Von Gerd Gregor Feth
18. August 2005 Die wichtigsten Nachrichten kommen immer gegen Ende eines Interkontinentalflugs: "Wir werden in 15 Minuten pünktlich in New York JFK International landen. Es ist dort jetzt genau 12.10 Uhr Ortszeit", schallt die Stimme der Stewardess aus dem Bordlautsprecher. Spätestens jetzt werden die Armbanduhren abgeschnallt und wird nach gut acht Stunden Flug die dort meist noch angezeigte mitteleuropäische Zeit (MEZ) 18.10 Uhr um sechs Stunden zurückgestellt. Denn in New York herrscht nun mal Eastern Standard Time (EST).
Schon immer gilt: Reist man westwärts, wird einem der Tag länger, denn die Uhr muß stets zurückgestellt werden, nach Osten wird der Tag kürzer, denn am Ziel muß die Zeit vorgestellt werden. Das ergibt sich daraus, daß sich die Erde drehend um die Sonne bewegt. Um diesen eigentlich kontinuierlichen Prozeß mit seinen fast unendlich vielen Ortszeiten zu vereinheitlichen, haben sich im Oktober 1884 Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler auf der Meridiankonferenz in Washington zusammengefunden und die Welt durch eine einfache Rechnung in Zeitzonen eingeteilt: Die 360 Grad der Erdkugel werden durch 24 Stunden geteilt, und so ergibt sich, daß jeweils 15 Längengrade vom Nordpol zum Südpol eine Zone bilden, die praktischerweise stets um eine Stunde voneinander abweicht. Damit konnten erstmals für den Eisenbahn- und Schiffsverkehr sehr viel einfacher allgemeingültige Fahrpläne erstellt werden.
Heute muß der Reisende eigentlich nur wissen, in welcher dieser 24 Zeitzonen er ankommt und welche Stunde dort gerade schlägt. Anders als unser Körper haben die Uhren mit solchen Zeitunterschieden kein Problem. Sie ticken einfach weiter. Nur wer die neue Zeit auf seiner Uhr einstellt, verliert recht schnell die alte. Und selbst für einen erfahrenen Globetrotter ist das nicht von Vorteil, denn die Physiologie seines Körpers wird sich noch einige Tage nach der Heimatzeit richten, bis sie sich auf den neuen Rhythmus eingestellt hat. Spätestens dann ruft man zur Unzeit im Büro oder bei seinen Lieben daheim an, wenn einem nicht die Zeitzonen mit ihren 24 Segmenten vor Augen stehen.
Zwei Zeitzonen auf einen Blick
Um beide Zeiten auf einer Armbanduhr stets im Blick zu haben, konstruierten Uhrmacher eine recht praktische Lösung: Sie gaben dem Zeitmesser einen zweiten, möglichst andersfarbigen Stundenzeiger, der separat gestellt werden kann. Als erster soll darauf Rolex-Gründer Hans Wilsdorf 1953 gekommen sein, der damals für Piloten der amerikanischen Fluglinie PanAm eine spezielle Uhr entwarf. Sie sollte neben der normalen Zeit auch noch die Greenwich Mean Time (GMT) - die Londoner Zeit - anzeigen, nach der sich der gesamte internationale Flugverkehr richtet. Anders als in englischsprachigen Staaten ist der GMT-Tag nicht in Vormittag "a.m." und Nachmittag "p.m." geteilt. Weil dieses Zeitformat 24 Stunden hat, bewegt sich der rote, zweite Stundenzeiger auf dem immer noch sehr beliebten Rolex-Modell GMT Master II nur halb so schnell wie sein Bruder um das Zifferblatt und zeigt auf den 24-Stunden-Ring auf der Lünette. Damit beantwortet diese Rolex-Uhr sehr einfach die Frage eines Weltreisenden, ob es zu Hause nun elf Uhr vormittags oder vielleicht doch elf Uhr nachts ist. Und wer nicht Pilot ist und auch nicht in Großbritannien, Irland oder Portugal wohnt, wo GMT Normalzeit ist, kann sich von dem roten Zeiger so ziemlich jede andere Zonenzeit anzeigen lassen.
GMT und UTC
Es gibt mittlerweile kaum einen namhaften Uhrenhersteller, der nicht mindestens ein Modell in seinem Programm hat, das diese nützliche Komplikation anbietet. Die sogenannten GMT- oder UTC-Modelle sind Legion: Arnold & Son GMT II, Audemars Piguet Royal Oak Dual Time, Blancpain GMT Le Brassus, Breitling Navitimer Montbrillant Datora, Breguet GMT-Wecker, Cartier Tank Cintre, Chopard L.U.C. GMT, Chronoswiss Tora, Fortis 24h, Girard-Perregaux Traveler II, IWC Spitfire UTC, Jaeger-LeCoultre Reverso Duoface und Master Hometime, Maurice Lacroix Reveil Globe, Ulysse Nardin GMT und Michelangelo UTC, Omega De Ville GMT, Oris XXL Worldtimer, Officine Panerai Luminor GMT, Patek Philippe Travel Time, Sinn Frankfurter Weltzeituhr, Vacheron Constantin Malte Regulateur Dual Time.
Mit einem Dreh zur richtigen Zeit
Um zu erfahren, wo welche Zeit herrscht, konsultiert man eine sogenannte Zeitzonenkarte. Die teilt die Welt vom Nordpol bis zum Südpol im Abstand von 15 Bogengeraden in 24 Streifen ein und gibt dafür die jeweilige Zeitkorrektur an. Wer diese Karte nicht ständig mit sich führen will, für den hatte der Genfer Uhrmacher Louis Cottier bereits 1935 einen neuartigen Mechanismus entwickelt, der erstmals die jeweiligen Zonenzeiten mit eingravierten bekannten Städtenamen bezeichnete. Dazu dreht sich ein 24-Stunden-Ring entgegen dem Uhrzeigersinn, so daß man die momentane Zeit unterhalb der jeweiligen Stadt ablesen kann. Patek Philippe hat Cottiers Konstruktion als erster 1937 in einer rechteckigen Weltzeituhr als Referenz 515 herausgebracht. Mehr Freunde fanden erst viele Jahre später die Patek-Philippe-Referenzen 96 HU, 1415 HU und 1416 - "HU" steht für "Heure universelle". Man entwickelte die erste Armbanduhr mit Weltzeitindikation fort und komplettierte sie mit einem drehbaren Städtering, der gestattet, die zweite Zeitzone der besseren Ablesbarkeit wegen unter die 12 zu positionieren; das aktuelle Weltzeituhren-Modell von Patek Philippe ist die Referenz 5110, die das Umstellen der Zeitzonen auf Knopfdruck gestattet und den Sekunden- und Minutentakt nicht beeinflußt; der 24-Stunden-Ring hat eine helle und eine dunkle Hälfte, so daß auf einen Blick zu erkennen ist, ob es in der Fremde Vor- oder Nachmittag ist.
Jaeger-LeCoultre bringt mit der 1996 vorgestellten Master Geographic eine ähnliche Konstruktion mit Städtenamen heraus, die mit einer Krone bei der 10 ausgewählt werden. Die zweite Zeit erscheint auf einem kleinen Zwölf-Stunden-Zifferblatt bei der 6, wo eine kleine Tag/Nacht-Anzeige integriert ist. Vor kurzem bereicherte Girard-Perregaux diese Chronometerfamilie mit einem Weltzeit-Chronographen vom Typ ww.tc, der dem System von Patek Philippe nicht unähnlich ist.
Uhrzeit auf Hilfszifferblatt
Die neueste Errungenschaft steuert A. Lange & Söhne aus Glashütte mit der Lange 1 Zeitzone bei. Auf einem drehbaren Städtering wird die jeweilige Zone ausgewählt, deren Zeit dann auf einem kleinen Hilfszifferblatt bei der 5 dargestellt wird. Mit etwas Übung kann diese Zeigerstellung auf das große Zifferblatt mechanisch übertragen werden, ohne daß die Genauigkeit in der Minuten- und Sekundenanzeige verlorengeht. Ein besonderer Clou ist, daß sich auch das Großdatum entsprechend verändert, wenn die Zonenzeit noch den Tag davor oder bereits den nächsten betrifft. Auf dem kleinen Blatt stehen dann die Zeiger so, wie sie vorher auf dem großen waren. Lange hat für beide Zeitanzeigen eine Tag- und eine Nachtindikation, weil beide Zifferblätter nur bis 12 reichen.
Auf der Lange-Uhr wird als einziger Weltzeituhr dieser Klasse die mitteleuropäische Zeit mit der deutschen Hauptstadt Berlin angegeben. Auch jenseits aller Nationalismen kann Berlin eher als Paris - wie auf Schweizer Uhren - für MEZ stehen, weil die Stadt deutlich näher am MEZ-Meridian liegt. Er verläuft sehr weit östlich, ungefähr auf der Grenze zu Polen, so daß es mit Görlitz nur eine größere deutsche Stadt gibt, deren Ortszeit in etwa auch der MEZ entspricht. Berlin ist nur um 6:20 Minuten hinter dieser Zeit, Paris aber satte 50:40 Minuten.
Greenwich und der Meridian Null
London ist wohl die einzige Weltmetropole, deren geographische Ortszeit auch die der entsprechenden Zeitzone ist. Denn der Meridian Null verläuft durch den Londoner Vorort Greenwich. Dort steht seit 1675 die militärische Sternwarte, von der die Schiffe Ihrer Majestät ihre Normalzeit beziehen. Daß gerade dort Anfang und Ende des Weltzeitsystems ist, war 1884 in Washington einer diplomatischen Meisterleistung der Engländer zu verdanken. Die Datumsgrenze verläuft auf der anderen Seite der Erde - 180 Bogengrade weiter östlich oder westlich - östlich von Neuseeland, wo es bis heute eine nur geringe Population auf den Inseln im Pazifik gibt. Diese Linie hat natürlich zur Folge, daß zwischen der östlichsten Spitze Sibiriens und Alaska ein voller Tag Zeitunterschied herrscht. Das fiel nicht besonders auf. Dort durften sich die Menschen ohnehin nichts zu sagen haben.
Dem Diktat der Washingtoner Konferenz vor 121 Jahren wollten sich natürlich nicht alle Staaten beugen: Beispielsweise bestanden die Inder auf dem ungeraden Zeitunterschied von plus fünfeinhalb Stunden zu GMT, das benachbarte Nepal verlangte dann sogar fünfdreiviertel Stunden. Diese "krummen" Zeiten lassen sich bis heute auf den meisten mechanischen Weltzeituhren als zweite Zeit nicht darstellen. Das riesige China wollte mit der Kulturrevolution auch die Zeit vereinheitlichen, und so herrscht jetzt im ganzen Land die China Coast Time (CCT) mit plus acht Stunden vor GMT, so daß China Time (plus sieben Stunden) nicht in China, aber beispielsweise in Thailand gültig ist.
Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite T1