Devisenmarkt

Flucht aus europäischen Währungen

30. September 2008 Waren am Montag die internationalen Börsen sehr nervös, so hat sich diese Stimmung am Dienstag auf den Devisenmarkt übertragen. Denn aufgrund der in den vergangenen Tagen aufgetretenen Turbulenzen bei den europäischen Banken scheint es zu einer wahren Flucht aus europäischen Währungen zu kommen.

Alleine am Dienstag verliert die isländische Krone knapp 6,3 Prozent ihres schon geringen Wertes gegen den Dollar, der neue rumänische Leu gibt 3,45 Prozent nach, die schwedische Krone verliert 2,83 Prozent ihres Wertes, der polnische Zloty gibt 2,6 Prozent und sogar der Euro gibt 2,44 Prozent nach.

Europäische Währungen verbuchen am Dienstag deutliche Kursverluste

Am späten europäischen Nachmittag sind noch 1,4049 Dollar nötig, um einen Euro erwerben zu können. Am Montag waren dafür noch knapp 1,44 Dollar nötig gewesen und vor einer Woche war der Euro sogar noch mehr als 1,47 Dollar wert gewesen. Nun geht es jedoch mit dem Kurs der immer noch überbewerteten europäischen Einheitswährung steil nach unten.

In der sich rasch wandelnden Wahrnehmung der Marktteilnehmer scheint man nach den europäischen Rettungs- und Stützungsmaßnahmen bei der Hypo Real Estate, bei Fortis, bei Dexia, bei den irischen und anderen europäischen Banken inzwischen zur Überzeugung gelangt zu sein, dass die Malaise in den Vereinigten Staaten schon weiter fortgeschritten und „abgearbeitet“ sei, als in Europa.

In diesem Rahmen baut man nicht unbedingt auf eine rasante Erholung in den Vereinigten Staaten, sondern die Furcht und die Flucht vor weiteren Hiobsbotschaften in Europa ist zum bestimmenden Thema geworden. Es fällt zusammen mit dem weiteren Abbau von risikoreichen Positionen, die in den vergangenen Jahren nicht nur beim Euro, sondern auch bei vielen Währungen in Osteuropa sowie in Australien und Neuseeland zu extremen Kursen und ausgeprägten Fehlbewertungen geführt hatten.

Nun bewegen sich die so genannten „Carry Trades“ im Rückwärtsgang. Gering verzinsliche Währungen wie der Dollar, der Yen oder auch der Schweizer Franken werten auf, während überbewerte Währungen auf der Verliererseite stehen. Angesichts der starken Verunsicherung der Anleger, der zu erwartenden Regulierung der Finanzunternehmen und der zu befürchtenden Pleiten im Hedge-Fondsbereich dürfte dieser Korrekturprozess noch weiter laufen können. Gerade amerikanische Anleger, die in den vergangenen Jahren mit umfangreichen Anlagen im Ausland viel Geld verdient hatten, werden geneigt sein, dort Gewinne mitzunehmen und die dringend benötigte Liquidität nach Hause zu transferieren.

Angespannte Lage im Dollar-Geldmarkt

Die Zentralbanken stellen den kommerziellen Banken zwar Liquidität in beinahe unbegrenzter Menge zur Verfügung. Aufgrund des andauernden Misstrauens untereinander gelangt sie allerdings nicht in den Markt. Das zeigt sich am so genannten Libor-OIS-Spread. Die Differenz zwischen dem Interbankenzins und den Overnight Index Swaps deutet starke Verspannungen im Geldmarkt an, wenn sie sehr groß ist. In den vergangenen Tagen erreichte sie zumindest im Dollarbereich extreme Werte. Die Nachfrage nach Dollarliquidität scheint sehr groß zu sein.

Nachdem in den vergangenen Jahren alle Welt damit gerechnet hatte, dass der Dollar weiter abwerten werden, lag es nahe, sich in der amerikanischen Währung zu verschulden. Denn erstens waren die Zinsen im internationalen Vergleich ähnlich tief wie in der Schweiz oder in Japan. Zweitens konnten Dollarschuldner die längste Zeit damit rechnen, dass ihre Schulden aufgrund der Dollarabwertung abnehmen würden.

Nun können sie nicht mehr länger darauf bauen. Aus diesem Grund können sie sich gezwungen sehen, ihre Dollarpositionen zu schließen oder abzusichern. Genau das kann die amerikanische Währung zusammen mit dem weit verbreiteten Vertrauen in die Vereinigten Staaten, Krisen radikal und schnell zu bereinigen, weiter tragen als vielfach erwartet wird.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: BNP Paribas, FAZ.NET

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