Hästens-Bett

Schlafen wie Gott in Schweden

Der schwedische Hersteller Hästens hat zwei Jahre lang für das perfekte Bett gezimmert, gezupft, genäht. Das "beste Bett" der Welt kostet so viel wie ein gutes Auto. Peter Ruch berichtet

Von Peter Ruch

Seinen Preis sieht man dem Bett nicht an. Wer nur 510 Euro hat, geht zu Ikea

Seinen Preis sieht man dem Bett nicht an. Wer nur 510 Euro hat, geht zu Ikea

05. September 2008 Dieser Artikel könnte beginnen mit: „Wie man sich bettet, so liegt man.“ Doch das ist der Titel eines Brecht-Liedes sowie in erster Linie eine Binsenwahrheit, genau wie die Tatsache, dass der Mensch rund ein Drittel seines Lebens im Bett verbringt. Also versuchen wir es lieber mit dem deutschen Dichter Eugen Roth, der wusste: „Natur vollbringt oft wunderbar, was eigentlich nicht möglich war.“

So sieht das auch der 1852 gegründete Bettenhersteller Hästens: Von der Natur, von der Ruhe und Schönheit skandinavischer Wälder lassen sich die Schweden inspirieren, um der Menschheit einen gesunden, tiefen Schlaf zu bescheren. Nur edelste natürliche Materialien werden für die Hästens-Betten verwendet, die von traditionsbewussten Handwerkern liebevoll gefertigt werden. Damit haben sich die Skandinavier einen guten Namen gemacht, in Fünf-Sterne-Hotels und im schwedischen Königshaus gehören sie zu den Hoflieferanten; ein Hästens-Bett gilt als der Rolls-Royce unter den Schlafgelegenheiten und hat auch in den einfacheren Ausführungen den entsprechenden Kaufpreis.

Wer tiefen Schlaf schenken will, muss in Ruhe arbeiten können

Vor zwei Jahren stach die Mannen um Jan Ryde, Besitzer und Geschäftsführer von Hästens, der Hafer. Nichts weniger als das beste Bett der Welt wollten sie bauen; ein hehres Ziel für ein wohl eher kleines Publikum. Doch die Schweden begaben sich dafür nicht ins Labor, glaubten nicht an Wissenschaftler oder gar Schlafforscher, sondern verließen sich auf ihre Fingerspitzen, die Erfahrung, ihr Wissen aus mehreren Generationen Bettenbaukunst, ihr Know-how mit Materialien wie Kiefern- und Eichenholz, handgezupftem Rosshaar, edlem Leinen und blaukarierter Baumwolle. Denn der Schlaf soll ja lang sein und ungestört; angenehm frisch, kühl und trocken will der Mensch liegen, nicht von Quietschgeräuschen der Federn oder einem Knarzen unsauber verarbeiteter Nähte gestört sein. Also war es einfach das Beste vom Besten, was die Handwerksmeister in Köping zusammenfügten.

„Vividus“, lateinisch für „lebendig“, heißt nun das Produkt, ein erstaunlicher Name für eine mehr oder weniger Immobilie, die es nur auf Bestellung und zum Preis von 51.000 Euro gibt. Sie ruht auf einem Rahmen aus Kiefernholz, das nördlich des Polarkreises langsam und ungestört wachsen durfte. Die Seiten werden mit Schwalbenschwanz-Verbindungen zueinandergebracht, keine Nägel, keine Schrauben werden verwendet. Die Füße bestehen aus geöltem Eichenholz: noch so ein Material, mit dem die Schweden seit mehr als 150 Jahren mit guten Erfahrungen hantieren. Wahrscheinlich hält es für die Ewigkeit, doch die Garantie endet schon nach 25 Jahren. Eine Woche braucht ein Hästens-Bettenbauer, um den Vividus-Rahmen zu fertigen. Wer tiefen Schlaf schenken will, muss in Ruhe arbeiten können.

Denn man will ja kein Geräusch hören

Die Rahmeninnenseite wird mit Leinen ausgekleidet. Dann wird das Federkernsystem eingepasst. Von Hand wird jede der zehnfach gewundenen Federn an die richtige Stelle gebracht, mit Leinen umwickelt, mit Garn untereinander verbunden. Denn man will ja kein Geräusch hören, und wenn sich der Partner wälzt in wilden Träumen von der einsamen Insel oder dem Steuerfahnder, soll ja nicht das ganze Bett rollen oder mithüpfen. Gegen wohliges Schnarchen, das den „Vividus“- Benutzer durchaus befallen könnte, wenn er da so schlummert auf dem teuersten Bett der Welt, hat Hästens kein Mittel.

Die achtzehn Zentimeter dicke Federkernmatratze besteht zudem aus einer Mischung aus Pferdeschweifhaar, handgezupft, Baumwolle und Wolle, in viele dünne Lagen geschichtet. Dieses Füllmaterial wird von einem karierten Baumwollgewebe umfasst, das doppelt und natürlich von Hand vernäht wird; keine Naht darf in einer anderen enden. Schließlich gibt es noch eine Auflagematratze, für die wieder handgezupftes Pferdeschweifhaar, Baumwolle und Wolle sorgsam von Hand in Position gelegt werden, und wieder wird die ganze Chose vom karierten Baumwollgewebe gehalten; von Hand und mit geübtem Auge misst der Handwerker ab, wo die Quasten gesetzt werden müssen. Bei Hästens gibt es auch Decken und Kissen und Schabracken (mit oder ohne Eckfalte) und selbstverständlich Bettwäsche; hier wird gern das Muster vom blauen Karo weitergeführt.

Wie lässt sich die Qualität eines Bettes messen?

Dann bringen die Erbauer noch eine Messingplakette mit den genauen Daten des Meisters, des Kunden und der Beschaffenheit des Bettes an, ein letztes Probeliegen eines Spezialisten erfolgt - welch ein wunderbarer Beruf! -, dann wird verpackt und versandt. Sechs Monate dauert es zwischen Bestellung und Ablieferung; die Hauslieferung ist immerhin inbegriffen, und Hästens-Geschäfte (es gibt immerhin acht Stores an den besten Standorten Deutschlands) bieten auch eine Vorverkostung an. Wer hingegen ein anderes Maß als die standardisierten 210 mal 210 Zentimeter (dies bei einer Höhe von doch 71 Zentimeterm) will, der muss sich bei Hästens noch um einen Kostenvoranschlag bemühen.

Ach, dieser Preis! 51.000 Euro werden als Richtwert angegeben. Manch einem Menschen würde die Summe den Schlaf rauben. Oder ihn vor dem Einschlafen noch über Sinnfragen brüten lassen: Ist das vielleicht alles nur Marketing, was Hästens da produziert? Wie lässt sich die Qualität eines Bettes messen? In der Anzahl von Stunden an tiefem Schlaf - oder eben doch in Euro? Wer aber das Wally-Boot und den Bugatti und den Learjet schon hat, der kann im „Vividus“ seine Millionen wie Schäfchen zählen und dann, hoffentlich, schlafen wie Gott in Schweden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Ruch

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