Energie & Rohstoffe

Ölpreis: Quo Vadis?

Von Moira Herbst

23. April 2008 Die jüngsten Neuigkeiten vom Börsenparkett sind eigentlich keine: Die Ölpreise stoßen auf neue Höchststände vor. An der New Yorker Rohstoffbörse Nymex markierte die in den Vereinigten Staaten wichtigste Rohölsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Juni am 22. April mit 118,98 Dollar pro Barrel ein neues Allzeithoch, bevor sie mit 118,07 Dollar aus dem Handel ging.

Am 23. April liegt der Barrelpreis im elektronischen Handel mit 118,14 Dollar nur leicht darunter. Im bisherigen Jahresverlauf legte der Ölpreis um 23 Prozent zu; allein im April betrug der Anstieg 16 Prozent.

Preissteigerungen bei Öl heizen die Inflationsraten an

Diese Preissteigerungen an den Terminmärkten treffen Verbraucher hier und jetzt, da sie für Teuerungen auf breiter Front sorgen - von Benzin über Nahrungsmittel bis hin zum Heizöl. In den Vereinigten Staaten stieg der durchschnittliche Preis für eine Gallone (3,79 Liter) unverbleites Normalbenzin am 21. April auf den neuen Höchstwert von 3,50 Dollar. Auch die Preise für Diesel kletterten nach Angaben des amerikanischen Automobilclubs AAA und des Informationsdienstleisters Oil Price Information Service mit 4,20 Dollar je Gallone auf einen neuen Rekordstand

Es verwundert daher nicht, dass die Verbraucher nach einem Schuldigen suchen. Ein Artikel auf BusinessWeek.com, in dem argumentiert wurde, dass es faktisch keine Benzinknappheit gebe, wurde von einem gewissen „Ward“ am 17. April wie folgt kommentiert: „Die Ölmultis sollten verklagt und deren wichtigster Fürsprecher, GWB [George W. Bush], seines Amtes enthoben werden.“ Tatsächlich folgten die Aktienkurse einiger Ölunternehmen am 21. April dem Anstieg der Ölpreise: Hess schloss mit einem Plus von sieben Prozent bei 112,56 Dollar, ExxonMobil stieg um 0,3 Prozent auf 94,26 Dollar und Marathon Oil legte um 0,9 Prozent auf 49,21 Dollar zu.
Analysten sehen hinter dem Ölpreisanstieg jedoch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren - von niedrigen Zinsen über den anhaltenden Wertverlust des Dollars bis hin zur schwächelnden amerikanischen Wirtschaft. Nach ihrer Ansicht ist auf absehbare Zeit nicht mit einer Trendwende zu rechnen

„Diese Preissteigerung geht nicht auf Angebot und Nachfrage zurück“, sagt Joel Fingerman, Vorsitzender der Energieberatungsgesellschaft Oil Analytics. „Dahinter stecken Geldströme. Der Anstieg könnte hier oder erst bei 150 Dollar enden.“

Eine Folge des Dollarverfalls

Mit anderen Worten: Trader treiben den Ölpreis nach oben. In gewisser Hinsicht zeigt sich hier die Schattenseite der von der amerikanischen Notenbank (Fed) zur Rettung der Finanzmärkte im Zuge der Subprime-Hypothekenkrise eingeleiteten Maßnahmen. Seit Oktober hat die Fed die Zinsen kontinuierlich gesenkt, zuletzt am 18. März, und auch am 28. April wird mit einem Zinsschritt nach unten gerechnet. Mit jeder Zinssenkung verliert der Dollar gegenüber anderen Währungen an Wert. Die Trader reagieren, indem sie in andere Rohstoffe investieren, um sich gegen den Dollarverfall abzusichern, wodurch in Dollar gehandelte Rohstoffe (wie Rohöl) teurer werden.

„Solange die Fed ihre Zinssenkungspolitik fortsetzt, werden Trader weiterhin aus dem Dollar in den Euro flüchten und Rohstoffe wie Öl kaufen“, sagt Peter Beutel, Vorsitzender von Cameron Hanover, einem Unternehmen, das sich mit dem Management von Energierisiken befasst. Da hilft es auch nicht, dass Anleger nach wie vor nur zögerlich weiteres Geld in Aktien stecken. „Trader sind [in Öl] gnadenlos long positioniert, da es keine Alternativen gibt“, meint Phil Flynn, Analyst und stellvertretender Vorsitzender des Investmenthauses Alaron Futures & Options. „Sie nutzen Öl und andere Rohstoffe als sichere Häfen.“

Unklar ist, wie weit der Dollar noch sinken kann. Seit 2003 hat der Euro gegenüber dem Dollar kontinuierlich Boden gut gemacht und ist seit Januar 2007 um 24 Prozent gestiegen. Am 21. April kletterte der Euro um 0,4 Prozent auf 1,59 Dollar, nachdem sich die Währungshüter der EZB erneut besorgt um den beschleunigten Preisauftrieb geäußert hatten. Tags darauf überwand der Euro erstmals die Marke von 1,60 Dollar.

Kommt nach der Aufwärtsbewegung die „Mutter aller Korrekturen“?

Nach Ansicht einiger Analysten wird der starke Ölpreisanstieg eine umso stärkere und schmerzlichere Korrektur zur Folge haben. Da die Inflation zu einer Verlangsamung der Verbraucherausgaben führt und sich in einem ohnehin bereits schwachen konjunkturellen Umfeld negativ auf die Branchen - von Fluggesellschaften bis Transportunternehmen - auswirkt, ist es nur logisch, dass die Nachfrage nach Ölprodukten zurückgehen wird.

Es wäre nicht das erste Mal: Nachdem der Irak im Sommer 1990 in Kuwait einmarschierte, stiegen die Rohölpreise in vier Monaten um mehr als das Doppelte auf 32 Dollar pro Barrel. Im darauffolgenden Januar hatten sie jedoch bereits wieder um etwa ein Drittel nachgegeben. Und 1998 notierte Öl unter 11 Dollar je Fass. „Ich glaube nicht, dass die aktuelle Entwicklung nachhaltig sein wird“, sagt Flynn. „Selbst wenn es sich hier um einen langfristigen Haussemarkt [bei Rohöl-Futures] handelt, könnten wir wahrscheinlich so etwas wie die Mutter aller Korrekturen sehen.“

Einige Trader spekulieren indes darauf, dass das niedrige Zinsniveau, der schwache Dollar und die robuste Nachfrage aus Indien und China die Energienachfrage und die Preise auf hohem Niveau halten werden. Fadel Gheit, leitender Energieanalyst beim Investmenthaus Oppenheimer, geht davon aus, dass die Preise weiter steigen werden, solange die amerikanische Regierung den Markteinfluss der Spekulanten nicht beschränkt. Gheit zufolge waren die Vereinigten Staaten bislang „unfähig oder nicht willens“, die Ölmärkte zu regulieren, was sich als bequemer Weg erweist, um das Wachstum Chinas im Zaum zu halten und die Energiesicherung in Amerika zu fördern.
„Die Toleranz hoher Preise hat seinen Grund“, meint Gheit. „Niemand hat den Mut, uns die bittere Medizin hoher Steuern zu verabreichen, weshalb man den Spekulanten auf diesem Markt freie Hand lässt. Der Zug fährt ohne Zugführer.“

Moira Herbst ist Reporterin für BusinessWeek.com in New York.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: ddp, FAZ.NET

 

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