Energie

Schlechte Ökobilanzen treiben Preise für Emissionsrechte

Kohlekraftwerke brauchen viel Emissionsrechte

Kohlekraftwerke brauchen viel Emissionsrechte

07. Februar 2006 Es gibt eigentlich nichts, womit sich nicht handeln läßt: Gülle oder Diamanten, Ferkel oder Autoreifen, Putzmittel - oder Verschmutzungsrechte. Seit dem 4. August ist an der Europäischen Energiebörse in Leipzig der kontinuierliche Handel mit CO2-Zertifikaten möglich.

Und die Preisentwicklung ist nicht uninteressant. Der Preis für die European-Carbon-Futures für die erste Periode 2006 ist von rund 20 Euro pro Tonne Anfang Dezember auf mittlerweile 27,65 Euro angestiegen. Auch andere Kontrakte für andere Zeiträume haben ein ähnliche Entwicklung genommen.

Angebot politisch festgelegt

Gehandelt werden Emissionsrechte an der Leipziger EEX

Gehandelt werden Emissionsrechte an der Leipziger EEX

Der Handel mit Emissionsrechten hat im Jahr 2005 begonnen und gilt für die Mitgliedsstaaten der erweiterten Europäischen Union. Das EU-System ist das weltweit erste multinationale Emissionshandelssystem und gilt als Vorreiter des internationalen Systems für den Handel mit Emissionsrechten.

Ziel der Einrichtung ist es, den CO2-Ausstoß zu möglichsten niedrigen Kosten zu verringern, da man davon ausgeht, daß die Verschmutzung dort zuerst reduziert wird, wo dies möglichst schnell und einfach zu bewerkstelligen ist, wenn die Verschmutzung in Form des Erwerbs von Rechten Geld kostet.

Die EU hat sich im Rahmen des Kyoto-Protokolls zu einer Emissionsreduktion von acht Prozent im Zeitraum 2008 bis 2012 im Vergleich zu 1990 verpflichtet. Zu diesem Zweck erstellt jedes Mitgliedsland einen sogenannten „Nationalen Allokationsplan“ (NAP), in dem Gesamtmenge und Verteilung der Emissionsrechte auf die Anlagen im betreffenden Mitgliedsstaat festgehalten werden.

Am Emissionshandel teilnehmende Unternehmen erhalten für jedes Kalenderjahr eine bestimmte Menge an Emissionsberechtigungen. War der Ausstoß geringer, können die Verschmutzungsrechte verkauft werden. Unternehmen mit überplanmäßigem Ausstoß müssen eine entsprechende Anzahl von Rechten am Markt erwerben, um die Lücke in der Emissionsbilanz zu schließen, ansonsten werden höhere Strafzahlungen von derzeit 40 Euro je Tonne fällig.

Restriktivere Energiepolitik treibt Preis

Die Struktur der Handels zeigt deutlich die Einflußfaktoren. Zum ersten gibt es eine Obergrenze, über die der Kontraktpreis nicht steigen kann. Bei dieser handelt es sich um die Strafzahlung je Tonne, die bei Überschreiten des Ausstoßes fällig wird. Für die erste Periode bis 2007 liegt diese bei relativ niedrigen 40 Euro. Interessanter wird es für die zweite Periode bis 2012, in der die Strafzahlung bei 100 Euro je Tonne liegt.

Da das Angebot für jede Periode konstant ist und zum 28. Februar festgelegt wird, hängt der Preis für das jeweilige Zertifikat am Ausmaß der Verschmutzung in der jeweiligen Vorperiode. Werden die Ziele überschritten, so sind die Zertifikate begehrter. Eine weitere Rolle spielen die konjunkturellen Aussichten für das kommende Jahr. Sind diese schlecht, könnten Unternehmen darauf rechnen, die Überschreitung der Grenzwerte in der Folgeperiode auszugleichen.

Derzeit wird der Preis für Emissionsrechte durch eine Reihe von Faktoren getrieben. Die BHF-Bank sieht derzeit Anzeichen für eine restriktivere Energiepolitik ab 2008, die auf weiteres Preispotential für CO2-Zertifikate hindeuteten. Nach den Ende Dezember von der EU-Kommission vorgelegten Leitlinien für die nächsten CO2-Allokationspläne soll die zugeteilte Gesamtmenge gegenüber der ersten Phase um sechs Prozent verknappt werden.

Politische Streitereien machen das System anfällig

Da derzeit zwölf EU-Staaten, darunter auch Deutschland, bei der Erfüllung ihrer Reduktionsziele hinterherhinken, müssen diese bei der zugeteilten Menge für Phase II mit stärkeren Einschnitten rechnen. Das bedeutet wiederum, daß mit einer höheren Nachfrage nach Zertifikaten aus diesen Ländern zu rechnen wäre. Spaniens Energieversorger etwa haben 2005 die Ausstoßmenge um rund zehn Prozent überschritten.

Indes ist der Emissionshandel sehr spekulativ, und genau das treibt derzeit den Preis. Das neue System ist politisch stark umstritten. So wollen einige Gruppen das gesamte System revolutionieren. So fordert das verarbeitende Gewerbe schon seit geraumer Zeit von den Energieversorgern, das Einpreisen der CO2-Zertifikate zu unterlassen.

Zweifel gibt es auch an der Effizienz der Börse selbst. Werner Marnette, Vorstandsvorsitzender der Kupferhütte Norddeutsche Affinerie und oberster Energie-Lobbyist im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), hält den Markt für manipuliert: „Die Energieversorger haben ihre kostenlos zugeteilten Emissionsrechte an ausländische Tochterunternehmen weitergegeben, um in Deutschland über ihre Nachfrage den Preis für die Emissionsrechte hochzutreiben. Dieser hohe Preis wird dann auf den Strompreis überwälzt.“

Für andere Beobachter ist der hohe Preis ein Kennzeichen, daß der Markt funktioniert. Sie sehen darin auch Eindeckungen, weil bis Ende März die Emissionsberichte abgegeben werden müssen.

Gefordert wird auch eine verstärkte Auktionierung der Zertifikate statt deren kostenlose Verteilung bzw. des freien Handels, großteils um die umweltpolitischen Zielsetzungen zu stärken. Indes können nach EU-Recht nur maximal zehn Prozent der Zertifikate auktioniert werden.

Dann hängen mehrere Streitfälle wegen der NAPs an. Dabei geht es um nachträgliche Korrekturen an den Plänen. Immerhin waren in dieser Periode 13 NAPs wegen solcher nachträglicher Regelungen zurückgewiesen worden. Unter den am Handel beteiligten Unternehmen fühlen sich besonders kleine und mittlere Firmen benachteiligt, die mit hohen Transaktionskosten zu kämpfen haben.

Spekulation auf den Erfolg des Systems

Vor dem Verwaltungsgericht Berlin ist eine Klage mehrerer Großunternehmen anhängig, in der die Rechtmäßigkeit von Kürzungen bei Emissionsrechten angezweifelt wird. All diese Faktoren beeinflussen den Preis. Unterläge etwa die Bundesregierung in dem Berliner Prozeß, müßte sie wahrscheinlich Emissionsrechte am Markt ankaufen, da ihre eigene Reserve dafür nicht ausreicht.

Wer auf Emissionsrechte setzt, setzt damit zuerst einmal auf den Erfolg des Systems. Wenn sich dieses zwischen umweltpolitischen Hardlinern und wirtschaftspolitischem Schmusekurs behaupten kann, so sind für die erste Laufzeit weitere Preissteigerungen nicht auszuschließen. Dennoch weigern sich viele Unternehmen, das System zu akzeptieren. Erst in diesem Jahr würde mit den ersten Strafzahlungen oder Emissionseinschnitten die Stunde der Wahrheit kommen.

Der Energieverbrauch indes war im vergangenen Jahr leicht rückläufig. Dies ist aber nicht als Beleg für einen Erfolg des Systems zu werten, sondern eher wohl eine Reaktion auf Preissteigerungen bei wichtigen Energieträgern. So fiel der Mineralölverbrauch in Deutschland um knapp zwei Prozent, besonders stark bei den teureren Ottokraftstoffen, fast gar nicht bei Diesel. Auch der Einsatz anderer Energieträger sank - mit Ausnahme der regenerativen Energien.

Wer auf Emissionsrechte setzt, braucht daher eher einen langen Atem. Wer damit handeln will, muß nicht an der Strombörse handeln. ABN Amro bietet ein Open-End-Zertifikat auf CO2-Emissionsrechte (NL0000020097).

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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