Nahrungsmittel

Märkte für Agrarrohstoffe brauchen Spekulanten

Von Arnd Hildebrand

Nicht nur Reis, auch Weizen ist weltweit knapp geowrden: Ein sudanesischer Dorf-Chef teilt Getreide für die Familien ein

Nicht nur Reis, auch Weizen ist weltweit knapp geowrden: Ein sudanesischer Dorf-Chef teilt Getreide für die Familien ein

02. Mai 2008 Die Preise für Weizen sinken seit Ende Februar, spätestens aber seit Mitte März. Auch Reis scheint wenigstens am amerikanischen Markt vor etwa zwei Wochen eine zyklische Talfahrt angetreten zu haben, und auch die Preise für Ölsaaten, unter denen Sojabohnen als bedeutendstes Erzeugnis herausragen, fallen seit Anfang März tendenziell. Nur Mais, das wichtigste Futtergetreide, hält sich auf Rekordniveau.

Diese Beobachtungen können nicht überdecken, dass Preissteigerungen vorausgegangen sind, in deren Verlauf sich diese Agrarprodukte um mindestens das Doppelte verteuert und allesamt Rekordhöhen erreicht haben. Und es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die inzwischen überwiegend gebrochenen Haussebewegungen in den kommenden Wochen und Monaten wiederaufleben. Es müssten nur in einigen bedeutenden Erzeugerländern Ernteausfälle drohen, die vom Klima, Pflanzenkrankheiten oder starkem Insektenbefall ausgehen könnten.

Phasen der Knappheit gab es immer wieder

Ein afghanischer Ladenbesitzer in Kabul, der Weizenmehl verkauft, legt eine Pause für sein Gebet ein

Ein afghanischer Ladenbesitzer in Kabul, der Weizenmehl verkauft, legt eine Pause für sein Gebet ein

Phasen, in denen die Grundnahrungsrohstoffe knapp zu werden drohten und ihre Preise in die Höhe schossen, hat es in der jüngeren Vergangenheit dieser Märkte immer wieder einmal gegeben. Zuletzt geschah dies in den Jahren 1995/96, zuvor 1988, 1979/80 und 1972/73. In allen Fällen kehrten die Notierungen in Amerika, die wegen der überragenden Bedeutung dieses Landes als Produzent und Exporteur repräsentativ sind, wieder zum Ausgangspunkt ihrer Hausse zurück.

Dies bedeutet zum einen, dass die Märkte ihre Bestimmung erfüllt haben. In Phasen, in denen sich Knappheit abzeichnete, ist die Nachfrage über hohe Preise gedrosselt worden, und die Erzeuger spürten offenkundig starke Anreize, ihre Produktion zu erhöhen.

„Die beste Kurs für hohe Preise sind hohe Preise“

Doch dies funktioniert auch umgekehrt. In Perioden niedriger Preise kann die Nachfrage ungezügelt wachsen, und für die Produzenten macht es dann keinen Sinn, das ihnen zur Verfügung stehende Flächenpotential voll und optimal zu nutzen. Dieser Mechanismus drückt sich in dem immer wieder zitierten alten Händlerspruch „Die beste Kur für hohe Preise sind hohe Preise, und die beste Kur für niedrige Preise sind niedrige Preise“ aus.

Zum anderen hat sich in Phasen tatsächlich oder vermeintlich überhöhter beziehungsweise zu niedriger Preise in nahezu allen bedeutenden Erzeugerländern die Politik eingemischt. Sie will über Anreize oder deren Entzug steuern, was die Märkte scheinbar nicht ausrichten konnten. Für die Politik gilt, dass die Versorgung mit Grundnahrungsstoffen ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge darstellt.

Die politischen Folgen einer Knappheit sind bekannt

Und die Politik weiß auch aus jahrtausendelanger Erfahrung, dass ernste Störungen in der Versorgung mit Grundnahrungsstoffen zu Unruhen bis hin zu Revolutionen führen können. Da die Politik aber meist nur mit zeitlicher Verzögerung reagiert und dann in der Regel unter dem Druck der Öffentlichkeit und besonders der Interessengruppen überreagiert, entstehen Fehlentwicklungen.

Arbeiten gegen die Knappheit bei Lebensmitteln: Indische Bauern dreschen Stroh

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Sie können, wenn überhaupt, nur nach Jahren wieder korrigiert werden. Daher verwischen sich die Kausalzusammenhänge zwischen Knappheit oder Überschüssen einerseits und den Wirkungen politischer Eingriffe andererseits so stark, dass sie meist nicht nur keinen Bezug zur jeweils gegebenen tatsächlichen Lage mehr haben, sondern sogar eine kontraproduktive Eigengesetzlichkeit entwickeln. Dies erklärt die Beobachtung, dass die Preise für Getreide und Ölsaaten nach starken Haussebewegungen in der Vergangenheit bald ausnahmslos wieder auf den Ausgangspunkt zurückgefallen sind.

Die Agrarproduktion stößt an Grenzen

Diesmal scheint es jedoch anders zu sein, und das hat sich in den zurückliegenden Jahren unmissverständlich angekündigt. Die bisher betriebene Agrarproduktion beginnt an ihre Grenzen zu stoßen. Der Bedarf nimmt wegen des Wachstums der Weltbevölkerung und sich wandelnder Ernährungsgewohnheiten zu, zum Teil aber auch vorangetrieben von einer Zweckentfremdung der Erzeugung.

Dies drückt sich am offenkundigsten darin aus, dass Mais und pflanzliche Öle in stark wachsendem Umfang als Treibstoffe für Fahrzeuge verwendet werden. Doch kann dieser Prozess nicht isoliert betrachtet werden, denn was wegen der Zweckentfremdung zum Beispiel von Mais auf der Angebotsseite für den natürlichen Verwendungszweck (Nahrung für Vieh und Geflügel) fehlt, muss meist teurer unter anderem durch Weizen und hocheiweißhaltige Futterstoffe ausgeglichen werden.

Die Nutzfläche kann nur langsam erweitert werden

Auf der Angebotsseite zeichnet sich ab, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in der Welt aus einer Reihe von Gründen nur langsam und letztlich nur in Grenzen erweitert werden kann. Am krassesten ist Reis betroffen, und dies drückt sich bereits in einer jahrelangen Serie von Produktionsdefiziten aus. Hier versucht die Wissenschaft seit langer Zeit, die Flächenerträge über bessere Anbaumethoden und vor allem über ergiebigeres Saatgut zu steigern.

Die bisherigen Erfolge werden als nicht zufriedenstellend bezeichnet. Dies bestätigen die Angebots- und die Preisentwicklung. Reis, der überwiegend in Regionen mit dem stärksten Bevölkerungswachstum erzeugt wird, gilt vielerorts als Paradebeispiel für das, was in Zukunft auch bei anderen Grundnahrungsstoffen erwartet werden muss.

Die zurückliegenden Preissteigerungen bei diesen Erzeugnissen um das Doppelte, teils sogar um das Dreifache innerhalb von zwölf Monaten erklären sich auch mit den drastisch höheren Kosten der Erzeuger für den sogenannten Input. Dies sind, abgesehen vom Saatgut, Dünger, Pflanzenschutzmittel sowie Betriebsstoffe für landwirtschaftliches Gerät bis hin zum Aufwand für das Trocknen der gewonnenen Produkte.

Der hohe Ölpreis spielt eine entscheidende Rolle

In allen Fällen spielt die spätestens seit 2004 laufende Hausse am Markt für Rohöl eine entscheidende Rolle. Bei einer allgemeineren Betrachtungsweise wird auch ins Feld geführt, dass sich die Preise für die hier besprochenen Erzeugnisse vor dem Beginn der jüngsten Haussephase im zurückliegenden Jahr real, also inflationsbereinigt, auf dem niedrigsten Niveau seit Mitte der siebziger Jahre befanden. Dass die Produktion zuletzt überhaupt noch habe gesteigert werden können, sei meist nur besserem Saatgut und höherer Produktivität über immer effizientere landwirtschaftliche Maschinen zu verdanken, heißt es.

Um mit jeweils modernsten Methoden produzieren zu können, müssen die Erzeuger Preise erzielen, die ihnen angemessene Investitionen in ihre Produktionsmittel gestatten. Dafür benötigen sie wiederum eine solide Kalkulationsgrundlage, die weit über den jeweils herrschenden Tagespreis für ihre Feldfrüchte hinausgehen muss.

Agrarmärkte brauchen Terminbörsen und die Spekulanten

Eine solche Basis bieten die Termin- und die Optionsbörsen für ihre Erzeugnisse. So kann ein amerikanischer Farmer, der Winterweizen erzeugt, heute bereits den Absatzpreis für sein im Jahr 2010 zu produzierendes Getreide festschreiben. Gleichermaßen kann eine Weizenmühle heute ihren Bedarf für Dezember 2010 im Preis fixieren. Dies schafft sogleich eine belastbare Kalkulationsgrundlage, auch wenn sich die derzeit erzielten Preise im Jahr 2010 je nach Standpunkt als zu niedrig beziehungsweise als zu hoch erweisen sollten. Doch das ist ein Risiko, mit dem jeder Unternehmer umgehen muss.

Diese ideale Form der Preissicherung (Hedge) kann nur dadurch zustande kommen, dass die Terminbörsen privates, als nichtkommerziell bezeichnetes Kapital anziehen. Dieses Kapital, das von der sogenannten Spekulation stammt, übernimmt mit der Aussicht auf überdurchschnittlich hohen Gewinn das Preisrisiko des Erzeugers oder Verarbeiters von Rohstoffen. Je mehr spekulatives Kapital an die Terminbörsen fließt, desto höher wird deren Liquidität und desto mehr wächst die Chance der auf die Sicherung künftiger Preise abzielenden Marktteilnehmer (Hedger), ihre für eine solide Kalkulation unabdingbare Position zu fairen Bedingungen eingehen zu können.

Auch Erzeuger können zu Spekulanten werden

Ohne das Kapital oder die Liquidität der Spekulation würden die Märkte vor sich hin darben und Sicherungsgeschäfte erschwert oder sogar nicht möglich. Anzumerken bleibt, dass die Grenzen zwischen kommerziellen und spekulativen Transaktionen an den Terminbörsen in Wirklichkeit fließend sind. Erzeuger und Verarbeiter zum Beispiel von Weizen oder Sojabohnen können durchaus spekulieren, indem sie ihr künftiges Angebot oder ihren künftigen Bedarf „unter- oder übersichern“. Aber auch dann werden sie formal noch immer dem kommerziellen Lager zugerechnet.

Die zurückliegenden Preissteigerungen an den Agrarmärkten haben Ideologen, Interessengruppen und Ahnungslosen Gelegenheit verschafft, über „die“ Spekulation herzufallen und sie als verruchte Urheberin der Verteuerung abzustempeln. Gleiches würde sich, wenn auch in anderer Erscheinungsform, gewiss wiederholen, wenn die Preise weiter stark fallen sollten.

Die Spekulanten wollten nie die Preise bestimmen

Fest steht aber, dass „die“ Spekulation als amorphe, wenn auch sehr kapitalkräftige Gruppe noch nie in der Lage und auch nie daran interessiert war, Preise über längere Zeit gezielt zu bestimmen. Wenn dies geschah oder künftig geschieht, wird man immer erst einmal bei den von einseitigen Interessen geleiteten kommerziellen Marktteilnehmern nachsehen müssen, und das wissen die Aufsichtsbehörden auch. Zu erwähnen bleibt ferner, dass an den amerikanischen Terminbörsen Obergrenzen für spekulative Kauf- und (Leer-)Verkaufpositionen bestehen.

Spekulativ orientierten Kreisen mag es auch verlockend erscheinen, sich nicht nur an den Terminbörsen, sondern auch an den ihnen jeweils zugrundeliegenden physischen Märkten zu betätigen. Ist zum Beispiel, wie es gegenwärtig noch erscheint, der in Minneapolis auf Termin gehandelte hocheiweißhaltige amerikanische Mühlenweizen extrem knapp, so könnten spekulative Kräfte versucht sein, die aus der zurückliegenden Ernte verbliebenen Restbestände an physischer Ware aufzukaufen und zu halten.

Die Versorgung würde zusammenbrechen mit der Folge, dass exzessiv hohe Preise entstünden. Dieses Verfahren wird als „cornern“ bezeichnet. Es ist strafbewehrt, und die Aufsichtsbehörde geht jedem auch noch so vagen Hinweis auf ein solches Delikt sofort auf den Grund.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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