Industriemetalle

Zinn ist so teuer wie noch nie zuvor

24. April 2008 Im Zinnhandel an den internationalen Terminbörsen zeichnet sich ähnliches ab, was auch schon an anderen Teilmärkten zu beobachten war: Irrationaler Überschwang aufgrund durchgehender Phantasien der Anleger.

Denn der Augustkontrakt auf Zinn erreichte am Donnerstag an der London Metal Exchange „dank starker Nachfrage aus China“ ein Allzeithoch von 24.300 Dollar, hieß es dazu in den Nachrichtenagenturen. Spekulationen über eine höhere Nachfrage aus China habe den Preis beflügelt. Alleine am Dienstag und Mittwoch ging es um insgesamt knapp elf Prozent nach oben.

Einseitige Interpretation des Nachrichtengemischs führt zum Preisauftrieb

Für den Schub sorgten Erwartungen, nach denen China eine rückläufige Zinn-Produktion im Inland mit verstärkten Importen kompensieren will. Zugleich hatte der bedeutende Produzent Indonesien eine Produktionsbeschränkung auf 100.000 Tonnen pro Jahr in Aussicht gestellt, um die Lebensdauer der Minen zu erhöhen, Umweltschäden zu verkleinern und illegalen Abbau zu verhindern. Das mag sich dramatisch anhören, allerdings lag die geschätzte Produktion des Landes im vergangenen Jahr gerade einmal bei 85.000 Tonnen.

Im ersten Quartal hatte China - der größte Verbraucher von Zinn auf dem Weltmarkt - seine Importe von Zinn und Zinnlegierungen auf 3.740 Tonnen verdoppelt. Das geht aus am Mittwoch vorgelegten Zollerklärungen hervor. Zugleich sank die chinesische Produktion um 13,3 Prozent auf 31.100 Tonnen. Allerdings können Daten mit Bezug auf China und das erste Quartal täuschen, weil sie regelmäßig durch das Neujahresfest verzerrt werden.

Metallanalyst Lin Yuhui von Cifco Futures Shenzhen sprach in einem Telefoninterview mit Bloomberg News von Spekulationen, dass sich China sich in diesem Jahr vom Nettoexporteur zum Importeur verwandeln könne. „Selbst wenn die Nettoimporte gering bleiben sollten, so handelt es sich doch um einen Paradigmenwechsel“, sagte Lin, „denn China war bis zuletzt ein wichtiger Exporteur“. China hatte mit Wirkung vom ersten Januar eine zehnprozentige Exportsteuer auf Zinn erhoben. Die Steuer ist Teil eines Maßnahmenpaketes, das den wachsenden Außenhandelsüberschuss und die Überkapazitäten in stark energiehungrigen Industrien bremsen soll. Kurzfristig sind damit Exporte von Zinn nach Einschätzung des führenden chinesischen Herstellers Yunnan Tin unmöglich geworden.

„Zinn sieht zunehmend überkauft aus“

Das will jedoch noch nicht viel bedeuten. Denn dagegen stehen Aussagen erfahrener Marktteilnehmer. „Zinn sieht zunehmend überkauft aus“, erklärte beispielsweise Analyst William Adams von BaseMetals.com in London der Nachrichtenagentur Bloomberg, gerade angesichts der „nicht zu niedrigen“ Lagerbestände. Der physisch vorhandene Zinnbestand der London Metal Exchange wurde auf 7.990 Tonnen beziffert. Zinn wird vornehmlich zur Weißblechherstellung, etwa für Konservendosen, verwandt.

Der Zinnpreis hat seit Jahresbeginn zumindest in Dollar gerechnet knapp 50 Prozent zugelegt. Das erinnert an die Preisbewegungen bei anderen Rohstoffen, die nur bedingt fundamental begründet sein mögen. Alleine schon die Dollarschwäche hat in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass immer mehr Anleger nach Alternativen suchten und in diesem Rahmen die Preise von Energie- und Rohstoffen nach oben trieben. Es ist kaum prognostizierbar, wie weit solche Preis- und Kursbewegungen tragen können. Sicher ist nur, dass es früher oder später zu deutlichen Korrekturen kommen muss.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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