Von Benedikt Fehr
24. März 2008 In der vergangenen Woche haben die globalen Finanzmärkte einen Blick in den Abgrund einer allgemeinen Vertrauenskrise geworfen, sich aber wieder gefangen. Doch die Nervosität bleibt hoch. Die Krise, die vom amerikanischen Hypothekenmarkt für Kredite an schlechte Schuldner (subprime) ausging, hat nach den Banken und deren Zweckgesellschaften nun die Hedge-Fonds erfasst - und damit eine neue Dimension gewonnen.
Nach einer Studie der Rating-Agentur Fitch vom vergangenen Sommer haben Hedge-Fonds allein im Jahre 2006 bei Investoren rund eine Billion Dollar (650 Milliarden Euro) eingesammelt und damit ihr Eigenkapital auf zwei Billionen Dollar verdoppelt. Einschließlich Krediten dürften sie im Sommer 2007 vier bis sechs Billionen Dollar an den Finanzmärkten investiert haben. Die Kredite erhielten sie dabei hauptsächlich von großen Investmentbanken wie Goldman Sachs und Deutsche Bank, den Prime Brokers. Der kreditfinanzierte Kaufrausch der Hedge-Fonds hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Preise vieler Vermögenswerte bis Mitte 2007 stark gestiegen sind - wobei sich Hedge-Fonds insbesondere auch an den neuen, rasch wachsenden Märkten für kreditbesicherte Wertpapiere, handelbare Kreditausfallversicherungen und ähnliche Kreditderivate engagiert haben.
Die Notverkäufe drücken die Kurse
Die unerwartet hohen Ausfälle bei Subprime-Krediten haben nun eine Neubewertung der Risiken ausgelöst: Die Risikoprämien steigen - was die Kurse der entsprechenden Papiere fallen lässt. Dadurch wirkt der Kredithebel, der während der Hausse die Eigenkapitalrenditen der Fonds nach oben gehebelt hat, in die umgekehrte Richtung. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Ein Hedge-Fonds hat auf Eigenkapital von 20 Kredite in Höhe von 80 aufgenommen (Kredithebel von 4) und den Gesamtbetrag von 100 in Wertpapiere investiert. Der Wert dieses Portefeuilles fällt nun um 5 Prozent auf 95. Dieser Verlust verringert das Eigenkapital des Hedge-Fonds auf 15. Der HedgeFonds muss nun den Gesamtwert des Portefeuilles durch Verkäufe auf 75 verringern. Denn dann beträgt der Kredithebel wieder 4 - da dann das Eigenkapital 15 beträgt und die Höhe der Kredite 60.
Diese erzwungene Verringerung des Kredithebels hat auf vielen Märkten große Verkaufswellen ausgelöst, wobei nun die Baisse die Baisse nährt: Die Notverkäufe drücken die Kurse, das wiederum macht weitere Notverkäufe nötig. Diese Turbulenzen haben zuletzt mehreren Fonds hohe Verluste beschert, die amerikanische Investmentbank Bear Stearns konnte nur durch eine Übernahme vor dem Kollaps gerettet werden. Für die Prime Broker ist die Lage brisant: Zum einen steht für sie zu befürchten, dass nicht alle Hedge-Fonds ihre Kredite vollständig zurückzahlen; das würde den Prime Brokern Verluste bescheren, die angesichts der vorangegangenen Wertberichtigungen und Verluste schwer zu verkraften wären. Zum anderen - und noch ungemütlicher - könnte der Investorenstreik die Prime Broker zwingen, die Aktiva der angeschlagenen Fonds auf die eigenen Bücher zu nehmen. Dadurch entstehen für die Prime Broker nicht nur Verluste, sondern unter Umständen auch ein Bedarf an zusätzlichem Eigenkapital - eine Zwangslage, die den Aktienkurs unter Druck bringen kann.
Ackermann wirbt, dass Investoren ihren Käuferstreik aufgeben sollen
Vor diesem Hintergrund hat Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, in der vergangenen Woche mehrfach die Ansicht geäußert, dass viele Vermögenswerte inzwischen attraktiv bewertet seien - und dafür geworben, dass die Investoren ihren Käuferstreik aufgeben sollten. Eine britische Wirtschaftszeitung berichtete am Samstag auf ihrer Titelseite, dass die großen Notenbanken Gespräche darüber führten, selbst als Käufer von Wertpapieren in die Bresche zu springen. Die britische und die amerikanische Notenbank haben dies aber dementiert.
Dieser Bericht mag dem Wunschdenken in Not geratener Privatbankiers entsprungen sein, andere Gerüchte wurden offenbar mutwillig gestreut - um dann vom Absturz der Aktienkurse oder dem Anstieg der Risikoprämien zu profitieren. So brachte Gemunkel über angebliche Liquiditätsnöte die Großbanken Lehman und HBOS zeitweise schwer unter Druck. Die Bank von England hat daraufhin ausdrücklich davor gewarnt, solche Gerüchte in die Welt zu setzen, und einschlägige Ermittlungen begonnen.
Nach der Leitzinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed und den neuen Liquiditätsspritzen mehrerer Notenbanken hat sich die Lage an den Kreditmärkten in der vergangenen Woche etwas entspannt. Doch stürzten Verkäufe von Hedge-Fonds die Rohstoffmärkte in heftige Turbulenzen - wobei eine Rolle spielte, dass die Fonds Gewinne sicherstellten, um damit Verluste an anderer Stelle auszugleichen. Jedenfalls sackte der Preis für Rohöl, der noch am vergangenen Montag mit 111,80 Dollar je Barrel (159 Liter) ein Rekordhoch erreicht hatte, bis Gründonnerstag um mehr als 10 Prozent ab.
In der Wall Street sind die großen Aktienindizes leicht gestiegen
Am Ostermontag wurden in New York rund 101 Dollar je Fass gezahlt. Der Goldpreis fiel im gleichen Zeitraum von 1032,70 auf etwa 920 Dollar je Feinunze. Unter die Räder geriet auch der Euro, der am Ostermontag zeitweise nur noch 1,5342 Dollar kostete - nach einem Rekordhoch von 1,5904 Dollar eine Woche zuvor. Demgegenüber verzeichneten Europas Aktienmärkte - nach nervenaufreibenden Schwankungen insbesondere bei den Finanztiteln - in der verkürzten Osterwoche vergleichsweise moderate Verluste zwischen zwei und vier Prozent. In Wall Street sind die großen Aktienindizes sogar leicht gestiegen; am Ostermontag eröffneten sie freundlich.
Am heutigen Dienstag wird aus Amerika über die Entwicklung der Eigenheimpreise und des Konsumentenvertrauens berichtet. Am Mittwoch folgt das deutsche Ifo-Konjunkturbarometer. Im Mittelpunkt wird aber das große Zittern über weitere Kursverluste und etwaige Schieflagen von Banken und Fonds stehen - und die Frage, ob die Selbstheilungskräfte des Marktes ausreichen, um das Finanzsystem zu stabilisieren, oder ob die Notenbanken oder Finanzminister angesichts des Investorenstreiks Wertpapiere ankaufen sollten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
