Rasant steigende Nahrungsmittelpreise

Die teuren Früchte der Globalisierung

Von Winand von Petersdorff

20. April 2008 McDonald's wird dieses Jahr das tausendste Schnellrestaurant in China eröffnen, die Kentucky- Fried-Chicken-Gruppe hat dort schon knapp 2500 Gaststätten. Die amerikanischen Fastfood-Spezialisten kalkulieren, dass sich 500 Millionen Chinesen wenigstens gelegentlich einen Besuch in ihren Niederlassungen leisten können - und wollen. Immer wenn Kentucky Fried Chicken in China eröffnet - und das passiert dort jeden Tag -, müssen acht bis zehn private Schutzleute für Ordnung sorgen, um den Ansturm zu bewältigen.

Warum essen die Chinesen plötzlich so gerne Hühnchen und Hamburger? Die Antwort ist einfach: Es geht ihnen besser. Sie haben mehr Geld als früher, sonst wären die Fastfood-Giganten nicht in ihrem Land. Steigender Wohlstand verändert die Essgewohnheiten. Sonst würden die Chinesen nicht die neuen Gaststätten stürmen. Die Armen der Welt werden weniger, und der Wohlstand der Nationen wächst. Doch seit mehr als zwei Wochen gibt es Hungeralarm. Wie passt das zusammen?

„Hunderttausende werden wieder an Hunger sterben“, fürchtet der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Er hält die Krise für mindestens so schlimm wie die Turbulenzen an den Finanzmärkten. Die Bilder der Ausgemergelten, die jetzt um die Welt gehen, scheinen alle Gegner offener Märkte zu bestätigen. „Die Globalisierung zeigt ihre hässliche Fratze“, tönt Attac triumphierend.

Erfolge im Kampf gegen Hunger führen zu Hunger

Aber in Wirklichkeit ist alles mal wieder ein bisschen komplizierter. Es sind gerade die langfristigen Erfolge der Globalisierung in weiten Teilen Asiens, die eine kurzfristige Hungerkrise in anderen Teilen Asiens und Afrikas zur Folge haben. Die gestiegenen Ansprüche der vielen ehemals Armen verteuern weltweit die Nahrung zum Schaden für die immer noch Armen.

1990 verzehrte der durchschnittliche chinesische Stadtbewohner 131 Kilogramm Getreide, in diesem Fall vor allem Reis. 2006 isst der Stadtchinese nur noch 76 Kilogramm Getreide, dafür aber hat er seinen Konsum an Hähnchenfleisch verdreifacht, trinkt viermal so viel Milch und verzehrt deutlich mehr Meeresfrüchte und Gemüse. Ähnlich sieht es in Indien, Brasilien und selbst Nigeria aus. Zusammengenommen leben dort 2,8 Milliarden Menschen. Und diese Menschen wollen mit steigendem Wohlstand anders essen als früher: vor allem mehr und besser. Sie verfügen über eine Nachfragemacht, welche die globale Versorgungslage dramatisch verändert. Selbst Länder, deren Wohlstand noch weit hinter China und Indien zurückliegt, holen nach 30 Jahren Stagnation auf.

Die Produktion steigt

Von den 33 am stärksten von Hunger bedrohten Staaten sind in den vergangenen zwei Jahren 22 zwischen 5 und 16 Prozent gewachsen. Dieses Wirtschaftswachstum hat die Nachfrage nach Lebensmitteln beflügelt, sagt Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington.

In den ganz armen Ländern stecken Bürger, die zu etwas Geld gekommen sind, ihren bescheidenen Wohlstand zunächst in Lebensmittel. Sie essen anders als die Bürger in Schwellenländern, nicht unbedingt besser. Aber sie haben heute zwei statt früher nur einer Mahlzeit am Tag. Weil die Menschen mehr essen, bauen die Landwirte mehr an. Tatsächlich steigt in den Entwicklungsländern die Produktion von Gemüse, Obst, Fleisch und Milch. Für die Bauern ist das eine gute Nachricht, verspricht sie doch mehr Einkommen. Aber Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais, Weizen, Hirse, die wichtig sind für das Überleben der ganz Armen, fehlen. Die Berichte sind alarmierend. 2006 war die Getreideernte so niedrig wie lange nicht mehr: Minus 2,4 Prozent bei steigender Nachfrage nach Getreide. Das Angebot schrumpfte wegen Missernte - Dürre in Australien - und weil einfach weniger Getreide angebaut wurde. Die Bauern versprachen sich bessere Ertragschancen mit Gemüse und zunehmend mit Energiepflanzen.

Es ist, als ob die Globalisierung ihre schwächsten Kinder frisst

Warum die Nachfrage nach den Grundnahrungsmitteln wächst, obwohl Chinesen, wie berichtet, deutlich weniger Reis konsumieren, ist auch schnell erklärt: Das Getreidewird verfüttert an Kühe, Schweine und Hühner. All das, was die Wohlhabenderen jetzt essen wollen.

Das hat gravierende Folgen für die Preise. Die Kombination aus Missernten, mehr Kaufkraft und neuen Essgewohnheiten haben die Grundnahrungsmittel extrem verteuert. Für viele Menschen sind sie nicht mehr erschwinglich. Es ist, als ob die Globalisierung ihre schwächsten Kinder frisst.

Vorbild grüne Revolution

Aber der neue Hunger in der Welt ist nicht von ewiger Dauer. Es kommt auf die Bauern an. Sie müssen mehr aus ihren Böden herausholen. Dazu brauchen sie Knowhow und Gewinnaussichten. Steigende Chancen auf Gewinn haben schon jetzt dazu geführt, dass die Weizenernten in diesem Jahr einen neuen Rekord erreichen könnten, wenn die Ähren nicht verdorren oder ertrinken.

Das Vorbild liefert die grüne Revolution, jenes Landwirtschaftswunder, das Milliarden Menschen vor dem Hungertod bewahrte. Von 1970 bis 2004 hatten sich die Ernteerträge insgesamt und auch pro Hektar verdoppelt (die global bewirtschaftete Fläche blieb ungefähr gleich). Die Folge waren niedrige Preise und bessere Einkommen für Bauern vor allem in den Erfolgsländern Indonesien, Indien, Thailand oder China.

Der Anteil der Unterernährten an der Weltbevölkerung sank von 30 Prozent Anfang der 70er Jahre auf 15 Prozent um die Jahrtausendwende. Neue Saatgutsorten, Kunstdünger und ausgefeilte Bewässerungsmethoden beflügelten Reis- und Weizenerträge. Indien, das Land der Hungerleider, wurde zum Nahrungsmittelexporteur ebenso wie Thailand.

Das Ertragspotential ist längst noch nicht ausgeschöpft

Fortschritte in der Agrarwissenschaft allein können diesen Erfolg nicht erklären. Die neuen Reis- und Weizensorten hatten vor allem in großen asiatischen Ländern Erfolg, die eine robuste Infrastruktur vorweisen konnten. „In Asien verbanden Straßen das Land mit den Städten, in Afrika gehen die großen Verkehrswege von Minen zu Häfen. Das ist ein Erbe der Kolonialzeit“, sagt Agrarexperte Braun.

Dazu kommt, dass sich die grüne Revolution auf die Großsorten der globalen Ernährung stürzte: Reis, Weizen und Mais. Doch in armen afrikanischen Ländern südlich der Sahara spielen Ackerfrüchte wie Sorghum (eine Hirseart), Tef oder andere Hirsesorten eine deutlich größere Rolle. Sie haben den entscheidenden Vorteil, dass sie den regionalen Bedingungen angepasst sind und die wichtigsten Nährstoffe haben. Sie sind deshalb die entscheidenden Lebensmittel für viele Millionen Menschen. Sie haben aber den Nachteil, dass sie schlechte Ernten liefern.

Doch niemand hat gesagt, dass es in der Landwirtschaft keinen Fortschritt gibt. Das Ertragspotential ist längst noch nicht ausgeschöpft. Erntet ein norddeutscher Landwirt zehn Tonnen aus einem Hektar Ackerland, kommt sein Kollege in Afrika auf ein bis zwei Tonnen von der gleichen Fläche. Das liegt daran, dass viele Länder die Agrarforschung zurückgefahren haben: Die Züchtung der Sorten ist längst nicht so fortschrittlich wie bei den Großfrüchten. Außerdem streuen afrikanische Landwirte weniger Dünger. Asien setzt pro Hektar 129 Kilogramm Dünger ein, während in Afrika südlich der Sahara nur elf Kilogramm ausgebracht werden.

Vielleicht werden bald Genmais und Genweizen den Hunger lindern

Dünger hat sich parallel zu den Energiepreisen aber in den letzten Jahren dramatisch verteuert. Während steigende Preise die Bauern eigentlich ermutigen müssten, mehr aus ihren Böden herauszuholen, trüben die Kosten für Dünger und Pestizide ihre Kalkulation.

Doch der Weg zurück zu einer Landwirtschaft ohne Dünger und Technologie ist eine Illusion, die nur bioromantische Träumer sich leisten können. Naturbeherrschung durch Technik und Ökonomie sind in der Geschichte verantwortlich für steigenden Wohlstand. So auch jetzt in Asien. Vielleicht werden bald Genmais und Genweizen die Preise drücken und den Hunger lindern? Vielleicht wird es attraktiv, neue und billigere Düngemittel anzubieten? Der Einfallsreichtum der Menschen ist bekanntlich groß.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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