Strategie

Nachfrage nach Terminkontrakten größer als nach Getreide

Weizenernte in Mecklenburg

Weizenernte in Mecklenburg

28. April 2008 Die Finanzmärkte beeinflussen mit massiven Spekulationen zunehmend die Märkte für Agrarerzeugnisse und treiben die Preise weiter nach oben. Die Terminkontrakte an den Agrargütermärkten sind in den vergangenen Wochen und Monaten zumindest vorübergehend auf Rekordhochs geklettert.

Anleger kontrollieren entweder direkt oder indirekt über Rohstoff-Indexfonds inzwischen mehr als die Hälfte aller Getreidevorräte in den Vereinigten Staaten - das ist mehr als jemals zuvor. Auf der anderen Seite klagen Produzenten und Getreidehändler, die Absicherung der Preise am Terminmarkt werde für sie zu teuer und zu riskant.

Eine gute Zeit für Spekulanten - nicht für die Landwirte

„Es ist in der Tat die beste Zeit für Spekulationen auf den Getreidepreis, aber nicht für die Bauern, die das Getreide produzieren“, sagt der 59jährige Farmer Garry Niemeyer der Nachrichtenagentur Bloomberg. Er besitzt und bewirtschaftet etwa 800 Hektar Ackerland in der Nähe von Auburn in Illinois, im amerikanischen Mittelwesten.

Inzwischen habe die Nachfrage nach Futures-Kontrakten jene nach dem Getreide selbst um ein Mehrfaches übertroffen. Über Indexfutures für Agrarrohstoffe halten Anleger an den Finanzmärkten derzeit 4,51 Milliarden Scheffel Mais, Weizen und Sojabohnen an der Warenterminbörse Chicago. Das entspricht ungefähr der Hälfte der Lagerbestände in den gesamten Vereinigten Staaten vom ersten März. Alleine im vergangenen Jahr waren die von den Finanzmärkten kontrollierten Bestände um 29 Prozent gestiegen. Denn die Kontrakte auf Getreide gelten an den Märkten als gewinnbringende Alternative zu den derzeit weniger ertragreichen Aktien- und Rentenmärkten.

Zum Börsenkurs

Da aus diesem Grund die Preise von Termin- und Basiskontrakten - bereinigt um Transport- und Lagerkosten - gegen Ende der Laufzeit eines Kontraktes nicht mehr konvergierten und die Volatilität im Markt hoch sei, seien Banken mit der Finanzierung entsprechender Positionen restriktiv geworden. Das Kapital der Landwirte und Lagerhäuser sei gleichzeitig anderweitig gebunden. So könnten oder wollten sie sie nicht selbst finanzieren. Daher werde er in diesem Jahr seine Ernte im Oktober nicht über den Terminmarkt absichern, sagt Niemeyer.

Über diesen Mechanismus verlören Landwirte die Absicherungsinstrumente gerade zu einem Zeitpunkt, in dem sie sie am besten verwenden könnten, erklärte Niemeyer weiter. Gleichzeitig führe die Entwicklung dazu, dass im Verhältnis zur Nachfrage von Seiten der Fonds zu wenige „natürliche“ Verkäufer wie Landwirte oder Lagerunternehmen im Markt seien. Das treibe und halte zumindest den Terminmarkt auf einem hohen Niveau, obwohl eigentlich genügend Getreide vorhanden sei.

Im Agrarbereich lassen sich die produzierten Mengen steigern

Solche Aussagen stehen im Gegensatz zur „preisoptimistischen“ Mantra vieler Marktteilnehmer, die von einer „plötzlich auftretenden“ Nahrungsmittelknappheit ausgehen. Es mögen sich zwar viele Argumente für steigende Preise finden lassen. Allerdings ließen sich in den vergangenen Jahrzehnten gerade im Agrarbereich die produzierten Mengen aufgrund von technologischen Fortschritten regelmäßig bei tendenziell abnehmender Fläche steigern.

Selbst jetzt dürften noch lange nicht alle Potentiale erschöpft sein. So liegen in Europa noch einige Flächen brach, und in Osteuropa sind ihre Ertragspotentiale noch lange nicht ausgereizt. Das zeigt sich alleine schon daran, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der Düngemittelverbrauch in der Region deutlich zurückging und sich erst langsam erholt.

Der International Grains Council geht in seinem jüngsten Getreidemarktbericht davon aus, dass die Weltweizenproduktion in der Saison 2008/2009 von 604 auf 645 Millionen Tonnen steigen wird. Bei einer prognostizierten Nachfrage von 630 Millionen Tonnen sollten dann die nun knappen Lagerbestände wieder etwas zunehmen.

Knapper scheint es dagegen beim Mais zu werden. Denn dort wird die Produktion 2008/2009 mit 762 Millionen Tonnen wahrscheinlich deutlich hinter dem Verbrauch von 784 Millionen Tonnen zurückbleiben. Auf diese Weise dürfte sich die Tatsache erklären lassen, dass sich der Maispreis schon seit Wochen robuster zeigt als der korrigierende Weizenpreise. Daran dürfte sich vorerst kaum etwas ändern, zumal der Weizenpreis in den vergangenen Monaten deutlicher nach oben gelaufen ist als jener von Mais.

Text: @cri mit Material von Bloomberg
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

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