfen können.
So sollen sich Veränderungen der Krankheit schnell erkennen und Medikamente darauf abstimmen lassen nach Übertragung der Daten an den Hausarzt. „Wichtig ist dabei, dass das Gerät nicht wie ein medizinisches Analyse-Instrument aussieht”, sagt DeLeeuw. „Schließlich muss nicht jeder Gast, der das heimische Wohnzimmer betritt, gleich von der Krankheit erfahren.” Mit seinen Probanden ist der Forscher sehr zufrieden. Mehr als 80 Prozent der Patienten, die zuletzt sechs Monate lang das Gerät testeten, hätten es regelmäßig, wie vom Arzt vorgeschrieben, eingesetzt.
„Die Senioren lieben es”
„Dass ältere Menschen solch modernen Techniken zögerlich oder gar ablehnend gegenüberstehen, konnten wir nicht beobachten”, sagt Forschungschef Dishman, „ganz im Gegenteil.” Oft hätten Probanden die Forscher sogar gebeten, nach Abschluss der Versuche die Prototypen behalten zu dürfen. Auch die amerikanische Ruheständlervereinigung American Association of Retired Persons (AARP) ist nach einer Umfrage in den eigenen Reihen überzeugt, dass ältere Menschen zu Hause Hightech-Geräte nutzen wollen und dafür bis zu 50 Dollar im Monat ausgeben würden. Dishman ist sicher: „Die Senioren lieben es, aber auch deren Familien und sogar die Ärzte.”
Selbst wenn diese in Zukunft deutlich weniger Besuch von Patienten bekommen könnten: Forscher aus Jerusalem arbeiten an einem bioelektronischen Chip, der Urin- und Blutuntersuchungen in den eigenen vier Wänden möglich machen soll. Dazu lagern die Ingenieure in einem Siliziumchip Moleküle ein, die empfindlich auf die zu untersuchenden Stoffe reagieren. Kommen beispielsweise Antikörper aus dem Blut mit dem Chip in Kontakt, entstehen chemische Bindungen. Die Ladungsverteilung in den winzigen Transistoren ändert sich, das Ergebnis kann ausgelesen werden.
Nicht immer sind Überwachung, Chips und Sensoren nötig
Bislang kann ein Biochip nur jeweils einen Gesundheitsindikator registrieren, etwa den Prostata-Wert PSA. In Zukunft sollen mehr als 250 verschiedene Sensoren auf einem einzigen Chip Platz finden. Der ließe sich dann, so Intel-Forscher Udi Virobnik, zusammen mit einem Tropfen Blut in ein handliches Lesegerät stecken. Die Ergebnisse würden automatisch in die Arztpraxis übertragen.
Doch nicht immer sind Überwachung, Chips und Sensoren wirklich nötig: Die Psychologin Margaret Morris hat in Santa Clara ein System vorgestellt, das frühe Anzeichen von Stress erkennen soll. Ein Sensor auf der Brust soll dazu eines Tages die Anspannung messen und die Daten auf ein Mobiltelefon übertragen. Bei Stressgefahr meldet sich das Handy automatisch und zeigt auf seinem Display Tipps zur Entspannung. Zusätzlich kann der Benutzer über den berührungsempfindlichen Bildschirm des Telefons Angaben über seine Stimmung, seinen Schlaf und seine Belastung machen. „Eigentlich darf man das gar nicht laut sagen”, meint die Intel-Forscherin, „aber allein schon die Beschäftigung mit ihrem Wohlbefinden hat sich ganz ohne Sensoren bei unseren Probanden sehr positiv auf die emotionale und körperliche Gesundheit ausgewirkt.”
F.A.Z.
Alexander Stirn