Agrarrohstoffe

Kaum Anzeichen für ein Ende der Zucker-Baisse

Kleiner Snack zwischendurch: Zuckerernte in Nicaragua

Kleiner Snack zwischendurch: Zuckerernte in Nicaragua

29. Mai 2007 Die Nachfrage nach Zucker steigt, nicht zuletzt wegen des Äthanolbooms. So weit ist die Welt noch in Ordnung. Doch der Zuckerpreis steigt nicht etwa, wie man mit Blick auf eine steigende Nachfrage erwarten könnte. Er sinkt seit mehr als einem Jahr. Das hat natürlich seinen Grund: Das Angebot ist zuletzt ungleich stärker gestiegen als die Nachfrage.

Sehr deutlich beschreibt die Marktlage die International Sugar Organization (ISO) in ihrem Mitte Mai veröffentlichten Quartalsausblick. Schon zum Beginn des Erntejahres im Oktober 2006 rechnete die ISO mit einem deutlichen Überschuss auf dem Zuckermarkt. Doch das Ausmaß überraschte selbst die Experten - sie schraubten ihre Schätzung immer weiter nach oben.

„Wenig Hoffnung auf steigende Preise“

Noch im Februar-Bericht hatten sie mit einem Überschuss von 7,2 Millionen Tonnen gerechnet, jetzt sind es schon 9,12 Millionen Tonnen - ein Rekordwert. Im vergangenen Herbst sprachen die meisten Beobachter nur von einem Überschuss von etwa drei Millionen Tonnen.

Die Weltproduktion soll der ISO zufolge bis zum Saisonende auf 162,6 Millionen Tonnen steigen. Den Verbrauch sieht die ISO um 2,4 Prozent wachsen, das liegt nahe am Zehnjahresdurchschnitt von 2,3 Prozent. Trotz dieses Wachstums erreiche der Verbrauch aber nur 153,5 Millionen Tonnen. „Dieser Rekordüberschuss lässt wenig Hoffnung auf steigende Preise“, heißt es in dem Bericht.

Ist der Boden erreicht?

Um die Vorräte nicht weiter steigen zu lassen, müsste die Produktion in der kommenden Saison um fast sechs Millionen Tonnen sinken. Doch dafür sieht die ISO keine Anzeichen: „Die Wahrscheinlichkeit für ein strukturelles Sinken der Weltproduktion unter das Niveau von 2006/07 in den kommenden zwölf Monaten ist gering.“ Auch der Blick in die fernere Zukunft fällt nicht rosig aus: Die übernächste Saison könnte die vierte in Folge mit einem strukturellen Überschuss werden.

„Nach der dritten Überprüfung der Welt-Zucker-Bilanz für 2006/07 erscheinen die Fundamentaldaten sogar noch stärker 'bearish' als im Februar“, heißt es in dem Bericht. Die Frage sei nur, ob der Preis jetzt den Boden erreicht habe oder möglicherweise noch weiter sinken werde.

Zucker entkoppelt sich vom Ölpreis

Historisch tendierten die Weltmarktpreise dazu, die Produktionskosten in Brasilien widerzuspiegeln, schreiben die Experten. Dieses Niveau sei nun fast erreicht. Auf der anderen Seite seien Brasiliens Zuckerberge erst unterwegs zu den Exportterminals. Kommen sie erst einmal auf dem Weltmarkt an, könnte dies den Preis noch weiter drücken.

Die ISO betont, dass der Zuckerpreis 2005 und im ersten Halbjahr 2006 über das Äthanol untrennbar mit dem Rohölpreis verbunden war. Die derzeitige Schwäche des Zuckerpreises trotz der relativ hohen Energiepreise zeige, dass beide entkoppelt seien, so lange auf dem Zuckermarkt ein Überschuss herrsche.

Immer wieder Exzesse auf dem Zuckermarkt

Die jüngste Zuckerhausse erreichte ihren Höhepunkt Anfang vergangenen Jahres bei knapp 20 Cent je Pfund. Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte das Süßungsmittel an der Terminbörse Nybot noch weniger als die Hälfte gekostet. Auf diesem Niveau bewegt sich der Preis inzwischen fast wieder: Seit dem Hoch hat die Notiz mehr als 50 Prozent verloren.

Die Hausse erinnert an frühere Exzesse: 1974/75 schossen die Preise binnen weniger Monate von rund zehn auf etwa 65 Cent empor. 1979/80 begann die Hausse bei etwa acht Cent und endete erst bei 45 Cent. Die Notierungen stürzten in beiden Fällen abrupt ab und sanken unter ihr Ausgangsniveau.

Leichte Belebung in der „Driving Season“

Ende vergangener Woche freilich stieg der Zuckerpreis in New York so stark wie seit sieben Monaten nicht mehr, meldete Bloomberg. Für den im Juli fälligen Kontrakt waren am Freitag 9,42 Cent je Pfund zu zahlen, so viel wie seit Mitte April nicht mehr. Am Dienstag verlor der Future wieder an Wert und notierte im frühen Handel bei 9,28 Cent.

Die Ernte im größten Produzentenland Brasilien könnte sich durch Regen und Stürme verzögern, hieß es am Freitag, außerdem verknappe eine erhöhte Nachfrage aus Russland das Angebot. Dazu kommt wieder ein bisschen Äthanolphantasie: In den Vereinigten Staaten hat jetzt die „Driving Season“ begonnen, in der Benzinverbrauch und damit der Spritpreis erfahrungsgemäß steigt. Das mache die Äthanolproduktion attraktiver, was wiederum die Zuckernachfrage stütze, so die Spekulation.

Der Marktausblick der ISO spricht eine andere Sprache: Die Überschüsse auf dem Zuckermarkt sind massiv, eine Knappheit ist in den kommenden Monaten nicht abzusehen. Viel tiefer sollte der Zuckerpreis wohl nicht mehr fallen, schließlich dürfte der Markt die schlechten Nachrichten inzwischen verdaut haben. Es kann aber noch Monate oder gar Jahre dauern, bis es wieder merklich aufwärts geht.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @bemi
Bildmaterial: AP, Bloomberg

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