Energie & Rohstoffe

Rohstoffanlagen - bisher nicht krisensicher

10. Oktober 2008 Vor der jüngsten Korrektur an den Finanzmärkten ist vieles heißer gelaufen, als vernünftig gewesen wäre. Dazu zählten nicht nur die Aktien und Anleihen hoch verschuldeter Unternehmen, von denen sogar manche Ausschüttungen und Aktienrückkäufe mit Krediten finanzierten.

Sondern dazu zählten mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Rohstoffe. Begann der von tatsächlich zunehmender Nachfrage getriebene Preisauftrieb zunächst weitgehend unbemerkt, so wollten schließlich immer mehr Anleger davon profitieren. Auf diese Weise entwickelte sich eine Eigendynamik, die schließlich in spekulativen Exzessen resultierten.

Abbau spekulativer Positionen - Rückgang der Nachfrage aufgrund der konjunkturellen Abkühlung

Sie wurden einerseits gefördert durch die Auflage von heftig beworbenen Fonds und Zertifikaten, die immer mehr Anleger anzogen. Die dadurch eingeworbenen Mittel mussten investiert werden und trieben so die Preise immer weiter nach oben. Das führte dazu, dass schließlich große Bestände von Edelmetallen in den angemieteten Tresoren von Fonds lagerten.

In anderen Märkten sah es nicht viel anders aus. So kristallisierte sich im Rahmen einer Untersuchung heraus, dass JPMorgan, Goldman Sachs, Barclays und Morgan Stanley zu Spitzenzeiten insgesamt 70 Prozent der Positionen an Rohstoff-Swaps hielten. Das sind Terminkontrakte, die individuell zwischen zwei Parteien ausgehandelt werden. Diese Swap-Händler hielten die größten Positionen an Rohölkontrakten an der Nymex, erklärt Hedge-Fondsmanager Michael Masters jüngst. Das heißt, einzelne dieser professionellen Händler hatten - im Vergleich mit der Größe und Liquidität dieser Märkte - gigantische Wetten auf die Preisentwicklung abgeschlossen.

Das würde erklären, wieso inzwischen die Preisblase auch in diesem Bereich geplatzt ist. Denn erstens stimmen die Grundannahmen nicht oder nicht mehr, nach welchen die Nachfrage immer weiter zunehmen werde. Sie stimmten von Anfang an nicht, da sie Spar-, Substitutions- und Recyclingeffekte ebenso wenig einkalkulierten, wie die Möglichkeit einer konjunkturellen Abkühlung und den Abbau spekulativer Positionen.

Inzwischen scheinen genau diese Effekte zusammenzukommen und die Rohstoffpreise immer weiter nach unten zu bringen. Profis sind nach den Pleiten verschiedener Marktteilnehmer gezwungen, Positionen zu bereinigen. Privatanleger verkaufen ihre Zertifikate weil sie eine enttäuschende Wertentwicklung an den Tag legen und weil sie zunehmend auch der Bonität und der Redlichkeit der Emittenten misstrauen. Gleichzeitig dürfte das Überschwappen der Kreditkrise auf die Realwirtschaft dafür sorgen können, dass die Nachfrage tatsächlich zurückgehen wird. Dazu kommt die Wirkung der Effizienzsteigerungen, die in den vergangenen Monaten angestoßen wurden.

Öl- und Kupferpreis auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr

Aus diesen Gründen rutschen die Rohstoffpreise immer weiter ab. Am Freitag fiel der Ölpreis zeitweise auf 81,13 Dollar je Barrel Öl der Sorte WTI. Das ist der tiefste Stand seit einem Jahr. Die Preise für Industriemetalle haben in den 20 Monten ebenfalls deutlich nachgegeben. Der Preis für Kupfer, der von vielen als Indikator für die Entwicklung der Realwirtschaft genommen wird, legt an der London Metal Exchange zwar 1,4 Prozent zu auf 5.315 Dollar je Tonne. Allerdings liegt der Preis damit knapp 40 Prozent unter dem noch im April erreichten Rekordhoch von 8.730 Dollar.

Noch deutlichere Preisrückgänge waren bei den Edelmetallen Platin und Palladium zu beobachten. Denn ersten ging in den vergangenen Monaten aufgrund der hohen Preise die Nachfrage aus der Schmuckindustrie deutlich zurück. Zweitens macht sich nun die Sorge über die Schwäche in der Automobilindustrie bemerkbar. Wenn künftig weniger Autos verkauft werden, geht die Nachfrage nach Katalysatoren zurück.

„Wir stehen am Beginn einer steilen zyklischen Abwärtsbewegung bei fast allen Rohstoffen“, erkären Analysten. „Die Nachfrage wird in den kommenden sechs Monaten immer Besorgnis erregender aussehen, egal was die Zentralbanken machen,“ heißt es weiter. Selbst die Analysten von Goldman Sachs, die in den vergangenen Jahren die Preise mit entsprechenden Studien „gepusht“ und deren Handelsabteilungen massivst darauf gewettet hatten, sehen den Rohstoffmarkt inzwischen pessimistisch. Die Finanzierungsbedingungen „werden sich in den kommenden Wochen und Monaten kaum deutlich bessern“, schrieben sie.

„Die Rohstoffpreise dürften in nächster Zeit durchaus unter Druck bleiben,“ lautet ihre Schlussfolgerung. Sehr wahrscheinlich ist sie richtig. Aber möglicherweise sorgen nicht nur fundamentale Faktoren dafür. Sondern möglicherweise verhindert eine stärkere Regulierung dieser Märkte, dass sich die spekulativen Kräfte in diesem Bereich noch einmal so stark werden entfalten können wie in der Vergangenheit. Das könnte in den kommenden Wochen und Monaten dazu beitragen, dass noch mehr Positionen abgebaut werden. So können die Preise möglicherweise zumindest vorübergehend tiefer fallen als vielfach erwartet.

Ändern wird sich das erst dann, wenn die Realwirtschaft wieder auf die Füße kommt und die nachhaltige Nachfrage von dieser Seite wieder verstärkt einsetzt. Wann das sein wird, ist im Moment nicht absehbar. Ausschließen lässt sich auch nicht die extreme Möglichkeit, dass Anleger endgültig der Panik verfallen und alles kaufen, was mit phsysisch relativ knappen Gütern unterlegt ist. Zertifikate dürften in diesem Zusammenhang kaum die richtige Wahl sein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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