Von Aaron Pressman
11. Januar 2008 In den ersten sechs Handelstagen des neuen Jahres setzten die Preise zahlreicher Rohstoffe ihren Aufwärtstrend des vergangenen Jahres fort: Rohöl überschritt erstmals die Schwelle von 100 Dollar pro Barrel, Gold näherte sich der Marke von 900 Dollar je Feinunze, Mais erklomm ein 11-Jahres-Hoch und Sojabohnen kletterten auf Preisniveaus wie zuletzt in den siebziger Jahren.
Gestiegen sind allerdings zugleich auch Befürchtungen um die Verfassung der amerikanischen Wirtschaft angesichts der weiter um sich greifenden Subprime-Krise. Die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten erhöhte sich im Dezember 2007 auf fünf Prozent. Volkswirte von Goldman Sachs und Morgan Stanley zeichnen bereits das Bild einer unmittelbar bevorstehenden Rezession.
Manch einer fragt sich nun, wie diese beiden Entwicklungen zusammenpassen, denn eine Konjunkturabschwächung geht in der Regel mit fallenden Rohstoffpreisen einher.
In der Vergangenheit war das amerikanische Wirtschaftswachstum die wichtigste Triebkraft hinter der Nachfrage nach Rohstoffen und den daraus resultierenden Preissteigerungen. Rohstoffoptimisten wie der Anlageberater Marc Faber argumentieren, dass der gegenwärtige Boom einen Sonderfall darstelle, da das Wachstum in China und anderen aufstrebenden Ländern bei gleichzeitig schrumpfendem globalen Angebot zu einem Superzyklus haussierender Rohstoffpreise geführt habe, der noch mehrere Jahre anhalten werde. In den Kreisen der Rohstoffinvestoren wird 2008 daher heftig diskutiert, ob der Superzyklus gestoppt werden kann.
Der Einfluss von China und Indien
Bei der Untersuchung historischer Rohstoffpreisanstiege fanden Wissenschaftler Belege, die für diesen optimistischen Ausblick sprechen. Gary Gorton, Professor für Finanzen an der Wharton School der Universität von Pennsylvania, vergleicht das aktuelle Umfeld mit den frühen siebziger Jahren, als die durch Dürreperioden und niedrige Lagerbestände hervorgerufenen Preisanstiege selbst dann anhielten, als die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in die Knie ging. Ähnliche Auswirkungen hat die heute von China und Indien geschürte Nachfrage nach Grundstoffen und die zunehmende Nutzung von Biokraftstoffen wie Ethanol.
Die China- und Ethanol-Effekte werden noch eine Zeit lang anhalten, so Gorton. Der amerikanischen Wirtschaft droht vielleicht eine Rezession. Die Nachfrage Chinas wird sich hierdurch jedoch nicht ändern. Und selbst wenn China in eine Rezession abgleiten sollte, muss das nicht automatisch mit einer raschen Wiederauffüllung der Lagerbestände einhergehen.
Cam Harvey, Professor an der Duke Universität in North Carolina, weist darauf hin, dass die Auswirkungen einer amerikanischen Rezession auf die Rohstoffpreise außerdem durch die Globalisierung verwässert würden. Beim Vergleich historischer Wachstumsentwicklungen ist äußerste Vorsicht angebracht, so Harvey. Die starke Korrelation zwischen den Rohstoffpreisen und dem Konjunkturzyklus der Vereinigten Staaten wurde durch den Aufschwung großer Schwellenmärkte abgeschwächt.
Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten wird jedoch unterschätzt
Einige Rohstoffanalysten ärgern sich indes über das Superzyklus-Argument, vor allem über die Behauptung, dass die gegenwärtige Situation einen Sonderfall darstelle. Sie führen an, dass die Preise für Edelmetalle zwar gestiegen, jene für Industriemetalle wie Kupfer und Aluminium jedoch bereits gesunken sind. Sollten wir tatsächlich in eine Rezession eintreten und die Wirtschaftsdaten wirklich schwach ausfallen, dann wird sich die Anfälligkeit der Rohstoffe zeigen, sagt Edward Meir, Rohstoffanalyst bei MF Global aus Chicago.
Ein Großteil des chinesischen Wachstums hängt Meir zufolge von der Nachfrage der amerikanischen Verbraucher ab. Unsere Wirtschaft ist sieben Mal größer als die chinesische, und unser Handelsdefizit gegenüber China beläuft sich auf 200 Milliarden Dollar, so Meir. Noch immer ist sehr viel auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet.
Der wahre Grund, weshalb die Rohstoffpreise bislang nur minimal auf die sich abkühlende amerikanische Konjunktur reagierten, ist der Zustrom neuer Investoren, die sich auf der Suche nach Diversifizierung in diesem Sektor engagieren, behauptet Harry Kat, Professor an der Sir John Cass Business School der City University London. Tatsächlich könnte die Einführung des Handels mit Goldfutures an der Shanghaier Börse am 9. Januar den Anstieg der Goldpreise an jenem Tag ausgelöst haben. Kat zufolge hat aber auch der sinkende Dollar zu der robusten Verfassung der Rohstoffpreise beigetragen. Letztlich kann jedoch keine dieser beiden Trends für einen dauerhaften Preisanstieg sorgen, so Kat.
Die Superzyklus-Mafia macht sich dies zunutze, um ihren Standpunkt zu untermauern, was jedoch nicht heißt, dass sie damit richtig liegt, sagt Kat. Sie hat lediglich das Glück, dass all diese Entwicklungen genau jetzt zusammentreffen. Wenn die Vereinigten Staaten in diesem Jahr in eine Rezession abdriften, dann wird diese Glückssträhne wahrscheinlich zu Ende sein.
Pressman ist Korrespondent im Bostoner Büro von BusinessWeek
Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: FAZ.NET, Global Insight/World Gold Council, SG Commodities Research