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Die Rohstoffhausse nähert sich schleichend ihrem Ende

Irgendwann schmilzt auch der Preis: Platin im Induktionsofen

Irgendwann schmilzt auch der Preis: Platin im Induktionsofen

08. September 2006 Die Mär von den ins Unendliche steigenden Preisen für eine Reihe von Rohstoffen ist schwer angeschlagen. Auch wenn vielerorts noch so getan und berichtet wird, als sei die Rohstoffhausse weiter in vollem Gange, zeichnen die entsprechenden Indizes ein anderes Bild.

Der Index des früheren Commodity Research Bureau (CRB) hat jüngst seinen gleitenden Durchschnitt von 200 Tagen eindeutig unterschritten. Nach unten weist neben anderen auch der Goldman Sachs Commodity Index (GSCI Total Return), nachdem er kürzlich seinen gleitenden Durchschnitt von zwölf Monaten durchbrach. In beiden Fällen sind Aufwärtsbewegungen, die bis zum Herbst 2001 reichten, charttechnisch entscheidend verletzt, ja gebrochen.

Eindeutige Baisse-Signale

Aussagekräftig sind die beiden genannten Indizes gegenwärtig besonders wegen ihrer unterschiedlichen Konstruktion. Der CRB-Index ist nicht gewichtet und sehr stark auf die inneramerikanischen Bedingungen fixiert. So enthält er neben international gehandelten Rohstoffen wie Kupfer und Weizen auch Produkte von rein nationaler Bedeutung wie schlachtreife Rinder und Schweine.

Der GSCI ist hingegen gewichtet, wobei der Energie-Komplex prägend ist, zudem ist der Index sehr stark auf Industrierohstoffe wie Metalle ausgerichtet. Zwei sehr unterschiedliche Indizes erteilten also eindeutige Baisse-Signale.

Mehr als eine normale Korrektur

Wenn beide Indizes jetzt klar nach unten weisen, sagt dies aber auch, daß zahlreiche einzelne Rohstoffe schon seit längerer Zeit fallen und daß jüngst nur der Punkt erreicht wurde, an dem die Dynamik nach unten zugenommen hat. Tatsächlich befinden sich viele Industrierohstoffe zum Teil schon seit April unter nachhaltigem Druck. Im Mai kamen die Edelmetalle hinzu, und Mitte Juli, spätestens aber Anfang August, schloß sich der Energie-Komplex an.

Obgleich die Terrainverluste vieler Rohstoffe inzwischen sehr auffällig sind, wird in zahlreichen Marktbetrachtungen der Eindruck erweckt, es handele sich nur um eine ganz normale Korrektur. Viele Medien und Marktteilnehmer nehmen diese Botschaft unreflektiert auf und transportieren sie weiter.

Zyklischer Abschwung in einer langjährigen Hausse?

Eine etwas differenziertere Interpretation dieses Geschehens deutet den Preisverfall als zyklischen Abschwung im Rahmen einer sich später fortsetzenden langjährigen oder „säkularen“ Hausse. Dem kann wenigstens im Augenblick kaum etwas entgegengehalten werden. Wann die Preise wieder steigen, dürfte vor allem der Verlauf des weltweiten Konjunkturzyklus bestimmen. Hierzu heißt es inzwischen fast einhellig, ein vorübergehender Abschwung habe als Folge der restriktiveren Geldpolitik der meisten bedeutenderen Notenbanken bereits eingesetzt. Es wird auch weithin nicht mehr völlig ausgeschlossen, daß der wirtschaftliche Abschwung zumindest in Amerika im kommenden Jahr in eine Rezession ausarten könnte.

In diesem Fall geriete wohl auch die Weltwirtschaft in größere Gefahr, denn ihre starke Lokomotive sind bisher die amerikanischen Importe gewesen. Ohne die gute amerikanische Konjunktur wäre vor allem das Wirtschaftswachstum in China, das in den zurückliegenden fünf Jahren zum führenden Importeur einer Reihe von Rohstoffen wurde, gewiß sehr viel geringer ausgefallen.

„Die beste Kur für hohe Preise sind hohe Preise“

Wenig diskutiert wird hingegen die Frage, in welchem Maße die noch immer vergleichsweise sehr hohen Preise für Rohstoffe den Verbrauch drosseln und die Produktion anregen. Hier gilt die alte Regel der Rohstoffhändler: „Die beste Kur für hohe Preise sind hohe Preise“. Abgesehen davon, daß eine restriktive Geldpolitik aus sich heraus konjunkturdämpfend wirkt und ungehinderten Preissteigerungen an den Rohstoffmärkten entgegensteht, sind einige Produkte, darunter Kupfer oder Nickel, hinreichend teuer geworden, um einen sparsamen Umgang mit ihnen zu erzwingen.

So zählen Miniaturisierung oder Substitution durch andere Erzeugnisse zu den klassischen Folgen hoher Preise. Entscheidende Wendepunkte im Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage können wegen des überwiegend zeitfernen statistischen Datenmaterials aber meist erst sehr viel später belegt werden, als es der Preis für die Rohstoffe selbst vermag. Gleiches gilt für die Produktion von Rohstoffen.

China treibt die Preise

Die jüngste Hausse an den Rohstoffmärkten ist von einer steigenden weltweiten Nachfrage und nur in sehr geringem Maße von spekulativen Käufen getrieben. Insbesondere China hat mit seinem schnell steigenden Bedarf an Metallen zu den Preissprüngen dort beigetragen. Ein Rückgang der Preise für Aluminium, Kupfer und andere Metalle aber ist zu erwarten, sobald zusätzliche Produktionskapazität aufgebaut ist. Das stellt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem neuen Bericht zur Lage der Weltwirtschaft in Aussicht.

„Viele Rohstoffpreise sind dieses Jahr auf Rekordniveau geklettert. Metallpreise beispielsweise sind seit 2002 real um 180 Prozent gestiegen, mehr noch als der Preis für Rohöl, der real um 157 Prozent zugelegt hat“, schreiben die Ökonomen des IWF. Dies sei die Folge einer wachsenden Nachfrage, mit der das Angebot nicht habe Schritt halten können. Der Aluminiumverbrauch sei zwischen 2002 und 2005 jährlich um 7,6 Prozent gestiegen, verglichen mit jährlich 3,8 Prozent in der vorangegangenen Dekade. „Angesichts der langen Investitionszeiträume in der Metallindustrie können die Preise deutlich steigen, wenn die Nachfrage sich unerwartet erhöht.“ China allein hat nach Erkenntnissen des IWF in den vergangenen vier Jahren rund die Hälfte zum Anstieg des weltweiten Verbrauchs der führenden Metalle Aluminium, Kupfer und Stahl beigetragen. Daran werde sich auch so schnell nichts ändern. „Aufgrund seines schnellen Wachstums und der wachsenden Bedeutung für die Weltwirtschaft wird China das Geschehen an den Rohstoffmärkten auch weiterhin bestimmen“, sagt der IWF voraus.

Entgegen der landläufigen Meinung haben Finanzinvestoren nach Einschätzung des IWF kaum zur Hausse an den Metallmärkten beigetragen. Spekulative Anlagen an den Terminmärkten für Rohstoffe hätten zwar in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen; doch hätten die Investoren sowohl Kauf- als auch Verkaufspositionen aufgebaut, was sich mit Blick auf die Preisbewegung ausgleiche. „Es gibt kaum statistische Belege dafür, daß Änderungen in den Netto-Positionierungen der Spekulanten die Preise am Kassamarkt bestimmen“, meinen die IWF-Ökonomen.

Sowohl der Preis für Aluminium als auch jener für Kupfer habe inzwischen ein Niveau erreicht, das langfristig vermutlich nicht gehalten werde. Der Fonds sagt nicht zuletzt aufgrund der zu erwartenden Produktionssteigerungen einen Rückgang der Preise um 35 bis 57 Prozent bis zum Jahr 2010 voraus. „Historisch gesehen, laufen die Metallpreise mittelfristig zusammen mit den Produktionskosten. Die aktuellen Preise liegen deutlich darüber.“ Den Regierungen in den Exportländern von Metallen rät der IWF dazu, die hohen Einnahmen zu nutzen, um das Wachstum außerhalb des Rohstoffsektors zu stärken. (ctg.)

Text: hi., F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 23
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., FAZ.NET, Goldman Sachs, REUTERS

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