Devisen

"De-facto-Währungsunion zwischen Amerika und Asien"

10. September 2004 Der Dollar hat seinen Tiefpunkt gegenüber den großen Währungen hinter sich und wird in den nächsten Monaten gegenüber Euro, Yen und Pfund aufwerten. Stephen Jen, der Chef-Währungsstratege der Investmentbank Morgan Stanley, steht mit dieser Prognose ziemlich allein. Aber das ficht ihn nicht an.

Nach seiner Analyse hat sich der Rahmen für die Währungsmärkte seit Ende der neunziger Jahre grundlegend verändert: Die Vereinigten Staaten von Amerika und Asien sind demnach unter der Hand und inoffiziell zu einer Art Wirtschafts- und Währungsunion zusammengewachsen. Die weitreichenden Folgen für den Dollar-Außenwert würden noch weithin verkannt, ist Jen überzeugt. Bis Ende 2005, sagt er voraus, werde der Euro von derzeit 1,22 auf 1,13 Dollar fallen, der Dollar von derzeit 110 auf dann 117 Yen aufwerten.

Dollarwährungsraum geht weit über Amerika hinaus

"Der Dollar ist viel größer geworden als Amerika, ähnlich wie die englische Sprache weit über die Bedeutung Englands hinausgeht", erläutert der Ökonom und argumentiert so: Seit der Asien-Krise 1997/98 ist der regionale Handel dort sprunghaft gestiegen. Multinationale Konzerne aus Amerika, Europa oder Japan lassen das Design für neue Produkte in Singapur anfertigen, beziehen Komponenten aus Malaysia und Thailand, lassen schließlich die Produkte in China zusammenschrauben und in Hongkong nach Amerika verschiffen. Da keiner der Handelspartner die Währung des anderen annehme, werde dieser gesamte Handel in Dollar abgewickelt. Da sei es geradezu zwingend, auch die Währungsreserven größtenteils in Dollar zu halten.

"Die asiatische Wirtschaft ist noch mehr eine auf dem Dollar basierende Wirtschaft geworden als vor der Krise", sagt Jen, der auf einer früheren Karrierestation beim Internationalen Währungsfonds (IWF) gearbeitet hat. Als der Dollar 2002 unter Abwertungsdruck gekommen sei, hätten deshalb alle wichtigen Notenbanken dort interveniert, um eine Aufwertung ihrer lokalen Währung gegenüber dem Dollar - und damit auch den lokalen Währungen der konkurrierenden Nachbarn - entgegenzuwirken.

Manche müssen Dollar kaufen, weil die Wirtschaft auf Dollar basiert

Die durch den Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie motivierten Dollar-Ankäufe seien für die Entwicklung des Dollar-Kurses ausschlaggebend, argumentiert Jen. "Das geht weit über die Frage hinaus, ob der erwartete Ertrag der Dollar-Aktiva höher ist als der Ertrag anderer Aktiva", weist er die gängigen Schulbuch-Theorien über die Bestimmungsgründe des Wechselkurses zurück. Länder wie Malaysia oder Thailand hätten vielleicht gar keine Vorliebe für den Dollar. "Aber sie müssen Dollar ankaufen, weil ihre Wirtschaft auf dem Dollar basiert." Zu diesen Ländern, die mehr oder minder formal vom Dollar abhängen, rechnet Jen Hongkong und Malaysia (die ihre Währungen offiziell an den Dollar gebunden haben), China (faktische Dollar-Bindung), ferner Korea, Japan, Taiwan und Singapur.

Den IWF-Statistiken zufolge haben große asiatische Notenbanken sowie Rußland im ersten Halbjahr 2004 ihre Währungsreserven um 278 Milliarden Dollar aufgestockt - und damit rein rechnerisch praktisch das gesamte amerikanische Leistungsbilanzdefizit finanziert (F.A.Z. vom 1. September), das in diesem Jahr den Rekordwert von 600 Milliarden Dollar erreichen dürfte. Diese Ankäufe seitens der Notenbanken dürften wesentlich zu der Stabilität des Dollar im bisherigen Jahresverlauf 2004 beigetragen haben.

Faktische "Währungsunion" zwischen Amerika und Asien

Diese "Währungsunion" werde viel länger dauern als von den meisten Fachleuten erwartet - und zwar um so länger, je schwächer sich die Wirtschaft in Amerika entwickelt, meint Jen. Die Begründung: Die asiatischen Länder sind weit mehr auf den Export angewiesen als zum Beispiel Europa, zumal für die asiatischen Länder die Schaffung von Arbeitsplätzen absolute Priorität habe. Sollte die Nachfrage aus Amerika nach Importen aus Asien abflauen, dürften diese Länder schon gar kein Interesse daran haben, eine Aufwertung ihrer lokalen Währungen zuzulassen und dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen. Dementsprechend dürften dann die asiatischen Dollar-Ankäufe eher noch zunehmen und den Dollar-Kurs nach oben treiben, meint Jen.

Auch für den Wechselkurs des Euro hat die neue "bipolare" Währungsordnung wichtige Folgerungen: "Der Euro wertet gegebenenfalls nicht nur gegenüber dem Dollar auf, sondern gegenüber Dollar und Asien", formuliert Jen. Die europäische Wirtschaft verliere somit bei einer Euro-Aufwertung nicht nur gegenüber dem Dollar an Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch gegenüber den Konkurrenten in Asien. Obendrein hätten amerikanische Konsumenten dann weniger Kaufkraft für Einkäufe in Europa, gibt er den Währungspolitikern in Europa zu bedenken. Der Dollar habe deshalb auch gegenüber dem Euro kaum noch Spielraum nach unten, vielmehr nach oben, folgert der Morgan-Stanley-Analyst.

Abwärtspotential des Euro begrenzt

Auch das Abwärtspotential des Euro hält er freilich für begrenzt. Wiederum bringt er hier die asiatischen Notenbanken ins Spiel: Ihre Währungsreserven sind stark in Dollar konzentriert, deshalb haben sie ein Interesse daran, in Euro zu diversifizieren. Das tun sie aber nicht, wenn der Dollar unter Abwertungsdruck steht - weil dies den Abwärtsdruck noch verstärken würde. Vielmehr kaufen sie Euro, wenn die Gemeinschaftswährung zur Schwäche neigt. Nach Kaufkraftparität und anderen Bewertungsverfahren liege der faire Wert des Euro eigentlich bei 1,06 bis 1,10 Dollar, meint Jen. Doch dürften die Diversifizierungskäufe der asiatischen Notenbanken die Gemeinschaftswährung über diesem Niveau halten. Deshalb werde der Euro Ende 2005 bei 1,13 Dollar liegen.

Erwartet er vom Ausgang des Präsidentenwahlkampfs in Amerika einen größeren Einfluß auf die Währungen? Bislang, antwortet er, hätten sich Amtsinhaber George W. Bush und Herausforderer Kerry zu diesem Thema kaum geäußert. Als "Kandidat der Arbeitnehmer" habe für Kerry die Schaffung von Arbeitsplätzen großes Gewicht. Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit von Amerikas Industrie dürfte er deshalb Interesse an einem schwächeren Dollar haben sowie protektionistischen Maßnahmen zuneigen. Demgegenüber dürfte Bush, der Kandidat des Finanz-Establishments in Wall Street, eher an einem starken Dollar interessiert sein. Denn dies sei Voraussetzung, um ausländische Käufer für amerikanische Aktien und Anleihen anzulocken.

Kritisch: Amerikanische Politik als Knackpunkt

Für Jen ist das Verhalten der amerikanischen Politiker aber einer der Knackpunkte, an denen seine Prognose eines tendenziell aufwertenden Dollar scheitern könnte. Nicht auszuschließen sei, daß die amerikanische Politik im Falle einer Konjunkturschwäche die "Währungskarte" ziehe, zumal Fiskal- und Geldpolitik ausgereizt seien. Das würde dann auf den Versuch hinauslaufen, die amerikanische Wirtschaft über eine kräftige Dollar-Abwertung zu stimulieren - ein Szenario, dem viele Währungsfachleute derzeit eine hohe Wahrscheinlichkeit einräumen. "Möglich ist das", sagt Jen, "die amerikanische Politik hat sich früher auch schon so verhalten." Aber wahrscheinlich sei dieses Szenario nicht, meint der Währungsstratege. Denn anders als früher habe das Interesse der Wall Street an einem starken Dollar heutzutage größeres Gewicht als früher. Abgesehen davon gehörten zu einer Abwertung immer zwei: Derzeit sei es aber alles andere als wahrscheinlich, daß die asiatischen Länder eine Dollar-Abwertung, die zu Lasten ihrer Wettbewerbsfähigkeit geht, hinnähmen.

Text: bf., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2004, Nr. 212 / Seite 21

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