Textilien

Im Labor stürmt es am heftigsten

Von Rüdiger Abele

Hauruck: Hier wird gezogen, bis es kracht.

Hauruck: Hier wird gezogen, bis es kracht.

01. April 2005 Es ist bitter kalt. Minus 25 Grad Celsius zeigt das Thermometer. Nichts wie rein in den Schlafsack. Das geht schnell, und noch schneller ist der Reißverschluß zugezogen und die Kopföffnung bis auf ein kleines Loch zugezurrt. Unverhofft rasch wird es warm um uns herum, und wir denken: Die Nacht kann kommen. Statt dessen kommt Matthias Kimmerle und beugt sich über das Guckloch. "Alles in Ordnung?" fragt er, und wir sind unsicher, ob er nicht eher den Schlafsack meint als den Menschen darin. Denn der Schlafsack ist sein Produkt: Kimmerle ist Produktentwickler bei Vaude. Und so bitter kalt ist es lediglich in der Klimakammer, einem vielleicht 12 Quadratmeter großen Raum im Testlabor des Herstellers im beschaulichen Flecken Obereisenbach unweit vom Bodensee. Hier werden Materialien aller Art auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie beispielsweise zu einem Schlafsack werden. Und in Stichproben wird bei fertiger Ware aus der laufenden Produktion untersucht, ob sie hält, was man dem Kunden verspricht. Durch das Testlabor läuft alles, was bei der Herstellung verwendet wird: der Oberstoff für Jacken beispielsweise genauso wie das Futtermaterial, die Daunen für die Schlafsackfüllung oder ein Zeltgestänge.

Dafür steht ein ganzer Gerätepark zur Verfügung. Etwa der Apparat, um die Scheuerfestigkeit von Stoffen und damit die Lebensdauer zu prüfen: Ein handtellergroßes Stück wird eingespannt, von oben kommt ein Stempel mit Schmirgelpapier in 400er-Körnung. Auf Knopfdruck rotiert er über den Stoff, folgt der unregelmäßigen Gleichmäßigkeit wegen einer LissajousKurve, vielleicht 20000- oder 40000mal, der Stempel reibt und reibt - bis das Textil aufbricht. Bei einem robusten Kunstfasermaterial kann das erst nach Stunden passieren. Einer leichten Baumwolle reißt der Geduldsfaden schneller. Nicht minder zerstörerisch ist die Zugfestigkeitsprüfung. Für stabilere Materialien gibt es bei Vaude eine Sechs-Tonnen-Zugmaschine. "Die nehmen wir für Karabiner und Steigeisen."

Plitschplatsch: steter Tropfen im Labor

Plitschplatsch: steter Tropfen im Labor

"Das Labor dient der Qualitätssicherung und der Produktentwicklung", erklärt er und vermutet, daß kein anderer Hersteller einen ähnlichen Aufwand treibe. In der Tat: Bei Vaude ist man gut ausgestattet. Neben den erwähnten Tests kann die Atmungsaktivität von Textilien untersucht oder ihre Farb- und Waschechtheit überprüft werden. Es wird geprüft, ob imprägnierte Materialien wirklich dicht sind. Ob eine Winterjacke wirklich warm hält. Und Zelte müssen in den Windkanal - nicht, um ihre Aerodynamik zu optimieren, sondern um ihre Stabilität bei hohen Windgeschwindigkeiten unter Beweis zu stellen. Mit bis zu 160 km/h rüttelt der künstliche Sturm am mobilen Heim, zerreißt Stoffwände und zerknickt Gestänge, die dann als nicht tauglich aussortiert werden, damit dergleichen in der rauhen Wirklichkeit nicht passiert.

Der Daunentest ist dagegen leise und sanft. Eine Unze des flauschigen Naturprodukts füllt Kimmerle in einen Plexiglaszylinder, genau 28,3 Gramm, und beschwert es mit einer Scheibe. Diese sinkt an einer Skala entlang herab und nennt in der angelsächsischen und damit international üblichen Einheit Kubikzoll die "Filling Power", also die Fähigkeit der Daune, unter Druck immer noch ihre Bauschigkeit und damit ihr Wärmevermögen zu erhalten. Gute Schlafsäcke haben Daunen, die zu 650 Kubikzoll in der Lage sind. "Den besten Wert erzielen handverlesene Daunen", weiß Kimmerle, "rund 900 Kubikzoll. Da kostet ein Kilogramm rund 200 Dollar." In einem Expeditionsschlafsack stecken 1,5 Kilogramm davon, hinzu kommen noch teurer Spezialstoff und eine exakte Fertigung - der Preis kann nicht mehr federleicht klingen. Der Schlafsack für den eingangs beschriebenen Rechercheaufenthalt trug Sensofil Extrem in sich, eine Vaude-Eigenentwicklung, die aus verschiedenen Kunstfaserschichten besteht und schon sehr nah an Daune herankommt. Bisher ist die Natur freilich unübertroffen, was die Wärme angeht.

In der Klimakammer wird übrigens auch richtig geschlafen - wenn es um einen wirklichen Praxistest geht. Mancher Expeditionsteilnehmer hat dort schon geschlummert, mit Sensoren um sich herum, die exakt Luftfeuchtigkeit und Temperatur aufzeichnen. Der Bettruhe war das wohl nicht abträglich. Kein Wunder: Wie in manchem Kinderzimmer blinken an der Decke der Klimakammer heimelig schimmernde Sterne. Na denn: gute Nacht.

Text: F.A.Z., 29.03.2005, Nr. 72 / Seite T6
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