03. Januar 2008 Für die meisten Beobachter war es nur eine Frage der Zeit, am Mittwochabend war es dann gleich zu Beginn des neuen Jahres soweit: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl stieg zwischenzeitlich über die magische Marke von 100 Dollar. Damit ist der Ölpreis in den vergangenen zwölf Monaten, notiert in Dollar, um mehr als 57 Prozent gestiegen. Inflationsbereinigt bewegt sich der Ölpreis allerdings damit lediglich auf dem Niveau der frühen achtziger Jahre.
Zwar konnte sich der Preis nicht im dreistelligen Bereich halten und schloss bei 99,62 Dollar, doch ist die Büchse der Pandora nun einmal geöffnet. Viele Fonds hätten ihre Long-Positionen ausgebaut, hieß es, erwarten also einen weiteren Preisanstieg.
100 Dollar sind erst der Anfang
Analysten erklärten, offenbar hätten neue Angriffe auf Förderanlagen in Nigeria den entscheidenden Ausschlag gegeben. Zu dem Anstieg trugen auch die Nachricht von der Schließung mehrerer mexikanischer Häfen wegen schlechten Wetters sowie ein Bericht der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) bei. Diese hatte erklärt, sie könne möglicherweise schon 2024 die weltweite Nachfrage nach Rohöl nicht mehr decken.
100 Dollar sind erst der Anfang, sagte Händler Zachary Oxman von Wisdom Financial voraus. 2008 wird es große Bewegungen beim Preis für Rohöl und auch für Gold geben. Energieanalyst Kris Voorspools von der belgischen Bank Fortis sieht den Grund nicht in Spekulationen: Es geht um das Fundamentale: Angebot und Nachfrage, sagte er.
Der Ölpreis wird seit Jahren vom steigenden weltweiten Verbrauch in die Höhe getrieben, vor allem der Boom in China sorgt dort für kräftigeren Öldurst. Gleichzeitig stützen viele geopolitische Sorgen auch außerhalb Nigerias den hohen Ölpreis: Vor allem die Spannungen zwischen dem Westen und dem Großförderer Iran und die fortwährenden Unruhen und Attentate im ölreichen Irak führen zu der grundsätzlichen Erwartung eines knappen Angebots und damit steigender Preise.
In zehn Jahren 200 Dollar?
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sonst nicht eben für Pessimismus bekannt, äußerte, dass man mit einer Verdoppelung des Ölpreises in zehn Jahren rechne. Die Ölvorräte werden zunehmend knapp und das wird die Preise weiter hochtreiben, sagte die DIW-Expertin Claudia Kemfert der Berliner Zeitung (Donnerstagausgabe). In fünf Jahren ist ein Ölpreis von 150 Dollar wahrscheinlich, in zehn Jahren sogar ein Preis von 200 Dollar.
Nichtsdestoweniger steckt in dem Preisanstieg auch ein Gutteil Spekulation. denn trotz aller Spannungen, Anschläge und bürgerkriegsähnlicher Zustände ist Rohöl bislang immer noch nicht in der Weise knapp geworden wie es stets befürchtet und an den Terminbörsen kolportiert wird. Zudem war das Handelsvolumen am ersten Arbeitstag 2008 nur halb so groß wie normal, so dass auch gezielte preisbeeinflussende Transaktionen nicht auszuschließen sind, obendrein wird spekuliert, dass die ohnehin niedrigen Lagerbestände in den Vereinigten Staaten die siebte Woche in Folge gesunken seien.
Ein weiterer Faktor, der den Ölpreis treibt, ist zudem die amerikanische Konjunkturschwäche. Diese könnte zwar die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten dämpfen, andererseits sorgte aber der überraschende Fall des ISM-Index im Dezember auf den mit 47,7 Punkten niedrigsten Stand seit 2003 dafür, dass die Rezessionsängste neue Nahrung erhielten.
Oder weniger als 80 Dollar zum Jahresende?
Dazu trug auch die Veröffentlichung des Protokolls der jüngsten Notenbankrat-Sitzung bei. Einige Mitglieder sahen die Gefahr einer Abwärtsspirale, die sowohl die Finanzmärkte als auch die Gesamtwirtschaft erfassen könnte. Zudem sehen die Währungshüter die Risiken für die amerikanische Wirtschaft offenbar eher in einer ausgeprägten Wirtschaftsschwäche und weniger der Inflation.
Auch wenn der schwache ISM-Index nach Ansicht von Beobachtern noch keine Rezession signalisiert, ließen Befürchtungen um eine Konjunkturabschwächung den Dollar deutlich nachgeben. Das nutzten ausländische Teilnehmer am Energiemarkt zum Kauf von Öl, was dem Preis weiteren Auftrieb verlieh.
Nichts macht die Unsicherheit hinsichtlich des langfristigen Ölpreises und der fundamentalen Lage am Markt deutlicher als die Tatsache, dass das Hamburgische Weltwirtschafts-Institut (HWWI) im Gegensatz zum DIW für 2008 generell von fallenden Ölpreisen ausgeht. Wir rechnen mit einem Rückgang im zweiten Quartal auf etwa 80 Dollar. Ende des Jahres könnte es sogar etwas weniger sein, sagte Experte Klaus Matthies der Berliner Zeitung.
Kein Ressourcenproblem
Und Christof Rühl, Chefvolkswirt von BP im Interview, sagte unlängst der FAZ, es gebe im Moment beim Öl kein Ressourcenproblem. Die ausgewiesenen Fördergebiete reichten zu heutigen Kosten und beim heutigen Stand der Technik noch für mehr als 40 Jahre. In den Industrieländern sei die Ölintensität seit 1990 um 20 Prozent gesunken, außerhalb der Industrieländer sogar um mehr als 20 Prozent.
Kurzfristig dürfte die Spekulation an den Rohstoffmärkten weiter. Das ist ein Bullen-Markt, sagt Öl-Analyst Jim Ritterbusch von Ritterbusch & Associates. Es scheint so, als ob
es noch Luft für einen weiteren Anstieg um einige Dollar gibt. Der Rohstoff-Markt ziehe die Investoren an wie ein Magnet, sagt Mark Matthias von Dawnay Day Quantum. Der Aktienmarkt sieht nicht gerade attraktiv aus.
Ein Liquiditätsproblem der anderen Art
Die lockere Zentralbankpolitik hat nicht die breite Bevölkerung, sondern Multiplikatoren wie Investmentbanken mit frischem Geld versorgt, die dieses nur zum Teil in Konsumentenkrediten weiter gereicht haben, sondern zum einen im Eigenhandel investiert, zum anderen der im Zuge der Umverteilung der neunziger Jahre stark gewachsenen Schicht der Vermögenden zu Investitionszwecken zur Verfügung stellten. Das überreich vorhandene Geld schwappt daher vor allem von einem Finanzmarkt zum nächsten und solange eine Investitionsstory noch funktioniert, fließt dorthin weiter Geld.
Auch Kemfert nennt den jüngsten Preisschub in Teilen spekulationsbedingt. Der Anteil am Ölpreis, der auf Spekulation zurückzuführen ist, dürfte etwa 20 Prozent betragen. Eine Entspannung beim Ölpreis sei in den nächsten Wochen nicht zu erwarten. Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass die Blase platzt, sagte sie dem Münchner Merkur. Ein Abflachen der Preiskurve ist erst im Frühjahr zu erwarten, wenn die Nachfrage normalerweise sinkt. Sie rechnet kurzfristig eher mit einem weiteren Anstieg bis auf 105 Dollar.
Der Effekt von Weltuntergangsszenarien
Frühestens Ende Januar, wenn die Nachfrage nach Heizöl allmählich nachlasse, sei eine Stabilisierung oder ein Rückgang des Ölpreises vorstellbar. Auch andere Analysten wie Mark Matthias sehen es als fraglich an, ob der Preis über 110 Dollar gehen werde. Insofern sollte man sich derzeit vor Weltuntergangsszenarien hüten, sind sie doch eher geeignet eine Spekulationsblase.
Wer zurückblickt in die siebziger Jahre, stößt auf die Prognosen des Club of Rome, wonach die Öl- und Gasreserven Anfang dieses Jahrzehnts hätten erschöpft sein sollen. Grund für die fehlerhafte Voraussage waren Modellschwächen, wodurch die Erhöhung der Verbrauchseffizienz und die Wirtschaftlichkeit der Ausbeutung unterschätzt wurden.
Das ist zwar zu einem Gutteil auch der Signalwirkung höherer Preise geschuldet, doch die Sprunghaftigkeit und die drastische Geschwindigkeit des Anstiegs deuten auf einen hohen Anteil liquiditätsgetriebener Spekulation hin.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho mit Material von Bloomberg
Bildmaterial: Bloomberg, dpa, FAZ.NET
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@Marvin Parsons (m apar) - Jetzt brauchen Sie nur noch einen der das glaubt...
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