Immer weniger Anbauflächen

Grundnahrungsmittel werden noch teurer

15. Januar 2008 Die Verbraucher von Backwaren, Fleisch, pflanzlichen Ölen, Biotreibstoffen und Baumwolle müssen sich auf weiter steigende Preise einstellen. Bei den Grundprodukten, nämlich Getreide und Ölsaaten, für diese und andere Erzeugnisse ist bis weit ins Jahr 2009 hinein eine sich möglicherweise noch verschärfende Knappheit vorgezeichnet. Dies folgern Fachleute aus Zahlen, die das Landwirtschaftsministerium in Washington (USDA) am Freitag sowohl über die Bedingungen an den amerikanischen Märkten als auch zur Versorgungslage an den Weltmärkten bekanntgegeben hat.

Auch EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel rechnet nach den jüngsten Preissteigerungen bei landwirtschaftlichen Produkten dauerhaft mit Lebensmittelpreisen auf hohem Niveau. Vor Beginn der Grünen Woche in Berlin sagte Fischer Boel der „Passauer Neuen Presse“ (Dienstagausgabe), wegen der weltweit wachsenden Nachfrage und weitgehend unvorhersehbarer Witterungsverhältnisse werde es keine Rückkehr zu niedrigen Preisen geben. Die EU-Kommission habe auf die veränderten Umstände reagiert und eine Anhebung der Milchquoten um zwei Prozent zum 1. April vorgeschlagen. Sie verteidigte diesen Plan gegen Kritik der Bundesregierung. Unveränderte Quoten würden es der EU unmöglich machen, die wachsende Nachfrage und vorteilhafte Preisentwicklung zu nutzen, sagte die EU-Kommissarin.

Spektakulär schlechte Zahlen zum Winterweizen

Die neuen Daten trafen die Märkte unvorbereitet. Daher sind die Preise besonders an den Terminbörsen in Chikago, Kansas City, Minneapolis und New York sogleich sprunghaft und fast durchweg um das höchstzulässige Tagesmaß (limit up) gestiegen, bei Weizen zum Beispiel um mehr als 3 Prozent. Diese Tendenz setzte sich zu Wochenbeginn im elektronischen Handel fort. Die amerikanischen Märkte für Getreide und Ölsaaten gelten als Gradmesser für die Verhältnisse am Weltmarkt. Zum einen sind sie wegen der herausragenden Bedeutung Amerikas als Produzent und Exporteur die größten und damit tendenzbestimmend. Zum anderen bilden sich die Preise im Gegensatz zu den Märkten unter anderem in der Europäischen Union weitgehend unbeeinflusst von staatlichen Subventionen.

Als spektakulär bezeichnen Fachleute die Zahlen, die das USDA zu Weizen vorgelegt hat. Hier stehen die Angaben zur amerikanischen Winterweizenfläche für die Ernte 2008/09 (Juni bis Mai) im Vordergrund, die überwiegend im Südwesten des Landes erzeugt wird. Die Gesamtfläche für Winterweizen, der von Mitte Mai an eingebracht wird, hat nach den Erkenntnissen des Ministeriums gegenüber 2007/08 mit 4 Prozent nur etwa um die Hälfte dessen zugenommen, was allgemein erwartet worden war.

Besonders krass fiel das Ergebnis bei Weizen der Klasse „hard red winter wheat“ aus, der vorwiegend zur Herstellung von Brot verwendet wird und traditionell den größten Anteil an der gesamten amerikanischen Weizenproduktion hat. Hier fällt die Fläche gegenüber 2007/08 um 1 Prozent. Über den tatsächlichen Umfang der neuen Ernte entscheiden nun die Witterungsbedingungen. Als die Saat Ende November in ihre winterliche Ruhephase eintrat, befanden sich nach Angaben des USDA nur 44 Prozent in ausgezeichneter Verfassung. Zwölf Monate zuvor galt dies für 53 Prozent der Ernte 2007/08. Winterweizen macht gewöhnlich zwei Drittel bis drei Viertel der gesamten amerikanischen Weizenernte eines Rechnungsjahres aus.

Zweimal schwere Missernten in Australien

Die im langjährigen Vergleich bereits sehr hohen und nun womöglich weiter steigenden Preise für die einzelnen Weizensorten bieten starke Anreize, die Erzeugung von Sommer- und Hartweizen, die unter anderem in Kuchen beziehungsweise für Spaghetti verwendet werden, nicht nur in Amerika deutlich zu erhöhen. Der Preis für die in Kansas City gehandelte Sorte „hard red winter wheat“ hat sich seit Mitte 2007 in der Spitze immerhin um etwa 130 Prozent verteuert. Doch nach den am Freitag gewonnenen Erkenntnissen sind in Fachkreisen ernste Zweifel daran aufgekommen, ob es gelingen wird, die Weltproduktion 2008/09 (Juli/Juni) selbst unter mittleren Wuchsbedingungen so zu steigern, dass die extrem geringen Vorräte nennenswert aufgebaut werden können.

In diesem Zusammenhang wird unter anderem daran erinnert, dass Australien, der normalerweise drittgrößte Exporteur, aus klimatischen Gründen zuletzt zweimal hintereinander schwere Missernten hinnehmen musste, die um mehr als die Hälfte hinter dem üblichen Potential zurückblieben. Ende 2007/08 wird der Weltbestand auch aus diesem Grund im Verhältnis zum Verbrauch ein in der modernen Geschichte des Weizenmarktes noch nie verzeichnetes Tief erreichen. Der amerikanische Vorrat wird nach Angaben des USDA absolut den niedrigsten Stand seit 60 Jahren erreichen.

Wesentlich höhere Fleischpreise wahrscheinlich

Im Kalenderjahr 2008 dürfte die Weizenfläche nach einer im November vorgelegten Prognose des Internationalen Getreiderats (IGC) weltweit um vier Prozent auf 222 Millionen Hektar erhöht werden. Nicht nur wegen der Flächenschätzung für Amerika vom Freitag gilt die Voraussage des IGC als zweifelhaft. Abgesehen davon, dass die Weizenfläche mit Aussicht auf wenigstens durchschnittliche Erträge nicht beliebig ausgeweitet werden kann, konkurrieren andere Feldfrüchte zu einem beachtlichen Teil mit Weizen um die verfügbare Fläche. Mehr Flächen benötigt vor allem Mais, das wichtigstes Futtergetreide ist und zum zunehmend wichtigen Grundstoff für die Herstellung des als Treibstoffzusatz genutzten Äthanol wird. Auch Ölsaaten wie Sojabohnen werden verstärkt angebaut.

Je höher den Erzeugern der finanzielle Ertrag für das eine Agrarprodukt erscheint, desto mehr werden sie die Fläche zu Lasten weniger verheißungsvoller anderer Saaten steigern. Auf der nördlichen Halbkugel werden die Entscheidungen zu Beginn des Frühjahrs, wenn die Sommerernten angebaut werden, fallen. Unter den heute herrschenden Bedingungen halten Fachleute den ohnehin schon knappen Mais als wichtigstes Produkt für die Vieh- und Geflügelmast für den größten Verlierer des Konkurrenzkampfes. Dies würde wesentlich höhere Preise für Fleisch ankündigen.



Text: gap. / F.A.Z., 15.01.2008, Nr. 12 / Seite 20
Bildmaterial: Michael Kretzer - F.A.Z.

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