Energie

Ölpreisrekord könnte nicht von Dauer sein

Wer Heizöl jetzt nicht unbedingt braucht, sollte abwarten

Wer Heizöl jetzt nicht unbedingt braucht, sollte abwarten

13. September 2007 Nachdem am Dienstag schon die Ankündigung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) über eine eher nur symbolische Erhöhung der Förderquote den Ölpreis zum Börsenschluss in New York auf ein Rekordhoch trieb, hat dieser am Mittwoch erstmals in der Geschichte des Handels die Marke von 80 Dollar für ein Barrel der Richtsorte Light Sweet Crude überschritten.

Befeuert wurde der Höhenflug durch die Veröffentlichung aktueller Daten zu den Erdölvorräten der Vereinigten Staaten kurz vor Beginn des heizungsintensiven Winters. Diese sanken in der Vorwoche stärker als erwartet um 7,1 Millionen Barrel gefallen. Das war weitaus mehr als die 2,7 Millionen Barrel, die die Experten vorausgesagt hatten.

Zudem braut sich im Golf von Mexiko, dem wichtigsten Fördergebiet der Vereinigten Staaten, derzeit ein neuer Tropensturm zusammen, der die Produktion behindern könnte. Auch in London ging die Preiskurve steil nach oben: Ein Barrel der Referenzsorte kostete dort zwischenzeitlich 77,93 Dollar, die Rekordmarke liegt bei 78,60 Dollar.

Im asiatischen Handel ging der Preis indes wieder zurück. Ein Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Oktober kostete 79,61 Dollar. Das waren 30 Cent weniger als zum Handelsschluss am Vortag. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen, die den WTI-Preis am Donnerstag wieder etwas von seinem neuen Rekordhoch zurückgeführt hätten.

Gleichwohl bleibe die Situation an den Ölmärkten fundamental angespannt, sagt Analyst Victor Shum vom Energieberatungsunternehmen Purvin and Gertz. Die laufende Hurrikan-Saison und die nach wie vor hohe Öl-Nachfrage würden die Ölpreise weiterhin hoch halten.

Rohstoff-Analyst Kevin Norrish von Barclays Capital rechnet mit einem andauernd hohen Preisstand. „Mit dem Herannahen des Winters wird das Gleichgewicht des Weltölmarkts auf beunruhigende Weise gestört“. Frédéric Lasserre von der Société Générale erwartet für das vierte Quartal 2007 und das erste Quartal 2008 ein besonders knappes Angebot und eine starke Nachfrage.

„Tropfen auf den heißen Stein“

Die OPEC-Mitgliedsstaaten hatten am Dienstagabend den internationalen Forderungen nach einer Erhöhung der Förderquote nachgegeben. Die derzeitige tägliche Fördermenge werde ab dem 1. November um 500.000 Barrel erhöht, sagte der katarische Energieminister Abdullah bin Hamad el Attijah nach einem Treffen in Wien. Nach Ansicht von Analysten ist dies aber vor allem eine symbolische Geste, die nicht zu sinkenden Preisen führen wird. „Die Erhöhung ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Steve Kelbrick, Leiter der Schweizer Energieberatung SARL. Mittelfristig bestimme vor allem die nach wie vor hohe Ölnachfrage die Lage.

Der Preis für Rohöl zog schon seit Mitte August langsam, aber beharrlich an und nahm Kurs auf den Bereich von 80 Dollar. Der nun stattfindende Aufschwung gleicht in seiner Struktur dem vorausgegangenen, der Ende Mai begann und Ende Juli mit einer phasenweise scharfen Korrektur endete.

In den kommenden Monaten wird es auch darauf ankommen, ob die amerikanischen Raffinerien ihre Kapazitätsauslastung ausweiten werden. Sie schwankt seit geraumer Zeit teils wegen nicht zufriedenstellender Margen, teils aber auch wegen technischer Hindernisse auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.

Steigende Spritpreise

Diese Bewegungen auf den Weltmärkten bekommen die Verbraucher in Deutschland zu spüren. Die Autofahrer müssen sich nun auf steigende Spritpreise einstellen. Nach Berechnungen des ADAC vom Mittwoch kostete der Liter Superbenzin im Durchschnitt 1,367 Euro und damit etwa 0,7 Cent mehr als in der Vorwoche. Diesel wurde um fast einen Cent teurer und kostet 1,179 Euro.

Indes ist der Automobilklub der Ansicht, dass damit das neue Ölpreis-Hoch an den Tankstellen schon eingepreist ist. ADAC-Verkehrsexperte Jürgen Albrecht sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Spritpreise seien schon in den vergangenen Wochen gestiegen, neue drastische Erhöhungen nicht zu befürchten. „Es gibt keinen klaren Trend in Richtung weiter steigender Benzinpreise“, sagte Albrecht.

Benzin statt Heizöl?

Der Preis für Heizöl beträgt derzeit rund 64 Euro je 100 Liter und liegt somit auf einem Jahreshoch, teilte der Erdöl-Informationsdienst in Hamburg mit. Verbraucher, die sich noch nicht für den Winter eingedeckt haben, sollten ihre Tanks jetzt nur teilweise befüllen und warten, bis die Nachfrage saisonbedingt im Januar geringer ist. Dieser Überlegung liegt die Erwartung zugrunde, dass die Rally bei den Ölpreisen in drei bis vier Monaten beendet sein wird. Tatsächlich wird der WTI-Terminkontrakt mit Fälligkeit im Januar derzeit nur zu gut 75 Dollar gehandelt.

Zwischenzeitlich könnte dieser aber noch weiter steigen. Denn sollten die sehr niedrigen Benzinbestände in Amerika, die um mehr als fünf Prozent unter dem Fünf-Jahres-Schnitt liegen, eine verstärkte Produktion dieses Treibstoffs bewirken, ginge das zu Lasten der Erzeugung von Heizöl.

Diese Verknappung von Heizöl zur Wintersaison aber dürfte sich nicht nur auf den Ölpreis auswirken, sondern auch dazu, dass die Vereinigten Staaten in den kommenden Monaten ungewöhnlich große Heizölmengen importieren dürften. Dies würde, wie schon im Frühjahr und Sommer bei Benzin, zu Lasten des Angebots auch in Europa gehen.

Amerika bestimmt den Preis

Bei einem kalten Winter könnte der Ölpreis leicht auf 85 Dollar für ein Barrel steigen, sagte Claudia Kemfert vom Institut für Deutsche Wirtschaft (DIW). Verbraucher müssten für eine 3000-Liter-Lieferung dann rund 180 Euro mehr zahlen. Einen Einbruch der Welt-Wirtschaft befürchte sie aber erst bei einem Ölpreis von 100 Dollar je Barrel.

Ob der Ölpreis indes die Marke von 80 Dollar in absehbarer Zeit deutlich und für längere Zeit überschreiten wird, ist keineswegs ausgemacht. Mark Waggoner vom Rohstoffhändlers Excel Futures sieht bei dem vermutet langsameren Wirtschaftswachstum in Amerika keine Berechtigung für derart hohe Ölpreise. Das Energieministerium allerdings hält den Bedarf derzeit für schwer prognostizierbar.

Auch die OPEC sieht hier ein eher amerikanisches Phänomen. Die weltweiten Lagerbestände hätten ein komfortables Niveau, lediglich auf dem amerikanischen Markt gebe es Engpässe. Die meisten OPEC-Mitglieder, darunter Libyen, Venezuela oder der Iran, sahen daher für
höhere Förderquoten keine Notwendigkeit, sondern vertraten die Ansicht, dass die Industriestaaten angesichts des Wirtschaftswachstums in Europa und Asien mit einem Preisniveau von bis zu 80 Dollar „leben“ könnten. Die Produktionserhöhung kam auf Betreiben des amerikanischen Verbündeten Saudi-Arabien zustande.

Indes glauben Fachleute, dass die OPEC derzeit die Strategie verfolgt, den Ölpreis in einem Band zwischen 50 und 80 Dollar zu halten, so dass sie die Ölförderung weiter erhöhen werde, wenn der Ölpreis darüber steigt. Spätestens dann dürfte dieser wieder korrigieren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: Bloomberg, ddp, FAZ.NET

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