Edelmetalle

Spekulationsrally bei Platin ist eine heiße Wette

Platinschmuck: Schauspielerin Eve Scheer präsentiert die 20.000-Dollar-Kollektion “Flying Hearts“

Platinschmuck: Schauspielerin Eve Scheer präsentiert die 20.000-Dollar-Kollektion "Flying Hearts"

21. November 2006 Die Industriemetalle scheinen sich langsam auf eine Baisse vorzubereiten und die Investoren sich anderen Objekten der Begierde zuzuwenden. Eines davon dürfte das Edelmetall Platin zu sein, das am Montag den größten Preissprung seit dem 1. Mai 2000 erlebte, als die Notierung in der Spitze um 7,6 Prozent auf 1.279,50 Dollar je Unze zulegte.

Auch am Dienstag zeigt sich das Metall stark und notiert aktuell sieben Prozent höher bei 1.340 Dollar. Seit Anfang 2002 hat sich der Preis des Metalls auf aktuell 1.337,50 Dollar verdreifacht. Das ist der höchste Stand seit 1910 und preisbereinigt immerhin seit über 26 Jahren (siehe FAZ.NET-Grafiken).

Spekulation auf Fondskäufe und Angebotslücke

Derzeit treiben mehrere Faktoren den Platinkurs. Zum einen waren es Käufe spekulativ orientierter Anleger, die den Preis am Montag auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Monaten trieben. „Am Markt geht das Gerücht um, daß ein neuer börsennotierter Platin-Fonds aufgelegt werden soll“, sagte ein Händler. Wolfgang Wrzesniok-Rossbach vom Hanauer Edelmetall-Spezialisten Heraeus betonte jedoch, die Genehmigung eines so genannten Exchange Traded Fund (ETF) durch die Behörden sei schwierig, weil der Platin-Markt insgesamt ein sehr kleines Volumen habe.

Zum anderen machte ein Bericht des Metallgroßhändler Johnson Matthey der Notierung Beine. Demnach könnten die Produzenten des Edelmetalls im laufenden Jahr die Nachfrage von Seiten der Industrie und der Schmuckhersteller nicht befriedigen. Laut Bericht kommen in diesem Jahr sieben Millionen Unzen des Edelmetalls auf den Weltmarkt. Das sind 5,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Den Bedarf veranschlagt Johnson Matthey dagegen mit 7,02 Millionen Unzen und damit 20.000 Unzen mehr.

Defizit oder schwindendes Defizit?

„Die Fundamentaldaten für Platin sind sehr stark. Der Markt sieht im Johnson-Matthey-Bericht ein positives Signal“, sagte James Moore, Edelmetallanalyst beim Branchendienst TheBullionDesk.com, im Interview mit Bloomberg News. „Fonds erhöhen ihr Engagement, und auch einige Konsumenten aus der Branche kaufen.“

Jon Nadler, Investment-Analyst beim Edelmetallhändler Kitco, sieht die Anleger von der Furcht getrieben, Platin könne unterbewertet sein. Schon in den vergangenen acht Jahren verzeichnete der Platinmarkt ein Defizit, während die Nachfrage in den vergangenen zehn Jahren von Rekordhoch zu Rekordhoch gelaufen sei, sagte Ellen Zadoff von Johnson Matthey zu Dow Jones Market-Watch.

Indes ist das Defizit am Markt in den vergangenen vier Jahren beständig kleiner geworden. 2003 betrug es noch 330.000, 2004 bereits nur noch 50.000 Unzen. Dagegen nehmen sich die für das laufende Jahr geschätzten 20.000 Unzen recht klein aus, zumal es nur die Hälfte des Defizits des Vorjahres ist. Aber offenbar haben die Fundamentaldaten aufgrund der Fokussierung der Anleger auf Industriemetalle bislang eher weniger Beachtung gefunden.

Skeptische Stimmen

Das liegt nicht zuletzt daran, daß die Nachfrage nach Platinschmuck seit 2002 beständig fällt, nicht zuletzt aufgrund des hohen Preises, wie Zadoff sagt. Im Grunde steht der Platinmarkt kurz vor dem Ausgleich, womit Johnson Matthey im kommenden Jahr rechnet. Zwar rechnet man mit einem weiteren Anstieg der Nachfrage aus der Automobilindustrie, doch dies soll nur einen Großteil der höheren Produktion absorbieren.

Im Jahr 2006 schätzt Johnson Matthey diesen Nachfragezuwachs auf 15 Prozent und damit 4,38 Millionen Unzen. Gleichzeitig werde aber die Nachfrage aus der Schmuckindustrie um zehn Prozent auf 1,74 Millionen Unzen fallen.

Und so sind auch andere Experten skeptisch. Die Fähigkeit der südafrikanischen Minen die Produktion zu steigern, sei enorm, meint Julian Phillips, Analyst bei GoldForecaster.com.

Auch Pine Pienaar, Vorstandschef von Mvelaphanda Resources, dem Großaktionär der südafrikanischen Northam Platinum, hält das aktuelle Preisniveau nicht für dauerhaft. Dies sei eher ein Preis von 1.100 Dollar. Zwischen 1.100 und 1.200 Dollar werde sich der Preis in dem kommenden 18 Monaten bewegen.

Platin ist in der Autoindustrie immer noch unersetzlich

Wenn nichts dazwischen kommt - wie eben jener ETF, auf den spekuliert wird. Doch dieser spukt derzeit mehr wie ein Phantom über das Parkett und durch die Computernetze der Rohstoffbörsen. Wie immer, wird auch auf das wesentlich preiswertere, nicht perfekte Substitut Palladium spekuliert.

Tatsächlich sind in der Autoindustrie Bestrebungen zu verzeichnen, Platin durch Palladium zu ersetzen. Aber der Palladiummarkt ist nach dem Bericht von Johnson Matthey von einem großen Überschuß gekennzeichnet. Die Nachfrage werde im laufenden Jahr um sechs Prozent auf 6,85 Millionen Unzen fallen, das Angebot dagegen auf 8,48 Millionen stiegen - ein satter Überschuß von 1,63 Millionen Unzen plus/minus ein paar hunderttausend.

Palladium - Edelmetall ohne edles Image

Dieser Überschuß besteht seit nunmehr fünf Jahren und machte sich auf den Märkten bislang nicht in hohem Ausmaß bemerkbar, weil bereits seit Jahren die Hoffnung besteht, in Diesel-Katalysatoren Platin durch Palladium zu ersetzen. Doch genau das ist bislang noch nicht gelungen, sagt James Moore, Analyst bei der Edelmetallplattform TheBullionDesk.com. Das gelte auch für Brennstoffzellen und LDC-Monitore.

Was bleibt ist die Schmucknachfrage, die aber durch das fehlende Ansehen als Edelmetall erheblich beeinträchtigt wird. Zum Tragen kommt Palladium am ehesten als Weißgold, einer Legierung aus Gold und Silber oder eben Palladium. Aber das reicht nicht aus, um die Nachfrage deutlich anzuschieben.

Spekulationsrally könnte weitere Gewinne bringen - oder auch nicht

Alles in allem ist die neue Platinrally damit als spekulationsgetrieben anzusehen. Das kann man als Anleger natürlich mitmachen - vorausgesetzt man ist schnell und behält die Märkte im Auge. Längerfristig aber müßte den Märkten eher die Luft ausgehen. Andererseits wurde dies im vergangenen Jahr auch bei verschiedenen Industriemetallen vermutet:

Als der Preis für Kupfer im Oktober 2005 bei 4.000 Dollar lag, befürchteten zahlreiche Experten schon eine Korrektur (Bei Kupfer droht eine Korrektur). Doch der Preis mußte sich bis Mai diesen Jahres erst noch mehr als verdoppeln, bevor die Korrektur einsetzte.

Als der Bleipreis im Dezember 2005 bei 1.100 Dollar lag, sahen viele das Ende gekommen (Nach der Blei-Rally ist jetzt Zeit zum Shorten) und fühlten sich durch eine Korrektur zwischen Februar und Juni dieses Jahres bestätigt. Dennoch kletterte der Preis im Oktober noch einmal fast auf 1.800 Dollar.

Vielleicht ist aber der Silberpreis sogar die bessere Analogie. Nachdem im Dezember 2005 Experten vor schwächeren Aussichten für Silber warnten (Aussichten für Silber eingetrübt), stieg der Preis bis Mai noch einmal von 8,23 bis auf 14,78 Dollar. Dann korrigierte er stark, und seitdem prallt die Notierung bislang an der 13-Dollar-Marke ab.

Wer jetzt auf Platin setzt, könnte daher noch beträchtliche Spekulationsgewinne einfahren - doch alles könnte auch ganz anders kommen. Einem nachhaltigen Anstieg fehlt dagegen augenscheinlich die Basis.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: AP, FAZ.NET, Thechartstore.com

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