Interview

„Eines Tages knallt es“

13. November 2006 Nach deutlichen Preiszuwächsen in den Jahren 2001 bis in den Mai des laufenden Jahres folgte zwar in den vergangenen Wochen zunächst eine Konsolidierung, aber inzwischen scheint der Goldpreis daraus nach oben ausgebrochen zu sein. Das ist die technische Seite.

Auf der anderen gibt es einige fundamentale Überlegungen, die Anleger zum Kauf von Gold veranlassen könnten. Vermögensverwalter Marc Faber geht im folgenden Interview darauf ein.

Herr Faber, warum glänzt Gold?

Mich hat Gold immer fasziniert, weil Papiergeld, das von Regierungen gedruckt werden kann, im allgemeinen mit der Zeit wertlos wurde. Es gibt nicht viele Dinge, die an Wert gewinnen oder ihren Wert über Tausende von Jahren behalten.

Niemand erwartet ernsthaft eine Hyperinflation wie in den zwanziger Jahren. Ist es kein Anachronismus, heute in Gold zu investieren?

Sie wissen ja nicht, ob wir wieder eine Zeit mit hohen Inflationsraten erleben werden und das Geld an Kaufkraft verliert. In den zwanziger Jahren hat es sich bewährt, Gold zu kaufen.

Fürchten Sie ernsthaft Inflation?

In Europa ist die Gefahr eher gering. Aber in den Vereinigten Staaten ist das Inflationsrisiko ziemlich groß.

Warum?

Wegen der hohen Verschuldung und der zukünftigen Verpflichtungen, für die die Sozialversicherungen aufkommen müssen. Für eine Regierung ist die Versuchung sehr groß, die Probleme zu lösen, indem sie Geld druckt. Das merkt das Volk nicht so schnell. Sie können die Löhne Jahr für Jahr um zehn Prozent erhöhen, aber real fallen sie um drei Prozent, weil die Inflation so hoch ist. Wenn dagegen die Löhne jedes Jahr um drei Prozent gekürzt werden, dann sehen die Menschen das natürlich ganz deutlich.

Wo machen Sie Inflation aus?

Die meisten Leute glauben: Inflation ist, wenn die Preise von Eiern steigen. Aber das Geld kann auch an Kaufkraft verlieren, indem zum Beispiel die Immobilienpreise klettern. Sie sehen heute ein Haus für eine Million Euro. Ein Jahr später kostet es schon 1,1 Millionen. Dann hat ihr Geld zehn Prozent an Kaufkraft eingebüßt: Jetzt können sie das Haus mit einer Million nicht mehr kaufen.

Ist Gold der perfekte Schutz vor Inflation?

Ich sage nicht, daß Gold ideal ist. Vielleicht ist eine Tonne Uran eine bessere Anlage. Aber es ist etwas umständlich, eine Tonne Uran in der Küche zu lagern. Für den einfachen Anleger ist es wahrscheinlich nicht schlecht, ein wenig Gold zu halten.

Und wer reich ist, hält viel Gold?

Wenn sie 100 Millionen haben, in Aktien, Anleihen und Bargeld, da lohnt es sich vielleicht, fünf oder zehn Millionen in Gold zu investieren. Wenn eines Tages der große Knall kommt, haben sie wenigstens noch die fünf oder zehn Millionen.

Warum ist der Goldpreis in den vergangenen Jahren so stark gestiegen?

Das ist kein großes Rätsel. In den Vereinigten Staaten wurde sehr viel Geld gedruckt, die Kreditmenge hat sich stark erweitert. Wenn sich die Geld- und Kreditmenge im Verhältnis zu den bereitgestellten Gütern erhöht, steigen die Preise. Sie könnten auch fragen: Weshalb sind die Immobilienpreise in den Londoner Stadtteilen Mayfair, Belgravia und Chelsea so stark gestiegen? Weil das Angebot beschränkt ist und durch das viele zusätzliche Geld, das kreiert wurde, die Nachfrage zunimmt. So einfach ist es auch mit dem Gold.

Wer sind die Profiteure hoher Inflation, und wer zahlt drauf?

Es wird immer Einkommens- und Reichtumsunterschiede geben. Aber in inflationären Zeiten wächst die Kluft ganz gewaltig. Das einfache Volk leidet unter der Inflation, während die Superreichen, die bereits Vermögenswerte besitzen, von zusätzlicher Liquidität überproportional profitieren. Das war in der Weimarer Republik auch so.

Seit dem Jahr 2001 hat sich der Goldpreis mehr als verdoppelt. Lohnt sich der Kauf jetzt noch?

Gut: Der Goldpreis ist gestiegen. Aber was heißt das? Man könnte auch argumentieren: Der Dollar hat gegenüber dem Gold die Hälfte seines Wertes verloren. Auch der Dow-Jones-Aktienindex hat die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Gold eingebüßt. Der Dow Jones konnte im Jahr 2000 noch 44 Unzen Gold kaufen, jetzt bekommen sie keine 20 Unzen mehr dafür.

Setzt sich der Trend fort?

Alle Vermögenswerte, ob Immobilien, Aktien oder Obligationen, sind großen Preisschwankungen unterworfen - auch Gold. In den siebziger Jahren stieg der Goldpreis von 35 Dollar je Unze auf 195 Dollar Ende 1974. Dann fiel der Goldpreis bis August 1976 auf 103 Dollar, also um knapp 50 Prozent. Danach legte er auf das Achtfache zu, auf mehr als 850 Dollar im Januar 1980.

Was heißt das für die Zukunft?

Es schon denkbar, daß die Korrektur von 730 bis auf 570 Dollar, die wir im Frühsommer erfuhren, noch nicht vollendet ist. Der Preis könnte bis auf 480 Dollar fallen. Aber vielleicht passiert das nicht, weil die amerikanische Notenbank die Zinsen kürzt und Liquidität in das System pumpt, wenn sich die Konjunktur weiter abkühlt.

Wie lange funktioniert dieses Spiel noch?

Vielleicht noch fünf oder zehn Jahre. In Amerika hat das totale Kreditvolumen jetzt 330 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Vielleicht können wir auf 400 oder 500 Prozent gehen. Das ist schon möglich. Aber es wird nicht ewig so weitergehen. Da bin ich mir sicher. Eines Tages kommt der Knall. Je später er kommt, desto massiver wird er.

Wenn ich mich entschließe, in Gold zu investieren, wie mache ich das?

Sie können die Aktien von Goldminen kaufen, Goldzertifikate von Banken oder Gold-ETFs, also börsengehandelte Fonds, die mit Gold hinterlegt sind. Da wird das Gold beispielsweise in einem Tresor der Züricher Kantonalbank gelagert. Oder sie erwerben Goldmünzen und -barren.

Was ist der beste Weg?

Ich empfehle den Anlegern grundsätzlich, physisches Gold zu kaufen.

Warum?

Aus dem einfachen Grund: Sie kaufen Gold, weil sie eine Sicherheit haben wollen für den Fall, daß etwas gründlich schiefgeht in der Welt. In diesem Fall ist es gar nicht sicher, daß sie an ihr Bankkonto herankommen. Deshalb ist das Gold im Schließfach keine schlechte Idee. Am besten ist es in einem Land mit Goldtradition wie der Schweiz, Australien oder Singapur aufgehoben.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 56
Bildmaterial: Bloomberg, FAZ.NET

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