01. August 2008 Es gibt Unterschiede zwischen Theorie und Praxis. Diese Binsenweisheit wird durch das Geschehen an den Finanzmärkten regelmäßig bestätigt. Zum Beispiel in Bezug auf die Devisenmärkte.
Viele Theoretiker argumentieren, Wechselkurse ließen sich nicht prognostizieren und berufen sich dabei auf alle nur denkbaren Modelle, die sie ausprobiert hätten. Möglicherweise sind es jedoch einfach die falschen. Denn tatsächlich entstehen an den Märkten zumindest phasenweise immer wieder mächtige Trends, die länger andauern können, als Theorien das erklären könnten.
Profit durch Convergence- und Carry-Trades ...
Dazu zählten in den vergangenen Jahren der niedrigen Zinsen, der üppigen Liquidität und des hohen Risikoappetits die so genannten Convergence Trades. Sie setzten einerseits auf so genannte Konvergenzbewegungen, wie sie zunächst in West- und dann in Mittel- und Osteuropa im Rahmen des EU-Beitritts zu beobachten waren. Diese führten dazu, dass Währungen wie der polnische Zloty oder auch die tschechische Krone längere Zeit im Trend aufwerteten.
Dazu zählten aber auch die so genannten Carry Trades. Sie werden charakterisiert durch Mittelabflüsse aus niedrig verzinslichen Währungen und Mittelzuflüsse in andere, die hohe Zinsen und möglicherweise sogar noch Zinserhöhungsphantasien bieten können. Zahlungsströme dieser Art führten auf der einen Seite zu Ab- und auf der anderen zu Aufwertungen.
Ein typisches Beispiel dafür war der Verkauf von Yen oder Schweizer Franken gegen Euro, gegen australische, kanadische oder gegen den Neuseeland-Dollar. Solche Transaktionen ließen Yen und Franken unabhängig von anderen fundamentalen Variablen immer schwächer werden, während zum Beispiel der Neuseeland-Dollar immer stärker wurde.
Noch vor einem Jahr waren bis zu 97,70 Yen nötig, um einen Kiwi-Dollar erwerben zu können - nach 42,24 Yen im Jahr 2000. Die Währung Neuseelands profitierte in der Phase der Aufwertung von der Zins- und der Rohstoffphantasie. In den vergangenen Monaten hat sich diese Phantasie jedoch in Luft aufgelöst. Die überbewertete Währung Neuseelands führte zusammen mit der Kreditkrise zum Abflauen der Konjunktur in Neuseeland. Und das zwingt die Zentralbank nun dazu, die Zinsen zu senken.
... allerdings laufen sie nicht bis in alle Ewigkeit
Der Devisenmarkt hat das in den vergangenen Wochen vorweggenommen: Der Kiwi-Dollar ist gegen den Yen durch den Aufwertungstrend gefallen und hat auch gegen den Euro deutlich abgewertet. Viele Experten rechnen damit, dass die Zinsen in Neuseeland weiter gesenkt werden. In diesem Rahmen werde die Währung in einen mittel- bis längerfristigen Abwertungstrend übergehen, heißt es vielfach.
Ähnliches sei auch in Bezug auf die australische und möglicherweise auch die kanadische Währung zu erwarten. Auf dem fünften Kontinent zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab wie in den Vereinigten Staaten. Die Wirtschaft wird bisher praktisch nur noch vom Rohstoffsektor getragen. Sollten die Energie- und Rohstoffpreise im Rahmen der weltwirtschaftlichen Abkühlung stärker korrigieren, werde das die konjunkturellen Bremsspuren in Australien noch verstärken. In Kanada waren die jüngsten Wachstumsdaten enttäuschend.
Sind solche Abwertungstrends erst einmal etabliert, können sie sich selbst verstärken, da immer mehr Anleger auf sie wetten. Europäer konnten in den vergangenen fünf Monaten mit Wetten gegen den Kiwi-Dollar immerhin schon 17 Prozent gewinnen. Noch scheint dieser Trend nicht ausgereizt zu sein. Die Kursdynamik hat in den vergangenen Tagen deutlich zugenommen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET