Von Gerald Hosp
08. Juli 2008 Die russische Zentralbank drückt nicht aufs Tempo: Zwar ist es ein erklärtes Ziel der Währungshüter, die Geldpolitik zu verändern. Über die Manipulation kurzfristiger Zinssätze soll ein im Voraus bestimmtes Inflationsniveau (Inflation targeting) angestrebt werden. Der Übergang zu diesem Mechanismus benötige aber einige Zeit, sagen Vertreter der Zentralbank und des russischen Finanzministeriums nimmermüde.
Damit wollen die Behörden unter anderem auch denjenigen Marktteilnehmern ein Signal senden, die derzeit auf eine Aufwertung des Rubels setzen. Denn ein Übergang zum Inflation targeting würde auch bedeuten, dass der Wechselkurs der russischen Währung völlig freigegeben werden müsste.
Derzeit verfolgt die russische Zentralbank eine als Managed Floating bezeichnete Politik, bei welcher der Außenwert des Rubels gegenüber einem Währungskorb in einem vordefinierten Band gehalten wird. Der Währungskorb besteht zu 55 Prozent aus Dollar und zu 45 Prozent aus Euro. Durch dieses System sollte die russische Wirtschaft vor allzu abrupten Wechselkursschwankungen geschützt werden.
Hohe Inflation im Land
Eine völlige Freigabe des Rubels würde aber höchstwahrscheinlich eine Aufwertung der russischen Währung bedeuten. Wenn jedoch der Mechanismus des Inflation targeting hinausgezögert wird, bleibt der Zentralbank ebenfalls nur die Aufwertung des Rubels als vornehmlichste Methode, um die Inflation zu bekämpfen. Analytiker zitieren die Faustregel, dass eine Aufwertung des Rubels gegenüber dem Währungskorb um 1 Prozent eine Senkung der Inflation um zwischen 0,2 und 0,3 Prozentpunkte bringen könne.
In den vergangenen zwölf Monaten ist die Teuerungsrate auf rund 15 Prozent gestiegen, die offizielle Prognose für das Jahr 2008 beträgt immer noch 10,5 Prozent. Die russische Zentralbank greift jedoch selten zu diesem Instrument, weil dadurch die russischen Exporteure geschädigt werden könnten. Da reichlich Gelder nach Russland fließen, sind Interventionen am Währungsmarkt aber vonnöten, die zu inflationären Tendenzen führen könnten.
Devisenschwemme durch Rohstoffe
Zwar ist der Leistungsbilanzüberschuss im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal auf 31,7 Milliarden Dollar zurückgegangen, mit einem Überschuss von 69,4 Milliarden Dollar im Jahr 2008 wurde aber bereits in der Jahreshälfte beinahe der Gesamtwert des vergangenen Jahres, 76,2 Milliarden Dollar, erreicht.
Für die Devisenschwemme sind in großem Maße die gestiegenen Erdölpreise verantwortlich, im Juni ist aber auch der Nettokapitalzufluss gestiegen: Vom Nettozufluss von 12,3 Milliarden Dollar in der ersten Jahreshälfte 2008 flossen etwas weniger als 10 Milliarden Dollar im vergangenen Monat ins Land. Laut Analytikern sind die Zuflüsse auch Ausdruck für die gestiegenen Erwartungen mancher Anleger in eine Aufwertung des Rubels.
Rubel-Aufwertung bisher zu gering
Die Zentralbank hatte schon im Mai auf die Situation reagiert und eine Aufwertung des Rubels gegenüber dem Währungskorb um 0,4 Prozent zugelassen. Bankökonomen hatten diesen Schritt jedoch als zu klein bezeichnet, um wirksam zu sein. Die russischen Währungshüter sind sich bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten Anleger anlocken, die auf Währungsbewegungen spekulieren. Deshalb hatten sie auch im Mai angekündigt, täglich am Devisenmarkt zu intervenieren, um den Wechselkurs des Rubels unberechenbarer zu machen.
Dadurch soll der Übergang zum Inflation targeting erleichtert werden, weil Anleger durch die erhöhte Volatilität abgeschreckt werden sollten. Die Zentralbank hatte zudem in diesem Jahr schon zum dritten Mal an der Zinsschraube gedreht. Unter anderem erhöhte sich der Ein-Tages-Repo-Satz, zu dem die Geschäftsbanken Liquidität erhalten, auf 6,75 Prozent und der Hauptrefinanzierungssatz von 10,75 Prozent. Außerdem wurden Mindestreservevorschriften angepasst.
Zinspolitik verdient noch nicht den Namen
Im Kampf gegen die Inflation erscheinen diese Maßnahmen aber noch als wenig wirksam, weil damit die Investitionsentscheidungen der Unternehmen nicht betroffen wurden. Die Teuerungsrate liegt über den Zinssätzen. Bis zu einer Zinspolitik, die ihren Namen auch verdient, bedarf es wohl einiger Zeit.
Für Analytiker der Investmentbank Renaissance Capital ist das Setzen internationaler Anleger auf eine Aufwertung des Rubels derzeit ohnehin keine erfolgreiche Strategie. Aufgrund eines normalen Entwicklungspfades würde sich der Leistungsbilanzüberschuss in ein Defizit wandeln. Dadurch würde wohl der Aufwertungsdruck verschwinden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.