Soft Commodities

Unruhen in der Elfenbeinküste treiben Kakaopreis

Proteste in Abidjan treiben derzeit den Kakakopreis

Proteste in Abidjan treiben derzeit den Kakakopreis

17. Januar 2006 Der Kakaopreis gilt als einer der instabilsten Preise auf dem Weltmarkt. Von den historischen Höchstständen bei 4.600 Dollar je Tonne, wie sie 1977 in New York bezahlt wurden, können Anleger heute nur träumen.

Danach herrschte erst einmal Tristesse und Preisverfall bis in die Neunziger. Im Jahr 2002 schien die „Speise der Götter“ wieder ein entsprechendes Preisniveau zu erreichen, doch die vergangenen drei Jahre lösten die Hoffnungen nicht ein.

Charttechnischer Ausbruch

Bei Kakaobohnen ist die Elfenbeinküste führend

Bei Kakaobohnen ist die Elfenbeinküste führend

Erst seit November beginnt sich wieder etwas zu regen. Der bis März 2006 laufende Kontrakt legte am Montag in London bei regem Handel 14 Pfund oder 1,6 Prozent auf 914 Pfund pro Tonne zu. Aktuell steht er bei 922 Pfund abermals höher und nimmt damit Anlauf, das Sechs-Monats-Hoch bei 927 Pfund vom Jahresbeginn zu überbieten. Das Wichtigste an der Entwicklung aber ist, daß der Kakaopreis damit aus einem seit August 2004 anhaltenden Abwärtstrend ausgebrochen ist. Auch an der New Yorker Warenterminbörse zeigt der Trend seit November wieder aufwärts.

Experten waren schon lange der Ansicht, daß der Preisverfall zu Ende gehen müsse. Schließlich seien die Kosten für Dünger, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel, nicht zuletzt aufgrund des hohen Ölpreises steil gestiegen. Die Preise auf dem freien Markt sind inzwischen häufig so hoch, daß viele Farmer von den Händlern auf Kredit kaufen.

Diese Entwicklung ist letztlich nicht neu. Entwicklungstheoretiker beklagen schon lange, daß ein Preisverfall in Entwicklungsländern dazu führe, daß die Produktion ausgeweitet werde und so zu weiterem Preisverfall führe. Indes läßt sich dieser Prozeß nicht beliebig fortsetzen, da sich weder die Produktionseffizienz noch die Anbaufläche beliebig steigern läßt. Sollte diese Grenze erreicht werden, wäre bei anhaltendem Preisverfall eine lange Phase unzureichender Produktion und der Unterversorgung zu erwarten, die ihrerseits deutlich höhere Preise erzwingen würde.

Unsicherheit bezüglich der Gleichgewichtssituation

Auf dieser Basis wäre zu erwarten, daß sich die Preise dann bei einem Gleichgewicht einpendeln, dessen Menge vom Produktionsmaximum und dessen Preis von der Höhe der Nachfrage bestimmt wird.

Ob diese theoretische Situation erreicht ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Die Schätzungen hinsichtlich der Marktsituation gehen stark auseinander. Für die laufende Saison 2005/06, die von Oktober bis September läuft, gehen die einen davon aus, daß ein Produktionsdefizit von 100.000 Tonnen und mehr auflaufen könnte. Andere halten genau das Gegenteil für möglich, namentlich einen Überschuß von mehr als 100.000 Tonnen. In der vergangenen Saison soll es ein Defizit von 50.000 Tonnen gegeben haben.

Qualitätsprüfung bei Kakaobohnen

Qualitätsprüfung bei Kakaobohnen

Entscheidender als die theoretische Gleichgewichtssituation ist indes die politische Lage in den Anbauländern, vor allem im führenden Produzentenland Elfenbeinküste (Cote d'Ivoire).

Unruhen in Abidjan

Dort herrscht seit einem gescheiterten Putsch gegen Präsident Gbagbo im Jahr 2002 Bürgerkrieg. Dieser hat sich zwar noch nicht meßbar auf die Produktion ausgewirkt, aber der Schmuggel blüht bereits. Dies führt zu Unsicherheit über das Angebot und so zur Verunsicherung der Märkte und Preisanstieg.

Derzeit kocht die Situation gerade wieder einmal hoch. Am Sonntag hatte die internationale Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen Präsident Gbagbo empfohlen, das Parlament aufzulösen, das von seinen Anhängern dominiert wird. Die Durchführung von Wahlen im Oktober war daran gescheitert, daß sich Regierung und Rebellen nicht über eine Entwaffnung einig wurden.

Die UN hatte darauf Gbagbos Mandat verlängert und ist auch bereit eine Übergangsregierung zu tolerieren. Doch wie der Präsident der Arbeitsgruppe, Nigerias Außenminister Oluyemi Adeniji erklärte, ergebe es keinen Sinn, „das Mandat einer gewählten Institution wieder zu verlängern“. Seitdem halten in der Hauptstadt Abidjan und anderen Städten Unruhen an, die von Anhängern Gbagos ausgelöst wurden.

Unzuverlässige Nachfragedaten

In dieser Situation sind Preisanstiege die logische Folge, zumal erfahrungsgemäß wenigstens in Nigeria die Kakaofarmer Bohnen eher horten und auf bessere Preise hoffen. Unterstützt wird der Kakaopreis auch dadurch, daß die Trockenheit im Sommer keine besonders gute Ernte ergeben haben kann. Im Nachbarland Ghana lag die offizielle Kakaoproduktion im vergangenen Wirtschaftsjahr mit 585.000 Tonnen um 21 Prozent unter dem Vorjahr. In diesem Jahr soll sie um eher bescheidene 2,5 Prozent steigen.

Der Verbrauch von Kakao wird an den Rohkakaovermahlungen gemessen, also dem Prozeß, in dem die bereits vorbehandelten Kakaobohnen zermahlen werden, um Kakaomasse zu gewinnen. Die Vermahlungszahlen aus Amerika, Westeuropa und Japan, die regelmäßig bekanntgegeben werden, neigen zu extremen Schwankungen und können daher für sich allein kein verläßliches Bild vom Kakaoverbrauch vermitteln. Die ICCO schätzt die Rohkakaovermahlungen in der Saison 2004/05 in der Welt auf 3,298 Millionen Tonnen, verglichen mit 3,203 Millionen Tonnen in der vorausgegangenen Saison.

Langfristig hängt der Kakaopreis an der entwicklungspolitischen Situation in den Produzentenländern. Solange die Farmer darauf angewiesen sind, fallende Preise durch steigenden Mengen auszugleichen und die Staaten auf die Devisen aus dem Export angewiesen sind, solange werden sie nicht in der Lage sein, die preise wirkungsvoll zu beeinflussen.

In den folgenden Monaten des laufenden Jahres, könnte aber eine Hausse des Kakaopreises folgen, sollte die Fehlmenge im Jahr 2005/06 wirklich bei 100.000 Tonnen liegen. Dann stoßen die Marktverhältnisse in Regionen vor, die früher ausgedehntere Anstiege des Preises ausgelöst haben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: Bloomberg, picture-alliance / dpa, REUTERS

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